Tore schießt er nur, wenn er Zeit hat – Seite 1

Er hat es wieder getan. Vor ein paar Tagen erst. Bekommt den Ball zugeschoben, fast 40 Meter vor dem Tor, trottet ein paar Sekunden übers Feld, schläfert seine Gegenspieler, ja das ganze Stadion ein und holt doch aus. Der Schuss ist nicht so fest, wie er aus dieser Entfernung sein sollte, aber der Ball dreht neben dem Pfosten ins Tor. Andrea Pirlo schlappt davon, unbeeindruckt, ehe ihn seine Mannschaftskameraden anjubeln.

Diese Mischung aus Akkuratesse und Nonchalance macht Andrea Pirlo zur Kultfigur, zum Helden aller Fußballhipster. Jener Spezie von Fans, die sich in coolen Großstadtkneipen zum Champions-League-Gucken trifft und in der Pause über Fußballerfrisuren aus den Neunzigern lacht. Ronaldo findet sich zu toll, Messi ist zu langweilig, Rooney ein Bauer, Robben fällt zu oft. Auf Andrea Pirlo können sich alle einigen. Bestimmt auch an diesem Dienstagabend, wenn er mit Juventus Turin auf Borussia Dortmund trifft (ab 20.45 Uhr im ZEIT-ONLINE-Live-Ticker).

"Der Beweis der Existenz Gottes. Sein Können macht uns verlegen", hat Italiens Nationaltorwart Gigi Buffon einmal über Pirlo gesagt. Es war nur halbironisch gemeint. Dabei ist Pirlo weder besonders schnell, noch kann er besonders fest schießen. Zweikämpfe meidet er und Tore macht er nur, wenn er Zeit hat, durch Freistöße und Fernschüsse. Es ist sein Stil.

Pirlos Spiel ist voll lässiger Würde, voll Grübelei und Genuss

Pirlo schleicht über den Platz, er watschelt fast. Das ist mitnichten altersbedingt. Mit 35 Jahren ist er zwar meist der Älteste, aber eigentlich mäandert er schon immer so über den Rasen. Ein Pässchen hier, ein Pässchen da. In Italien nennt man ihn den Metronom, er gibt den Takt und bewegt sich scheinbar kaum von der Stelle. Er lässt die Mitspieler laufen, chippt ihnen die Bälle über die Abwehr wie ein Quarterback beim Football.

Er selbst macht keinen Schritt zu viel, unnötiger Aufwand ist ihm fremd. Als er bei der WM 2014 im Spiel gegen England der beste Mann auf dem Platz war, fanden Statistiker heraus, dass er nur fünfmal sprintete. Und das so langsam, dass selbst sein Torwart schneller unterwegs war.

Die 11 Freunde schrieben einmal, sein Spiel sei aus der Zeit gefallen und zeitlos. Tatsächlich wirkt er wie ein übrig gebliebener Star aus den Siebzigern, einer der Netzers, Beckenbauers, Cruyffs. Begnadete Fußballer, die damals jedoch grotesk langsam durchs Bild trabten. Nur keine Hektik. Ist ein schöner Pass nicht ein Evergreen?

Grundsätzlich ist Pirlos Spiel mit dem des baskischen Neubajuwaren Xabi Alonso vergleichbar. Auch der zieht die Fäden, macht die kleinen Dinge richtig, aus denen sich das Große zusammensetzt. Pirlo fügt dem seine eigene Grazie hinzu. Sein Spiel ist voll lässiger Würde, voll Grübelei und Genuss. Eine adrianocelentanohafte Mixtur aus Rotzigkeit und Grandezza. Wenn er könnte, würde Pirlo sicher mit Sonnenbrille und aufgeknüpftem Hemd spielen. Und mit einem Chianti in der Hand. Er besitzt ein Weingut in der Toskana, das er von seinen Eltern geerbt hat.

Pirlo ist der letzte Schleicher in der Zeit des Tempofußballs

Pirlo ist eine Stilikone. Seine langes Haar, sein König-Drossel-Bart, vor allem seine düstere Miene wurden zum Markenzeichen. Unter dem Twitter-Hashtag #pirloisnotimpressed sammelt das Internet Bilder des unbeeindruckten Pirlo. Einige haben sogar Videos seiner Tore auf Pornoseiten hochgeladen. Der Spruch "No Pirlo, no party", der von einem T-Shirt stammen soll, das Pirlo unmittelbar nach Italiens WM-Aus in Brasilien getragen haben soll, stellte sich aber als Fake heraus.

Im März erscheint seine Autobiografie auf Deutsch. Ich denke, also spiele ich heißt sie in Abwandlung eines Descartes-Zitates im Original. Er schreibt dort Sätze wie: "Ich spüre keinen Druck, er kümmert mich nicht. Den Nachmittag des 9. Juli 2006 verbrachte ich in Berlin schlafend und an der Playstation. Am Abend ging ich raus und gewann den WM-Pokal." Oder: "Wenn ich nach dem Aufstehen oder vor dem Insbettgehen in den Spiegel schaue, sehe ich einen Mann von durchschnittlicher Hässlichkeit. Mit Bartstoppeln, einer renitenten Mähne, zusammengekniffenen Augen, leicht abstehenden Ohren und Tränensäcken. Aber ich sehe auch einen Mann, der vollkommen glücklich mit der Figur ist, die ihm entgegenschaut."

Hier und da passieren Pirlo ungewohnte Ballverluste

Andrea Pirlo ist der letzte Schleicher in der Zeit des Tempofußballs. Das Spiel wird immer schneller, rasanter, muskulöser. Pressingmaschinen, die den Gegner zermahlen wie Atlético Madrid oder in den besten Zeiten auch Borussia Dortmund, sind der Tod dieses Spielstils. Und deshalb ist die Frage, wie lange Pirlo noch kann.

Bei der EM 2012 war er einer der besten Spieler des Turniers. Zwei Jahre später in Brasilien konnte er nicht verhindern, dass Italien nach der Vorrunde noch Hause fuhr. Geschlagen vom südamerikanischen Kraft- und Tempofußball aus Uruguay und Costa Rica.

Im November wurde Pirlo von seinen Kollegen noch einmal zum besten Spieler der italienischen Liga gewählt. Doch hier und da passieren ihm ungewohnte Ballverluste. Die muss dann sein Kollege Paul Pogba ausbügeln, der Prototyp des neuen Mittelfeldspielers: groß, stark, kantig, ein zukünftiger Weltstar. Vielleicht wird Pogba wie Pirlo Weltmeister, Champions-League-Sieger, Fanliebling. Die Anmut eines Andrea Pirlo, des letzten Watschlers, wird er nie erreichen.