Streng genommen hat die Sache mit dem Weltfußballer sowieso keinen Sinn. Fußball ist ein Mannschaftssport, noch nie hat jemand eine Partie alleine gewonnen, einen einzelnen Spieler herauszupicken und mit Gold zu überhäufen, widerspricht der Natur des Spiels. Dafür forciert die Wahl den Personenkult, der wiederum unanständig hohe Ablösesummen und Gehälter erzeugt. Und jahrelanges Fahren ohne Führerschein.

Doch auch Sinnloses, so ist das nun mal, kann richtig Spaß machen. Und deswegen werden am Montagabend wieder alle nach Zürich schauen, wo der Ballon d’Or, wie die Auszeichnung neuerdings in feschem Französisch heißt, verliehen wird. Selbst jene, die dem Fußballweltverband Fifa bei jeder Gelegenheit die Pest an den Hals wünschen, werden sich einen Fifa-Stream suchen, um zu erfahren, wer während dieser Fifa-Gala den höchsten Fifa-Preis überreicht bekommt.

Was gibt es denn Schöneres als Fußballer zu vergleichen, die nicht vergleichbar sind? Einen großen, kräftigen Torjäger mit einem kleinen, wendigen. Und beide nun auch noch mit einem Torhüter. Wer ist denn nun der Beste? Ronaldo, Messi oder doch Neuer? Und überhaupt: Wird der beste Spieler von allen ausgezeichnet oder zwangsläufig der beste Spieler der besten Mannschaft? Und wer ist die beste Mannschaft? Deutschland, der Weltmeister, was auf Neuer hinauslaufen würde oder Real Madrid, der Clubweltmeister, der Champions-League-Sieger, also Ronaldo? Und kann man das alles überhaupt vergleichen?

Einer der besten Kicker der Geschichte

Darüber lässt sich herrlichst diskutieren und jeder darf am Ende recht behalten, weil Kunst, und um nichts anderes geht es hier, schließlich im Auge des Betrachters liegt. Doch sollten die Abstimmenden, also die Kapitäne und Trainer der Nationalmannschaften sowie die ausgewählten Medienvertreter, auch nur ein wenig vom Fußball verstehen, werden sie zu folgendem Votum kommen: In diesem Jahr kann nur Cristiano Ronaldo den Titel gewinnen. Sorry, Manuel Neuer.

Sicher, es gibt viele Gründe, den Portugiesen doof zu finden. Sein Narzissmus zum Beispiel: Erinnert sei etwa an das Champions-League-Finale, als er per Elfmeter (!) das völlig nutzlose 4:1 (!!) in der letzten Minute der Verlängerung (!!!) schoss und jubelte, als hätte er soeben die Weltformel gelöst. Oder die Chuzpe, sich schon zu Lebzeiten eine Statue errichten zu lassen, inklusive auffälliger Beule in der Bronzehose. Oder sein Haargelverbrauch. Oder sein cowboyhaftes Gehabe vor Freistößen – wo ist Gary Cooper wenn man ihn braucht?

Kaum ein Spieler der Welt wird so gehasst wie dieser Ronaldo. Trotzdem ist der Ungeliebte einer der besten Kicker der Geschichte. Und wenn einer der besten Kicker der Geschichte das wahrscheinlich beste Jahr seiner Karriere spielt, dann sollten nicht mehr viele Fragen offen bleiben.

Ein Geck, aber ein gewissenhafter

62 Tore in 61 Spielen machte er im Kalenderjahr 2014. Und wir reden hier nicht von Kreisklassekicks. In einem YouTube-Video sind alle Treffer zusammengeschnitten. Tore mit rechts, Tore mit links, Tore per Kopf, ein Tor mit der Sohle, eines mit dem Außenrist, eines mit der Hüfte. Freistoßtore, Fernschusstore, Mittelstürmertore, Elfmeter, Soli, vollendete Kombinationen. Es ist auf dieser Welt kein Tor vorstellbar, das Ronaldo nicht schießen kann.

Cristiano Ronaldo fehlt vielleicht die Magie eines Lionel Messi, er spielt steifer, auch weniger rund als etwa ein Zinédine Zidane. Aber Ronaldo ist womöglich
der kompletteste Fußballer der Gegenwart: Er ist schnell, trickreich, kann mit beiden Füßen sehr scharf schießen, ist sicher im Abschluss, kopfballstark und lässig bei Elfmetern. Seine Trainer beschreiben ihn als extrem ehrgeizig. Er soll oft Sonderschichten einlegen. Er mag ein Geck sein, aber ein gewissenhafter Geck.