ZEIT ONLINE: Herr Aguiar, dank Ihnen hat Cristiano Ronaldo, der heute mit Real Madrid in Schalke spielt, eine weitere Bestätigung seines außergewöhnlichen Status. Sie bieten ein Seminar über ihn an. Wie sind Sie auf die Idee gekommen? 

Luis Aguiar: Während des WM-Qualifikationsspiels zwischen Schweden und Portugal 2013 ist mir am Stil des Kommentators im portugiesischen TV aufgefallen, welche Bedeutung Ronaldo für das Land hat. Ich habe mich gefragt, wie Ronaldo zu dem geworden ist, was er ist und warum. Und welche Rolle Ronaldo in dieser schweren wirtschaftlichen Zeit für die Portugiesen spielt. Ich wollte schon länger über Portugal forschen.

ZEIT ONLINE: Worum geht's in Ihrem Seminar?

Aguiar: Wir besprechen, welche Rolle Sport in unserer Gesellschaft spielt, und schauen, welche der wichtigen Theorien auf unsere soziologische Interpretation des Phänomens Ronaldo zutreffen. Es gibt viele verschiedene Themen, die man mit Bezug zu ihm diskutieren kann.

ZEIT ONLINE: Zum Beispiel?

Aguiar: Ronaldo zog als Kind von Madeira nach Lissabon und wurde wegen seines Akzents diskriminiert. Also fragen wir uns, welche Rolle Akzente in unserer Gesellschaft spielen. Wie wirken sich Rassismus und die Vermächtnisse von Kolonialismus auf die heutige Zeit aus? Was bedeutet Ronaldo für die portugiesische Identität? Wir sprechen auch über die Marke Ronaldo. Wie hat sich diese entwickelt, in welchen Geschäftszweigen ist er involviert, wie wird er vermarktet? Und dann geht es noch darum, wie Ronaldo generell rezipiert wird. Auf die meisten wirkt er arrogant, selbstverliebt und egoistisch.

ZEIT ONLINE: Es gibt ein Ronaldo-Museum auf seiner Heimatinsel Madeira und eine große Statue, die ihn als Fußball-Adonis zeigt.

Aguiar: Ich will wissen: Was sagt der Hype um Ronaldo über die heutige Gesellschaft aus? Und warum fühlen wir uns als Konsumenten so hingezogen zu ihm?

ZEIT ONLINE: Was sagt die Ronaldo-Soziologie dazu?

Aguiar: Ich glaube, viele sehen Ronaldo als Kompensation für etwas, das ihnen im Leben fehlt. Menschen identifizieren sich mit ihm, sie finden in ihm ein Vorbild – ob er will oder nicht. In Portugal sind sie besonders stolz, dass sie jemanden wie ihn haben. Er ist wichtig für die nationale Identität Portugals, vor allem in der wirtschaftlichen Krise.

ZEIT ONLINE: Hat sich Ronaldo bei Ihnen gemeldet? 

Aguiar: Leider noch nicht. Aber ich glaube, Ronaldo und sein Team wissen, dass es uns gibt. Wenn die Universität oder ich etwas kursbezogenes twittern, senden wir die Tweets auch an Ronaldo. Über die Medien hat er sicher auch schon von uns gehört. Wir hoffen, dass wir ihn irgendwann per Skype zuschalten können.

ZEIT ONLINE: Und was meint die Uni dazu?

Aguiar: Die Universität liebt die Publicity. Mit der Pressemitteilung haben wir ein YouTube-Video veröffentlicht, inzwischen hat es über 37.000 Views. Normalerweise schauen sich nicht mehr als 200 Leute diese Videos an. Es gibt auch im Eishockey-begeisterten Kanada viele Ronaldo- und Fußball-Fans.

ZEIT ONLINE: Was ja auch wieder etwas über Ronaldo aussagt.

Aguiar: Richtig, es dreht sich alles um ihn. Wenn Ronaldo nicht Teil des Seminars wäre und wir inhaltlich das Gleiche machen würden, hätten wir diese Aufmerksamkeit nicht. Das ist die Macht von Ronaldo.

ZEIT ONLINE: Auf welchem Stand ist die Ronaldo-Literatur?

Aguiar: Es gibt sehr viele Artikel über ihn. Leider nicht alle auf allerhöchstem wissenschaftlichen Standard.

ZEIT ONLINE: Haben Sie Feldforschung im Stadion betrieben?

Aguiar: Nicht direkt, aber ich bin im November für eine Weile nach Madeira geflogen. Ich habe die Insel entdeckt, mit Leuten geredet, mir sein Museum angeschaut. Auch werten wir viele Videos und Fotos aus.

ZEIT ONLINE: Könnte man dieses Seminar auch zu Lionel Messi halten?

Aguiar: Messi hat eine ähnliche internationale Präsenz. Er ist auch sehr stark kommerzialisiert, aber nicht in der Form wie Ronaldo. Messi hat nicht diesen Status als kulturelle Ikone.

ZEIT ONLINE: Wie lange werden Sie das Seminar anbieten?

Aguiar: Das weiß ich noch nicht. Die Nachfrage ist jedenfalls enorm. Vielleicht halte ich das Seminar mal in Madeira. Dann könnten die Studenten die Region kennenlernen und das Museum und die Stadt besuchen. Das wäre sicher fruchtbar für die Ronaldo-Forschung.