Es gibt nur wenige Postkarten aus dem Yosemite Nationalpark, auf denen El Capitan nicht zu sehen ist. Die etwa 1000 Meter hohe Steilwand des Berges ist nicht nur ein imposantes Fotomotiv der Touristen, sondern gilt als die schwerste und längste Wand, an die sich Kletterer wagen können. Dawn Wall heißt die Wand, weil sie die ersten Sonnenstrahlen des Tages einfängt. Jetzt wurde sie Schauplatz einer sportlichen Ausnahmeleistung.

Am Mittwochnachmittag standen Tommy Caldwell und Kevin Jorgeson auf dem Berg und jubelten. Die US-Amerikaner waren die Dawn Wall ohne technische Hilfsmittel hochgeklettert. Das hatte vor ihnen noch niemand geschafft. Für sie endete in diesem Moment eine 19 Tage lange Tortur. Caldwell und Jorgeson lagen sich in den Armen, Familie und Freunde gratulierten. Die erste Dusche seit Wochen kam aus Sektflaschen. Selbst US-Präsident Barack Obama twitterte seine Glückwünsche nach Kalifornien.

Tommy Caldwell und Kevin Jorgeson sind Freeclimber. Sie dürfen sich nur mit eigener Körperkraft nach oben bewegen. Seile benutzen sie nur, um den Fall in den Abgrund zu verhindern. Gestürzt sind Caldwell und Jorgeson oft. Die Felskanten an der Dawn Wall waren oft kaum breit genug für ihre Fingerkuppen. Manchmal mussten sie in Spiderman-Manier zweieinhalb Meter weit springen. Manchmal entschieden Kleinigkeiten, ob sie weitermachen konnten oder Abschnitte wiederholen mussten. So ist die Regel: Wenn ein Freeclimber eine Passage nicht schafft, muss er wieder von vorne anfangen.

Schlafen 300 Meter über dem Boden

Caldwell und Jorgeson kletterten meist nachts mit Stirnlampen auf dem Kopf. Weil es nachts kühler war, die Hände weniger schwitzten, das gibt mehr Halt am Fels. Kleine Zelte, 300 Meter über dem Boden an Haken in der Felswand festgemacht, waren nach jeder Etappe ihr Rückzugsort. Dort haben sie geschlafen, sich um ihre zerschlissenen Hände gekümmert und über Facebook, Twitter und Instagram mitgeteilt, wie es ihnen gerade ging. Im Abstand von mehreren Tagen brachten Helfer Essen und Trinken. Kameramänner dokumentierten das Projekt.

Caldwell spielte seit 2008 mit dem Gedanken die Dawn Wall ohne zwischenzeitlichen Abstieg zum Boden als Freeclimber zu bezwingen, Jorgeson stieß 2009 dazu. "Ich liebe es mit meinen körperlichen und mentalen Grenzen zu spielen, um zu sehen wie weit ich sie ausreizen kann", sagte Caldwell. Die vergangenen Jahre haben die beiden Kletterer immer wieder mehrere Wochen im Yosemite Nationalpark verbracht, mögliche Routen analysiert und trainiert. 2010 und 2011 hatten Caldwell und Jorgeson den Aufstieg bereits versucht. Erst verhinderten starke Stürme nach einem Drittel der Strecke den weiteren Aufstieg, dann brach sich Jorgeson den Knöchel.