Welche Stadt, kleine Quizfrage, wäre die deutsche Schachhauptstadt? 

Hamburg, wo es den größten deutschen Schachverein gibt und Helmut Schmidt in seinem Büro spielt?

Berlin, wo der Deutsche Schachbund sitzt?

Frankfurt, wo Karl erscheint, die kultivierteste deutsche Schachzeitschrift?

Bad Soden im Taunus, wo der Tiger von Madras, Viswanathan Anand, bei den Chesstigers trainiert?

Dortmund, dessen sommerliches Sparkassen Chess Meeting weltweit beachtet wird? 

Oder Ströbeck mit dem Schachmuseum?

Wie die Aufzählung zeigt, geht es in Deutschland ganz gut ohne Schachhauptstadt. Das Spiel ist überall, auf den Freiluftbrettern von Helgoland oder am Strand von Sylt, in den 2.580 deutschen Schachvereinen von Varel bis St. Pauli, in den unzähligen Schulen, die am Nachmittag Schachunterricht bieten.

Aber wenn es eine Schachhauptstadt auszurufen gälte, und sei es nur als Anregung für den Rest des Landes, dann käme zur Zeit bloß eine infrage, und das ist Baden-Baden.  

Wer es nicht glaubt, mag sich übers Wochenende selber einen Eindruck verschaffen. Die Gelegenheit ist günstig, denn es läuft bis Montag ein sehr stark besetztes Turnier mit dem Weltmeister aus Norwegen und den besten Spielern aus Italien, Indien, Armenien, England und Deutschland, und ein sehr starker Franzose ist auch dabei.

Behagliche Soiree an der Pianobar

Natürlich kann man das Geschehen auf den Brettern aus der Ferne verfolgen, aber wer nach Baden-Baden fährt, taucht ein in eine Sphäre, die sich über das Internet nicht vermittelt.

Das geht los mit der Spielstätte, dem sogenannten  Schachzentrum. Die nüchterne Bezeichnung führt in die Irre. Das Schachzentrum ist Teil eines edlen Kulturhauses, das 1821 als Palais an der Oos errichtet wurde. Die Königin von Schweden zog ein. Ihr Sommersitz! Heute heißt es kurz LA8, für Lichtentaler Allee 8.

Es ist eine der besten Adressen der Stadt. Uralte Bäume säumen das Flüsschen. Am gegenüberliegenden Ufer erheben sich die Residenzen des 19. Jahrhunderts. Die Schachspieler sind Gäste vom Brenners Park, Deutschlands teuerstem Grandhotel, in dem große Gemälde und schwere Teppiche die Räume schmücken. Schon morgens lodert das Kaminfeuer im Salon, und wer – nach einer behaglichen Soiree in der Pianobar – vor dem Schlafengehen noch einen Durst verspürt, greift in den Kühlschrank seiner Suite, wo der Champagner wartet, das Drittel-Liter-Fläschchen zu 120 Euro.  

Nicht, dass ein Schachgroßmeister sich dazu verleiten ließe. Er braucht einen klaren Kopf für die Anforderungen des Tages.

Freie Kost und Logis für Schachspieler

Aber das Ambiente ist erhaben und kraftvoll. Es erinnert an die Blütezeit des europäischen Schachs. 1870 fand hier in Baden-Baden das erste deutsche Schachturnier von internationalem Rang statt. Erstmals kamen mechanische Uhren zum Zuge, um die Bedenkzeit zu beschränken. Ein Vorgriff auf die Moderne, von dem man gern wüsste, wie er damals aufgenommen und diskutiert wurde. Bis dahin wurden Sanduhren oder gar keine Uhren verwendet, und die Partien konnten sehr, sehr lang werden. Wer schlecht stand, war versucht, gar nicht mehr zu ziehen.

Weltberühmt ist das Turnier von 1925, das der nach Paris emigrierte Russe Alexander Aljechin gegen stärkste Konkurrenz  und ohne Verlustpartie gewinnen konnte. Damals wurde morgens um neun mit dem Spiel begonnen, dann ausgiebig Mittagspause gemacht, und von um halb vier bis um halb sieben ging es weiter. Vier Wochen lief das Turnier, bezahlt von der Stadtverwaltung. Die Hoteliers gewährten freie Kost und Logis, weil Schach etwas galt.

Manchen Spieler wird es zur Erquickung zwischendurch ins Friedrichsbad gezogen haben, in dem eine Session mit Duschen, Wärmen, Schwitzen, Baden, Kühlen, Ruhen, Lesen unter dreieinhalb Stunden Dauer als zu hektisch empfunden wurde. Dies gilt auch heute noch, in den selben historischen Räumen mit den wuchtigen Armaturen, dampfenden Steinen und den Statuen antiker Schönheiten.

Bei der Seifenbürstenmassage berichtet der durch 30.000 Anwendungen gestählte Bademeister von seinem 93-jährigen Stammgast, der jeden Donnerstag komme, seit 60 Jahren nun, und sich bester Gesundheit erfreue.