Neulich war ich mal wieder in der Kletterhalle. Ich stand da, schaute in die Höhe und hörte zu. Es war laut. Dabei ist Hallenklettern eigentlich ein leiser Sport. Mal klopft ein Karabiner ans Holz, mal fällt ein Seil zu Boden, ganz selten schallt ein Fluch aus dem Dach. Wenn aber ganz viele ein bisschen laut sind, entsteht Lärm.

Ich stand also da in dem Lärm und beobachtete die Kletterer ringsum, den Kopf in den Nacken gelegt. Das Licht erinnerte an eine Fabrikhalle, kalt und industriell. Und auf einmal bekam ich Angst. Angst, dass mir jemand auf den Kopf fällt. Angst vor dem Gedanken, ich könnte jetzt da oben hängen in dem Geflecht aus Seilen, Stimmen und abgespeckten Griffen.

Dabei bin ich Bergsteiger. Schon als Kind trug mich mein Vater in der Kraxe auf den Berg, zum Ende der Schulzeit lernte auch ich das Klettern in der Halle. Vor fünfzehn Jahren war die Anhängsel eines Tennisheims im Allgäu, selten waren mehr als zehn Leute da, meist waren wir allein. Ich ging hin, wollte nur besser klettern als die Woche zuvor. Klettern, reduziert auf den Schwierigkeitsgrad, auf Ziffern einer Skala. Schnell wurde ich besser.

Halbnackte Gorillas im Seil

Parallel dazu ging ich ins Gebirge. Und scheiterte. Mal verfehlte ich den Einstieg, mal kam ich in ein Unwetter oder kehrte vor Angst um. Und kehrte zurück, immer wieder. Meine alte, schöne Halle mit der Feng-Shui-Deko verkam zum Labor für Trockenübungen. Als wir umzogen, erledigte sich das ganz. Heute gehe ich selten in Hallen. Ich klettere seither schlechter, aber alpiner.

Jetzt stand ich also da im Lärm der angeblich größten Kletteranlage der Welt. 18 Meter hoch, 270 Routen allein drinnen, und gefühlt in jeder hing jemand. Die meisten dort kletterten besser, als ich es je tun werde. Es war eine befremdliche Stimmung. Kühl und distanziert. Vielleicht lag es an meinem Mikro, das ich als Radioreporter bei mir trug. Doch einem befreundeten Bergführer ging es genauso.

Dabei findet Klettern für mich unbedingt gemeinsam statt. Man zieht los mit Freunden, feuert sich gegenseitig an, sitzt am Fels herum und hat eine gute Zeit. Lachen, draußen sein, einander vertrauen – das bedeutet mir heute mehr als das Abhaken von Schwierigkeitsgraden. Das geht auch in der Halle. Wer regelmäßig geht, trifft bekannte Gesichter und kommt ins Gespräch. Nur: Je größer das Publikum, desto schwieriger fällt mir das.

Plötzlich fangen auch kleine Dinge an, zu nerven. Zum Beispiel die Umkleide mit ihren Spinden, die nur mit passender Münze zu schließen sind. Oder der Typ, der nach dem Klettern seine Hose ausschüttelt und den Magnesiumstaub auf Handtücher, frisch gewaschenes Haar und überhaupt alles verteilt. Daneben kommt einer aus der Dusche, schwingt das Bein über die Bank und dehnt unter lauter Pressatmung seinen Oberschenkel. Nackt.

Überhaupt solche Leute, die in der Halle oben ohne Klettern, damit man ihre Muskeln sieht. Es gibt diese Geschichte über Nacktwanderer in der Eifel. Außer Hut, Rucksack und Trekkingsandalen sind die blank unterwegs. Tagelang. Im Angesicht halbnackter Gorillas im Seil tauchen sie plötzlich vor dem geistigen Auge auf, wie sie nackt durch die Wiesen trotten. Auf einmal wirken sie herrlich harmlos, fast schon romantisch.