ZEIT ONLINE: Vor fünf Jahren haben sie mit ihrer Stiftung angefangen, in Krisengebieten wie Afghanistan Skateparks zu bauen. Was treibt einen, dorthin zu gehen, von wo andere flüchten?

Titus Dittmann: Eigentlich habe ich mich damals, Ende 2008, schon mit Ruhestandsfantasien beschäftigt, aber dann las ich ein Interview mit dem Skateboarder Travis Beard, der damals in Afghanistan Skateboard-Unterricht für kriegsgebeutelte Kinder gab. Das zerlegte meine Rentenambitionen in Sekundenschnelle und war die Initialzündung für das Projekt. Bis jetzt haben wir auf vier Kontinenten insgesamt 21 Skateparkprojekte erfolgreich realisiert.

ZEIT ONLINE: Skateparks in Gebieten, in denen viele Leute meist nicht einmal wissen, was sie am nächsten Tag essen werden. Warum?

Dittmann: Wer einmal gesehen hat, wie die Kids vor Freude ausrasten, wenn wir einfach ein paar Skateboards in die Runde schmeißen, der wird verstehen, dass Lebensmittel und Kleidung zwar wichtig sind, aber am Ende des Tages Begeisterung den Ausschlag für gesellschaftliche Veränderungen bringt. Die Kids üben mit dem Brett plötzlich eine Disziplin aus, die weder Eltern noch der Mullah noch irgendein Mitglied aus der Erwachsenenwelt beherrscht. Das Skateboarden wird zu ihrem eigenen Ding – macht sie stark, bildet ihre Persönlichkeit und wirkt gleichzeitig sinnstiftend. Wenn wir den Kindern nichts liefern, das ihre Herzen zum Brennen bringt, haben es Radikale einfacher, sie für die falschen Werte zu begeistern, und eh man sich versieht, rennen sie mit Gewehren rum. Wir geben den pubertierenden Rotzlöffeln in der Orientierungsphase ein Werkzeug an die Hand, mit dem sie sich abgrenzen und eine eigene Gesinnungsgenossenschaft bilden können. Eine junge Generation, die nicht ausschließlich die Werte der Alten adaptiert, sondern außerhalb der starren Ansichten Erfahrungen macht, ist die beste Voraussetzung, um die Welt positiv ins Rollen zu bringen.

ZEIT ONLINE: Trotzdem und noch mal: Skateboards, schön und gut, aber wie hilft das den Kindern in ihrer Entwicklung zu erwachsenen und verantwortlichen Mitgliedern der Gesellschaft?

Dittmann: Der Grundsatz der Arbeit von skate-aid fußt auf dem Prinzip des Forderns und Förderns und erfüllt durch die sozialpädagogischen Konzepte die Anforderungen an Jugend- und Entwicklungshilfe: Je nach Projekt findet eine enge Zusammenarbeit von einem professionellen Team aus Sozialarbeitern und Psychologen statt. Unsere Projektpartner, und wenn möglich auch die Freiwilligen, müssen einen pädagogischen Hintergrund aufweisen, und in der Jugend- und Entwicklungshilfe angegliedert sein. Neben der sportlichen Betätigung über das Skateboarden legen wir bei all unseren Projekten großen Wert auf die Einbindung von Querschnittsthemen wie Bildung, Musik, Kunst, Sprachkurse, Demokratieverständnis und Gleichberechtigung. Wir greifen Problemlagen der lokalen Bevölkerung auf, wie Armut, häusliche Gewalt, HIV, oder allgemeine soziale Missstände. Die Themen werden innerhalb der Projekte oder in Workshops individuell besprochen und bearbeitet.

ZEIT ONLINE: Dafür haben Sie und ihr Team sogar ein besonderes Motivations-System entwickelt. Erklären Sie.

Dittmann: Wir haben ein Punktesystem erarbeitet, um die Jugendlichen zur Teilnahme an den Workshops zu bewegen, ihre gesellschaftliche Mitverantwortung zu fördern und sie zu sozialem Engagement anzuregen. Über dieses können Jugendliche durch die Teilnahme an Workshops oder durch besonderes Engagement innerhalb oder außerhalb der Projekte Punkte erhalten, die ihrem Punktekonto gutgeschrieben werden. Diese können eingetauscht werden für Skateboardmaterial, Ausflüge und Ähnliches.