ZEIT ONLINE: Herr Polenz, können Sie sich als Fußballprofi in Australien überhaupt auf Ihren Sport konzentrieren oder sind Sie eher Reiseführer für Freunde und Verwandte?

Jérôme Polenz: Ich kann gar nicht zählen, wie oft ich schon die Oper in Sydney gezeigt habe! Da wollen alle hin. Ich glaube ich bekomme durch den Wechsel nach Australien viel mehr Besuch, als ich ihn in Europa je gehabt hätte. Wir haben uns extra eine größere Wohnung zugelegt, mit einem Gästezimmer.


ZEIT ONLINE: Inzwischen spielen Sie aber nicht mehr bei den Western Sydney Wanderers, sondern beim Brisbane Roar FC. Was zeigen Sie Ihren Gästen jetzt?

Polenz: Exmouth. Ein Geheimtipp, den nicht mal die Australier so richtig kennen. Ein ganz kleines Städtchen im Westen mit einem Wahnsinnsriff. Meine Frau und ich waren dort vor einem halben Jahr tauchen, das war unglaublich. Wir sind mit bis zu zehn Meter großen Wal-Haien geschwommen.

ZEIT ONLINE: Wie gefällt es Ihnen fußballerisch in Australien?

Polenz: Als ich 2012 zum ersten Mal hierher gekommen bin, war ich total überrascht, fast schon geschockt von der Qualität. Wir spielen hier auf sehr hohem Zweitliganiveau, die ersten zwei, drei Mannschaften auf unterem Erstliga-Niveau. Anfangs musste ich mich da echt ranhalten, um schnell auf das Level der anderen Spieler zu kommen.

ZEIT ONLINE: Hat Ihre Karriere in Australien erst so richtig begonnen?

Polenz: Auf jeden Fall. Nach der schweren Zeit in Deutschland so ein Comeback zu geben, das war wie eine Wiedergeburt für mich.

ZEIT ONLINE: Als Sie zu den Sydney Wanderers gewechselt sind, war der Verein erst kurz zuvor gegründet worden und der Kader erst halb voll. Wie war die Anfangsphase in einem fremden Land bei einem neu gegründeten Verein?

Polenz: Katastrophal. Das Trainingszentrum ist weit im Westen von Sydney und ich habe in einem Hotel irgendwo im Niemandsland gelebt. Wir hatten keine Umkleidekabinen, sondern haben uns direkt neben den Mitarbeitern an ihren provisorisch eingerichteten Schreibtischen umgezogen. Aber das kam dann alles mit der Zeit. Nach vier Wochen hatten wir eine richtige Umkleidekabine, ein Fitnessstudio und den ganzen Rest. Am Anfang waren es Amateurbedingungen, aber wir haben das Beste daraus gemacht und an manchen Stellen wurde eben improvisiert. Wir waren trotz alledem so erfolgreich, weil die Mannschaft gut organisiert und strukturiert war, mit einem klaren Plan wie wir Fußball spielen wollten.

ZEIT ONLINE: Im ersten Jahr sind Sie in der regulären Saison Meister geworden, haben es in das Finale der Playoffs geschafft und der Club hat die asiatische Champions League gewonnen.

Polenz: Wir hatten so einen großen Erfolg mit unserem Verein, das war vielleicht Australiens Sportgeschichte des Jahrhunderts. Das war schon geil, da dabei gewesen zu sein. Das kann man sich ja eigentlich noch nicht mal für einen Film ausdenken.

ZEIT ONLINE: Australien hat Ende Januar zum ersten Mal den Asien-Cup gegen Südkorea gewonnen. Was bedeutet dieser Titel?

Polenz: Ungemein viel, vor allem für die Entwicklung des Fußballs. Mit dem Titel hält Australien jetzt die asiatische Krone auf Verbands- und auf Vereinsebene. Fußball ist hier auf der Überholspur. Das sieht man Woche für Woche in den Stadien.

ZEIT ONLINE: Welchen Stellenwert hat Fußball in Australien, dem Land von Cricket, Rugby und Australian Football?

Polenz: Bei den Western Sydney Wanderers war es eigentlich wie in Europa, wir hatten immer um die 25.000 Zuschauer. Natürlich gibt es auch Stadien, die nicht so voll sind, aber Fußball wird immer populärer hier. Das wird sich alles extrem entwickeln. Mich kennt inzwischen jeder hier, glaube ich.

In Australien legt der Verband das Budget der Vereine fest

ZEIT ONLINE: Der Wechsel nach Australien hätte Ihnen vor der Weltmeisterschaft in Brasilien sogar fast die Aufnahme in die algerische Nationalmannschaft gebracht.

Polenz: Ich stand in gutem Kontakt mit dem Nationaltrainer und wir haben überlegt, ob ich nicht noch den algerischen Pass beantrage. Es hat dann nicht geklappt, weil der Trainer zu wenige Spiele von mir gesehen hat und zeitlich alles zu knapp war. Aber für die Zukunft mache ich mir da weiterhin Hoffnungen. Vielleicht klappt es ja bei der nächsten WM.

ZEIT ONLINE: Nach den ersten zwei Jahren in Sydney sind Sie trotzdem zurück nach Europa und haben beim norwegischen Erstligisten Sarpsborg 08 FF gespielt. Warum?

Polenz: Ich wollte es einfach noch einmal in Europa versuchen, noch einmal zeigen was ich kann. Und natürlich auch ein bisschen mehr Geld verdienen. Aber mir war schon nach ein paar Monaten klar, dass es einfach zu gut war in Australien. Irgendwann weiß man das gar nicht mehr richtig zu schätzen, weil es alltäglich wird. Aber sobald man weg ist, vor allem wieder in der Kälte – und in Norwegen war es extrem kalt – verfällt man schon fast in eine Depression.

ZEIT ONLINE: Wie viel weniger verdient man in Australien?

Polenz: Hier gibt es einen sogenannten salary cap. Jeder Verein hat ein bestimmtes Budget das festgesetzt wird vom Verband. Das liegt bei knapp 2,6 Millionen für die ganze Mannschaft.

ZEIT ONLINE: Haben Sie das Gefühl die australische Liga wird in Deutschland wahrgenommen?

Polenz: Meine Freunde und ehemaligen Mitspieler verfolgen die australische Liga natürlich. Viele fragen mich mittlerweile auch schon um Hilfe, weil sie auch gerne hierher wollen. Früher haben das ja eher ältere Spieler gemacht, die im Ausland ihre Karriere ausklingen lassen wollten. Aber es kommen immer jüngere Spieler aus dem Ausland in die Liga.

ZEIT ONLINE: Kommen auch manche Ihrer Mitspieler zu Besuch?

Polenz: Max Kruse und Christoph Kramer sind letztes Jahr über Silvester in Sydney gewesen. Max hatte mich gefragt, ob ich ihm ein bisschen was zeigen kann und wir haben an der Oper zusammen gegessen und das Feuerwerk angeschaut. Die beiden sind dann auch noch zu einem Spiel von mir.

ZEIT ONLINE: Möchten Sie irgendwann zurück nach Deutschland kommen?

Polenz: Nein.