Im Jiddischen gibt es eine Tätigkeitsbezeichnung namens Eitsesgeber, womit jemand gemeint ist, der anderen Menschen Ratschläge gibt. Wie jeder weiß, der mit den Nuancen des Jiddischen vertraut ist, ist ein Eitsesgeber ein Mensch, der einem erzählt, was man tun soll, sich selbst aber nicht nach seinem eigenen Rat verhält.

Viele von uns kennen Eitsesgeber, auch wenn die meisten von uns noch nie den Begriff Eitsesgeber gehört haben. Politiker sind die besten Beispiele für Eitsesgeber, die es gibt – egal, ob sie rechts oder links stehen. Sie erzählen uns, wir sollen hart arbeiten, ehrlich sein und uns moralisch und ethisch verhalten. Sie selbst befolgen diese Ratschläge nicht, und deshalb wählen wir sie wieder und wieder und wieder.

Andere Eitsesgeber sind die Journalisten, deren Texte Sie und ich jeden Tag lesen. Sie erzählen uns immer wieder, guter Journalismus bedeute zu berichten, was man sieht, nicht, was man gerne gesehen hätte, aber diesen Grundsatz befolgen sie nur selten. Tagein, tagaus schreiben sie Artikel, in denen sie die Amerikaner als geistlos und die Europäer als gebildet darstellen, Israelis als böse und Palästinenser als toll. Man muss absolut naiv und voreingenommen sein, um das zu glauben.

In Deutschland, wo Jiddisch keine offizielle Sprache ist, wird ein Eitsesgeber "deutscher Journalist" genannt – und genau das bin ich. Wie meine Schwestern und Brüder in diesem Geschäft erzähle ich Ihnen, wie Sie abnehmen, wie Sie trainieren, wie Sie fit werden, wie Sie laufen, wie Sie schwitzen, wie Sie Gewichte heben sollen – aber das einzige, was ich hebe, ist mein Finger, um auf dem iPad zu tippen.

Ich bin also ein klassischer deutscher Journalist.

Ja, doch.

Aber dann kam 2015.

In diesem Jahr ist etwas mit mir passiert, was ich hiermit voller Scham öffentlich bekenne: Ohne jemandem davon zu erzählen, vor allem nicht meinen Redakteuren, habe ich beschlossen, den journalistischen Kodex dieses Landes zu brechen. Von heute an werde ich ganz genau berichten, was ich sehe, und ich werde den Ratschlag befolgen, den ich auch meinen Lesern gebe.

Was in meinem Fall bedeutet, dass ich nach Dresden fahre.

Ja.

In der vorigen Kolumne habe ich Ihnen geraten, an Demos teilzunehmen, und jetzt befolge ich meinen eigenen Rat – und berichte Ihnen, was ich dort sehe.

Ich werde endlich die berühmten Pegida-Demonstranten kennenlernen und mit ihnen marschieren.

Wenn ich es richtig verstehe, mögen sie keine Fremden, weshalb es absolut angemessen ist, dass ich als Fremder mich ihrem Marsch anschließe.

Das könnte lustig werden, und ich nehme ein paar Kilo ab.

Perfektes Fitnesstraining!

Ich komme in Dresden an und suche nach den Pegida-Leuten, aber das erste, was ich sehe, ist eine Straßenbahn. Ziel: Wilder Mann. Großartig! Wilder Mann! Was für ein Name! Gesegnet ist die Stadt, in der es solche Orte gibt!

Leider haben die Pegida-Organisatoren, zumindest den Informationen nach, die ich von den Ortsansässigen bekomme, nicht vor, in Wilder Mann zu marschieren.

Aber was soll ich machen? Nichts ist perfekt. 

Ich gehe durch die Straßen von Dresden, bis ich auf die Pegida-Leute treffe, 25.000 sind es. Ich weiß nicht, wie es Ihnen geht, aber ich liebe Menschen. Egal wo ich hinsehe, überall sind Menschen: Menschen, mehr Menschen, mehr Menschen und noch mehr Menschen.

Ich mische mich unters Volk.