Wäre Sven Knipphals Fußballer, hätte er es leicht. Er gehört in seinem Sport zu den Besten im Lande, wäre im Sommer in Brasilien also Weltmeister geworden, wäre längst Millionär und könnte sich vor Werbeverträgen kaum retten. Doch Sven Knipphals ist kein Fußballer.

Sven Knipphals ist Leichtahlet, Sprinter. 10,20 Sekunden über 100 Meter, nur 14 Deutsche sind je schneller gelaufen als er. Im vergangenen Jahr wurde er bei den Deutschen Meisterschaften Dritter über 100 Meter und Zweiter über 200. In diesem Jahr gewann er mit der deutschen 4x100-Meter-Staffel Silber bei den Europameisterschaften in der Leichtathletik. Trotzdem muss er nun im Internet Geld für seinen Sport sammeln.

Knipphals gehört zu den Athleten, die immer im Schatten der Superstars stehen werden. Die keine Millionen verdienen, keine großen Sponsorenverträge haben. Olympiasieger wird er wahrscheinlich nie werden. Wie 99 Prozent der deutschen Sportler. Ab und an sind sie mal im Fernsehen zu sehen. Dann sollen sie alles geben für Deutschland, sollen erfolgreich sein. Doch fragen sich die meisten von ihnen: Wie soll das gehen?

Spitzensportler als Almosenempfänger

Sie müssen sich abrackern. Nicht nur für neue Bestzeiten, das auch, aber vor allem dafür, ein anständiges Lebens führen zu können. Ungefähr 1.000 Euro bekommt Knipphals für seinen Sport im Monat. Er muss nicht hungern, aber seine Sorgen plagen viele Spitzensportler, die um Aufmerksamkeit kämpfen und darum, ihren Sport überhaupt irgendwie betreiben zu können, ohne jede Minute über Geld oder dessen Mangel nachdenken zu müssen. "Man sollte Idealist sein", sagt Knipphals. Der Spitzensportler als Almosenempfänger.

20 Stunden in der Woche trainiert Knipphals, drei Tage arbeitet er als Chiropraktor in einer Praxis. Ohne seinen Job würde er nicht über die Runden kommen. Nur misst er sich bei den großen Turnieren – sein Ziel sind die Olympischen Spielen 2016 in Rio de Janeiro – mit Vollprofis. Chancengleichheit ist etwas anderes. Einer Studie zufolge absolvieren deutsche Athleten im Schnitt eine 60-Stunden-Woche. Sie verdienen 626 Euro im Monat. Neben dem Sport studieren sie oder gehen arbeiten. Das ist so gewollt, damit sie nach der Sportkarriere nicht mit leeren Händen dastehen. Aber es belastet auch: 2010 machte Knipphals zuletzt Urlaub, ein langes Wochenende in Paris. 2012 hatte er einen Hörsturz, zu viel Stress.

Sprinttipps via Skype

Nun hatte Knipphals eine Idee: Crowdfunding. Seit Kurzem kann man den schnellen Mann quasi mieten. Für 100 Euro gibt er eine halbe Stunde Tipps für das nächste Sprinttraining, via Telefon oder Skype. Für 180 Euro darf man bei ihm zum Training vorbeischauen und für 480 Euro nimmt er sich zwei Stunden Zeit für ein persönliches Treffen inklusive signiertem Erinnerungsfoto.

"Es ist eine Mischung aus Crowdfunding und Merchandising", sagt Knipphals. Bis jetzt bekam er fast ausschließlich positive Reaktionen. Die ersten Trainings sind gebucht, die ersten T-Shirts in die Welt versandt. Reich werden will er mit der Aktion nicht, sondern sein Sportlerleben professionialisieren. "Ich möchte mir keine größere Wohnung oder ein schöneres Auto kaufen, sondern einfach zwei-, dreimal in der Woche zur Physiotherapie gehen können", sagt Knipphals.

Etwa 140 Millionen Euro steckt der deutsche Staat pro Jahr in den Spitzensport. Viel Geld, von dem die Sportler selbst allerdings nichts bekommen, es fließt an Trainer oder in Trainingslager. Ohne einen monatlichen Zuschuss von der Stiftung Deutsche Sporthilfe, die sich vor allem privat finanziert, könnten viele Spitzensportler ihren Sport nicht betreiben.