ZEIT ONLINE: Herr Hecking, Sie haben in den vergangenen zehn Jahren als Trainer von Hannover und Nürnberg im Mittelfeld der Liga gearbeitet. Jetzt stehen Sie mit dem VfL Wolfsburg auf dem zweiten Platz. Was macht das mit Ihnen?

Dieter Hecking: Es wird mich nicht verändern. Ich will weiter meine Currywurst essen und mein Bier in Ruhe trinken. Aber natürlich macht es mehr Spaß, oben zu spielen als unten oder im Mittelfeld.

ZEIT ONLINE: Vor dem 4:1 des VfL am Rückrundenauftakt hatte kaum jemand für möglich gehalten, dass der FC Bayern noch verlieren kann. War das mehr als ein Sieg?

Hecking: Ja. Wenn du Bayern München schlägst, weißt du, dass du gegen jeden gewinnen kannst. Wir zehren von diesem Tag. Und die Bayern hat diese Niederlage aufgeschreckt. Die Meisterschaft können wir ihnen aber nicht mehr nehmen, acht Punkte Rückstand sind zu viel.

ZEIT ONLINE: Arjen Robben, Frank Ribéry, Philipp Lahm oder Bastian Schweinsteiger werden bald ersetzt werden müssen. Wird das Bayern-Monopol auch in Zukunft anhalten?

Hecking: Bayern wird nicht immer Deutscher Meister, sie werden auch mal eine schwache Saison spielen. Dann könnten andere Mannschaften die Chance nutzen. Wir möchten eine davon sein.

ZEIT ONLINE: War der Sieg gegen Bayern nahe an Ihrem Ideal?

Hecking: Taktisch ja. Die Mannschaft hat sehr clever gespielt.

ZEIT ONLINE: Lobt ein Trainer die Taktik, lobt er sich selbst.

Hecking: Nicht unbedingt. Es sind die Spieler, die meinen Plan umsetzen. Das haben sie in diesem Spiel außerordentlich gut gemacht. Aber es stimmt schon, mein Team und ich hatten uns den Gegner und seine Schwächen genau angeschaut.

ZEIT ONLINE: Schwächen bei den Bayern? Das muss man sicher vielen Fans erläutern.

Hecking: Da muss man schon ganz genau hinschauen.

ZEIT ONLINE: Es fällt auf, dass Xabi Alonso und Bastian Schweinsteiger Fehler im Zentrum machen, wenn sie angegriffen werden, oder sie weichen in Zonen aus, in denen sie nicht mehr so gefährlich sind. Gegen Wolfsburg kam der FC Bayern kaum zu Chancen.

Hecking: Lässt man Alonso Raum, ist er der beste Passgeber der Liga. Daher habe ich meinen Jungs gesagt: Um Alonso müssen wir wie Bienen sein: schwärmen und im richtigen Moment stechen!

ZEIT ONLINE: Der VfL Wolfsburg kauft gut ein. Mehr als dreißig Millionen Euro hat der Verein für André Schürrle ausgegeben. Das hat die Konkurrenz erschreckt.

Hecking: Aber wir haben viel Lob für diesen Transfer bekommen. Wir haben einen deutschen Nationalspieler zurück in die Bundesliga geholt. Wir wollen uns dauerhaft unter den besten vier Mannschaften der Liga etablieren. Auch mit Blick auf die Zukunft war das eine sinnvolle Entscheidung.

ZEIT ONLINE: Schürrle sagt, sein ehemaliger Trainer José Mourinho habe ihm das Gewinnen beigebracht, habe ihn zum Mann gemacht. Was wird man bei Ihnen?

Hecking: Meine Spieler sollen bessere Fußballer werden, das wäre schon mal was. Im Idealfall nehmen sie auch was mit fürs Leben. Fußball kann eine gute Charakterschule sein.

ZEIT ONLINE: Schürrle ist unter Mourinho besser geworden, war beim WM-Titel ein wichtiger Spieler. Welchen Beitrag darf Fußballdeutschland von Ihnen erwarten?

Hecking: André ist gewandt, schnell, kann schießen. Doch er muss in seinen Leistungen noch konstanter werden. Dann hat er beste Voraussetzungen, Stammspieler in der Nationalmannschaft zu werden.

ZEIT ONLINE: Schauen wir auf seine Schwächen. Wenn ein Gegner extrem verteidigt, also "tiefer steht", trifft Schürrle oft falsche Entscheidungen beim Passen oder Freilaufen. Wird er bei Ihnen taktisch reifen?

Hecking: Er ist ein junger Stürmer, der in Chelsea viel Defensivarbeit leisten musste. Bei uns wird er jedenfalls offensiver spielen als in Chelsea. Wir wollen den Stürmer Schürrle, nicht den Renner und Kämpfer.