Gladbach-Fan Herbert Wittlings im Trainingslager in Belek, Türkei © Jan Ruoff

Meine Frau und ich reisen zwei Mal im Jahr mit der Mannschaft in die Ferne. Einmal im Sommer, einmal im Winter, jeweils zu den Trainingslagern. Mit der Borussia waren wir schon in Orten, in die wir sonst nie gefahren wären. Die Türkei, Dubai, Spanien, Österreich, aber auch tolle Flecken in Deutschland, den Tegernsee zum Beispiel. Man sieht ein bisschen was von der Welt, ist unter Freunden – und das alles mit der Lieblingsmannschaft.

Sonst ergibt sich ja selten die Gelegenheit, so nah an den Profis zu sein. Dieses Jahr hatten wir zwar einen eigenen Flug und wohnen direkt neben dem Hotel der Mannschaft. Aber es gab auch Jahre, in denen wir im gleichen Flugzeug geflogen sind und im Mannschaftshotel gewohnt haben. Morgens kommt man da als Fan in den Frühstücksraum und ist mitten unter den Leuten vom Verein. Das ist toll. Die Spieler sind natürlich schon eher abgeschirmt. Sie müssen sich auf das Training konzentrieren. Aber es gibt immer wieder Gelegenheiten für Fotos und Smalltalk – ganz anders als im Ligaalltag.  

Dieses Jahr zum Beispiel hat Raffael einmal nach dem Training auf den Abholdienst gewartet, der ihn zurück zum Hotel fahren sollte. Der Physiotherapeut hat dann gescherzt, dass ich Raffael in meinem Rollstuhl mitnehmen könnte. Und dann hat der so getan, als würde er sich auf meinen Schoß setzen und mit mir losfahren. Im Trainingslager sieht man: Fußballer sind Menschen wie du und ich.

Seit fast 50 Jahren Fan

Ich als Rollstuhlfahrer bin im Vorteil gegenüber anderen Fans, weil ich sehr auffällig bin. Am Sonntag ist unser Präsident Rolf Königs zum Testspiel gegen Arminia Bielefeld angereist. Als er mich gesehen hat, ist er gleich zu mir gekommen und hat mich begrüßt.

Ich bin jetzt 62 Jahre alt und seit fast 50 Jahren Borussia-Fan. Als wir 1999/2000 abgestiegen sind, habe ich gesagt: Jetzt erst recht und bin Mitglied geworden. Meine Frau war schon Gladbach-Fan bevor ich sie kennengelernt habe. Die Borussia ist bei uns eine Familienangelegenheit. In den Wintertrainingslagern ist auch meine Schwester mit dabei. In Dubai haben wir einmal den 30. Geburtstag meiner Tochter gefeiert.

2006 bin ich bei Renovierungsarbeiten an unserem Haus vom Balkon gefallen und anschließend auf dem falschen OP-Tisch gelandet. Durch ärztliche Fehler bin ich seitdem querschnittsgelähmt. Als ich danach mein erstes Rollstuhl-taugliches Auto bekommen habe, sind meine Frau und ich ins Trainingslager nach Saalfelden gefahren. Das war im Sommer 2007. Da ging das mit den Reisen bei uns los. Ich hatte von anderen schon gehört, dass Trainingslager toll sind.

Dieses Jahr sind 200 Fans mitgereist. Es gibt zwei Fraktionen: Einige lassen es gerne krachen und stehen erst nach der ersten Trainingseinheit auf. Andere sagen: Wir sind nicht zum Vergnügen hier, sondern im Trainingslager. Für mich ist es selbstverständlich, jedes Training und jedes Testspiel zu besuchen. Wir sind wegen dem Fußball hier. Aber wenn man so hardcore drauf ist wie wir, und jede Einheit der Profis verfolgt, bleibt wenig Zeit für Land und Leute. Deswegen hängen wir manchmal ein paar Tage Urlaub ran.

Training beim Scheich

Jedes Trainingslager ist anders. In Dubai zum Beispiel hat die Mannschaft auf einem Privatgrundstück des Scheichs trainiert. Wir haben eine Akkreditierung bekommen und dann hat sich immer ein Tross aus Mannschafts-, Presse- und Fan-Bus auf den Weg gemacht. Sonst ist man nicht auf das Gelände gekommen, das war abgesperrt.

Wir kennen inzwischen viele Leute, die seit unseren ersten Jahren auch dabei sind. Manche fahren nur im Sommer mit, manche nur im Winter. Je nachdem, wie sie Urlaub bekommen. Ich habe den Vorteil, dass ich den Urlaub immer genehmigt bekomme, weil ich als Selbständiger mein eigener Chef bin. Für viele hat das aber auch finanzielle Gründe. Gerade jetzt, wo wir international spielen, können manche nicht mehr alles machen. Aber vom Herzen her wäre jeder Fan gern dabei.

Wir machen auch so noch Urlaub, ohne den Verein. Seit sechs Jahren fahren meine Frau und ich Ende Oktober für zwei Wochen nach Fuerteventura. Aber Trainingslager sind wirklich etwas Besonderes.

Aufgezeichnet von Anna Dreher