Wer das vergangene halbe Jahr an einem Ort zugebracht hat, zu dem keine relevanten Fußballergebnisse vordringen, also in einer Höhle, auf dem Mond oder in der Wüste Katars, der wäre beim Beobachten des Spiels Dortmund gegen Schalke nicht sonderlich überrascht gewesen. 3:0, ja, das ist deutlich, aber die Dortmunder sind eben auch gut, wie sie rennen und gegenpressen, wie sie ohne Umweg in die Tiefe spielen, wie sie die Abkürzung zum Tor kennen und sich so Chance auf Chance herausspielen. Das ist stark, aber nichts Neues, so kannte man sie.

Wer im vergangenen halben Jahr hingegen doch das ein oder andere Fußballspiel gesehen hat, also die meisten von uns, der wird sich bei diesem Derby mächtig die Augen gerieben haben. Von dem krisengeplagten BVB der Monate September bis Februar war nichts mehr zu sehen. Von dem Zögern und Zaudern und dem Pech, das irgendwann zur Furcht wurde. Stattdessen war das 146. Revierderby eine kleine Dortmunder Reise zurück in bessere Zeiten. Das beste Spiel der Saison, mit Abstand, und das ausgerechnet gegen den ärgsten Rivalen.

Die Schalker Fans waren entsprechend bedient. So eine Ruhrpottrivalität mag in Zeiten der Fußballglobalisierung, in denen die wahren Gegner FC Arsenal, Juventus Turin oder Real Madrid heißen, ein wenig altmodisch wirken. Ist sie aber nicht. Für viele Fans sind die beiden Ruhrderbys die wichtigsten Spiele des Jahres. Um das zu erkennen, muss man nur mit offenen Augen durch die Stadt gehen, wie an diesem sonnigen Samstag.

Mutter und Tochter mit Stinkefinger

Derby ist, wenn Freikirchler in der Innenstadt beim Verteilen religiöser Zettelchen zu hören bekommen: Nein, danke, heute glaube ich nur an den Fußballgott. Derby ist, wenn man ständig in die Scheiße der Polizeipferde tritt, die die Fans trennen sollen. Derby ist, wenn eine blonde Dortmunder Haupttribünen-Mutti und ihre vielleicht achtjährige, blonde Haupttribünen-Tochter, die zusammen so aussehen, als kämen sie direkt vom Ponyhof, dem Gästeblock schäumend ihre vier Stinkefinger entgegenrecken.

Derby ist, wenn die Schalker Fans dem obligatorischen Dortmunder You'll never walk alone vor dem Spiel den Rücken zudrehen, als würden sie es so nicht hören. Derby ist, wenn das Westfalenstadion hüpft und singt, dass, wer nicht hüpft, doch sicherlich Schalker sein muss. Und Derby ist vor allem, wenn deshalb die Tribüne ein wenig bebt und man nur hofft, der Statiker hat seinen Job gut gemacht.

Bis zu solch ausgelassener Feierei mussten die BVB-Fans aber eine Weile leiden. Ihre Mannschaft spielte so gut wie lange nicht mehr, schaffte es aber, in den ersten 75 Minuten Chancen zu vergeben, die für sämtliche 145 bisherigen Derbys gereicht hätten. Nach jeder verpassten Möglichkeit drehten sich auf der Tribüne ältere Herren im Kreise und erklärten ihren Vorder-, Neben- und Hintermännern, dass das doch wohl alles nicht wahr sein könne.

Klopp: "Perfekter Nachmittag"

31:3 Torschüsse, so sollte die Bilanz am Ende lauten. Doch mit jeder vergebenen Torchance, so paradox es ist, wurde der BVB selbstbewusster. Die Dortmunder fanden wieder Zutrauen in ihr Spiel. Sie hatten ja vorher schon Spiele gewonnen, aber die Souveränität, die Selbstverständlichkeit des Chancenherausspielens war erst gegen Schalke so richtig zu spüren. Der BVB spielte so stürmisch, frech und aufdringlich wie zu besten Zeiten. Jürgen Klopp sprach dann auch von einem "perfekten Nachmittag". So wie seine Mannschaft auftrat, sei wenig Kraut gegen sie gewachsen. "Es war wichtig zu sehen, dass wir uns von den vergebenen Chancen nicht verrückt machen lassen haben", sagte er.

Das traf vor allem auf Pierre-Emerick Aubameyang zu. Der Gabuner verbrachte seinen Nachmittag zunächst damit, frei vor dem Tor den Schalker Schlussmann oder andere plötzlich auftauchende Gegenspieler anzuschießen. Bis zur 78. Minute. Da fiel ihm im Strafraum der Ball vor die Füße, er drehte sich schlau und stupste ihn an den Innenpfosten.