Im Wolfsburger Presseraum steht eine Tafel, dort geben die Journalisten vor jedem Spiel ihren Tipp ab. Danach wird der Sieger ermittelt, oft sind es mehrere. Dass keiner gewinnt, kommt normalerweise nicht vor. Weil (natürlich!) die Sportreporter Experten sind. Auch, weil so viele mitmachen, dass jedes halbwegs mögliche Ergebnis auf der Tafel steht.

Die Tipprunde des Rückrundenauftakts fand keinen Sieger. Dieses Ergebnis zwischen dem Tabellenersten und -zweiten hatte niemand erwartet. Nicht mal die Spaßvögel, die auch mal 2:6 oder 7:3 auf die Tafel schreiben, ahnten dies: Der VfL Wolfsburg schlug den FC Bayern 4:1.

Noch mal in Worten: vier zu eins! Gegen die unschlagbaren Bayern, die in der ganzen Hinrunde nur vier Gegentore zuließen. Die zuletzt im April gegen ein deutsches Team verloren hatten. Die seit Monaten bereits als Meister festzustehen schienen. Die Wolfsburger verknappten nicht nur ihren Rückstand auf acht Punkte. Sie zeigten auch der Liga, dass die Bayern doch noch zu schlagen sind. Vielleicht sind sie sogar noch nicht mal Meister.

Dabei wollten die Wolfsburger nach dem Tod ihres Mitspielers Junior Malanda, der vor drei Wochen durch einen Autounfall ums Leben gekommen war, erst mal nur in den Alltag zurück. Der ganze Verein machte das Duell mit den Bayern zu einem Malanda-Gedenkspiel.

Applausminute für Junior Malanda

Es waren bewegende Momente. Vor dem Anpfiff standen beide Teams in einer Reihe und schauten zur Nordkurve. Dort sahen sie eine große Malanda-Choreo der Heimfans: "Für immer in unseren Herzen". Danach gab es keine Schweige-, sondern eine Applausminute. Bis auf die Schiris, die offenbar selbst gegenüber dem Tod neutral bleiben, klatschten alle mit, auch die Bayernfans und die Journalisten. Dieter Hecking sprach nach dem Sieg von einem "beeindruckenden Zusammenspiel zwischen Fans, Mitarbeitern der Geschäftsstelle und der Mannschaft".

Der VfL Wolfsburg hatte sich von der Trauerfeier inspirieren lassen, die vor zehn Tagen in Brüssel stattgefunden hatte. Sie war afrikanisch geprägt, am Ende gab es lebensfrohen Gospel. Man kennt solche Rituale des Trauerns auch aus den Jazz Funerals in New Orleans. Ist der Verstorbene verabschiedet, sind die Klagelieder verklungen. Dann kommt die Musik allmählich in Trab, erst Swing, später lärmender Jazz.

Auch die Trauerfeier im Wolfsburger Stadion ging bald zum gemütlichen Teil über. Bereits nach gut drei Spielminuten wurde es zum ersten Mal laut. Die grün-weiße Trauergemeinde bejubelte den ersten Treffer. Sie sollte bis zum Ende nicht mehr verstummen.

Die Wolfsburg-Fans wurden an diesem Abend nicht ihrem Klischee vom braven VW-Ingenieur gerecht, sie machten große Fußballstimmung. Der Schiedsrichter bekam ebenso Pfiffe ab wie der Buhmann Xabi Alonso. Loblieder auf das eigene Team mischten sie mit Schmähgesängen auf die Gegner und fröhlichen Chören auf Junior Malanda. Seinen Namen skandierten sie zur Melodie von "Give it up! Baby, give it up!"

Auch die Mannschaften verhielten sich nicht wie typische Trauergäste. Man sah Rudelbildungen im Mittelkreis, Reklamationen beim Schiri, auch Grätschen der südamerikanischen Abwehrschule. Vor allem sah man ein Fußballspiel, in dem sich zwei Teams mit Stärken und Schwächen miteinander maßen. Das ist man von den Bayern ja nicht mehr gewohnt.

An diesem Abend offenbarten sie eine Menge Schwächen. Die abenteuerlich offensive Abwehr ermöglichte dem VfL viele einfache Angriffe und Tore. Offenbar vertraute sie darauf, dass Manuel Neuer seine Platzhälfte alleine sauber hält. Vor allem Dante und Sebastian Rode dürften Pep Guardiola Kopfkratzen verursacht haben. Das ist seine typische Handbewegung, wenn was schiefläuft. Im Mittelfeld sah man Anflüge von Altherrenfußball. Um die Weltmeister Xabi Alonso und Bastian Schweinsteiger taten sich Räume auf wie in der Wolfsburger Innenstadt nach Ladenschluss. Das Passspiel und der Spielaufbau waren Bundesligamittelmaß. Vom Sturm war nicht viel zu sehen.

Diesen Bayern setzten die Wölfe mit bissigem Pressing zu. Der junge Maximilian Arnold nahm als zentraler Mittelfeldspieler seinen Gegnern einige Mal den Ball ab, wusste anschließend auch was mit ihm anzufangen. An Naldo in der Abwehr kamen die Bayern kaum vorbei. Die Wolfsburger waren schneller als ihre Gegner, überlegen im Zweikampf.