Der Skandal aufgrund von Betrug und Doping im russischen Sportsystem wird Konsequenzen haben. Der Sprecher des Internationalen Olympischen Komitees (IOC), Mark Adams, bezeichnete die Vorwürfe als "ernsthafte Anschuldigungen" und teilte mit, dass die Ethik-Kommission des IOC die Angelegenheit untersucht. "Sollte es etwas geben, was das Olympische Komitee und unseren Ethik-Kodex beeinflusst, werden wir nicht zögern, alle nötigen Maßnahmen durchzuführen", so Adams.

Eine ARD-Dokumentation hatte zu Tage gebracht, dass systematisches Doping und Vertuschung in Russland Alltag sind. Die Enthüllungen sind auch Thema auf dem Reformkongress des IOC in Monte Carlo am Wochenende.

Auch der Leichtathletik-Weltverband (IAAF), der seit Ausstrahlung der Doku Geheimsache Doping – Wie Russland seine Sieger macht besonders ins Blickfeld geraten ist, kündigte Untersuchungen an. Immerhin belegen Videoaufzeichnungen die Verstrickung von Cheftrainer Alexej Melnikow in Doping oder ein heimlicher Handymitschnitt, wie die 800-Meter-Olympiasiegerin von 2012, Marija Sawinowa, ihre Einnahme von verbotenen anabolen Mitteln erklärt.

Der Leichtathletik-Verband verwies dabei auf seine neue unabhängige Ethik-Kommission. Sie habe die Vollmacht und die Möglichkeit, Sanktionen auszusprechen, wenn Anschuldigungen relevant sind, hieß es in einem Statement. "Wie das ARD-Fernsehen zeigte, sind bei der Ethik-Kommission der IAAF bereits Untersuchungen zu Problemen des Dopings in der russischen Leichtathletik im Gange." Nach Angaben der IAAF sind zurzeit 68 russische Leichtathleten wegen Dopings gesperrt.

"Die Doping-Doku der ARD war schockierend! Wir können nur mit gutem Beispiel vorangehen und sauberen Sport weiterbetreiben", twitterte Stabhochsprung-Weltmeister Raphael Holzdeppe.

IAAF-Council-Mitglied Helmut Digel fordert ein zügiges Eingreifen. "Ich hoffe, dass man in dem Fall schnell zu Ergebnissen kommt. Je länger er vor uns hergeschoben wird, desto größer wird der Schaden", sagte er. Vorverurteilungen machten keinen Sinn, man müsse belastbare Verfahren haben. Russland warf er vor, an einer Aufklärung nicht interessiert zu sein. "Das ist ein Problem der Anti-Doping-Gesetze, dass sie auf dem Papier stehen, aber nicht umgesetzt werden", sagte er. Russland sei über den Sportminister und die Regierung gefordert, die notwendigen Schritte zu tun. "Ob sie erfolgen, wird man sehen", sagte Digel. 

Sportverbände sind nicht überrascht

Die deutschen Gewichtheber hegen schon länger den Verdacht auf systematisches Doping im russischen Sport. "In manchen Ländern gehört Doping zum Sport. Russland ist da kein Einzelfall", sagte Christian Baumgartner, Präsident des Bundesverbandes Deutscher Gewichtheber. Der ARD-Film habe ihn jedoch erstaunt: "Überrascht bin ich von der Dichte an Belegen, Daten und Zeugen."

Die Internationale Biathlon Union ist wenig überrascht. "Man darf nicht vergessen, Sporterfolge in kommunistischen Systemen waren ein beliebtes Instrument, ein Land oder eine Region auf der Weltkarte zu platzieren", sagte Generalsekretärin Nicole Resch. "Dass hierbei Athleten instrumentalisiert wurden, kann ich nicht ausschließen." Der frühere russische Frauentrainer Wolfgang Pichler hat hingegen systematisches Doping bei den russischen Biathleten ausgeschlossen. "Es wird immer schwarze Schafe geben. Aber alle, das ist Schmarrn", sagte er. Zugleich hält er es aber für vorstellbar, dass im Zuge auf die Vorbereitung auf die Olympischen Spiele in Sotschi im Auftrag des Sportministeriums am Verband vorbei eine Gruppe von Athleten aufgebaut wurde, "die gezielt für die Heimspiele an den anderen vorbei vorbereitet wurde".

Pichler hatte in der vergangenen Saison Olga Saizewa, Jekaterina Glasyrina, Swetlana Slepzowa, Jana Romanowa und Jekaterina Schumilowa betreut. "Für diese Athletinnen lege ich meine Hand ins Feuer", sagte er. Zugleich wurde aber eine Konkurrenzgruppe aufgemacht, aus der die letzten beiden Epo-Dopingsünderinnen – Jekaterina Jurjewa als Wiederholungstäterin und Olga Starych – erwischt und gesperrt wurden. Auch Nachwuchshoffnung Alexander Loginow wurde positiv getestet. "Wir hatten immer das Gefühl, dass irgendwas läuft. Die haben das ziemlich gezielt mit ein paar Athleten probiert", erklärte Pichler.  

Deutscher Biathlet Pfeiffer glaubt nicht an Staats-Doping in Russland

Als Grund nennt Pichler hohe Leistungserwartungen. Russland habe nach den schwachen Leistungen bei den Winterspielen 2010 unter massivem Druck gestanden. "Die hatten in Sotschi Angst, dass sie keine Medaillen holen", erklärte Pichler, der jetzt für das schwedische Team arbeitet.

Der deutsche Biathlet Arnd Pfeiffer hält systematisches Doping in Russland für nicht realistisch. "Es ist so ein großes Land, da kann ich mir Staatsdoping nicht so richtig vorstellen", sagte er. "Wenn es wirklich so wäre, wäre es natürlich ein großes Ding. Ich habe aber das Gefühl, es ist eher punktuell."

Keinen Kommentar abgeben wollte der Radsport-Weltverband UCI, der immer wieder auch mit russischen Doping-Fällen zu tun hat. "Uns steht es als Verband sicher nicht an, den Inhalt von Fernsehsendungen zu kommentieren", sagte UCI-Sprecher Louis Chenaille.