Stecken Sie dahinter, Herr Böhmermann? Waren die Fernsehbilder echt? War das wirklich die Borussia, die in den vergangenen Jahren Scharen in die Fußballkneipen lockte? Vor der niemand sicher war, gegen die keiner spielen wollte? Deren Sturmläufe Fußballfreunde erregte, die Real Madrid in wenigen Minuten zerzauste? Beim 0:3 gegen Juventus Turin rieb man sich die Augen, wenn sie einem nicht schon zugefallen waren. Der einst so stürmische BVB spielte zu Hause in der Champions League, schoss aber kaum aufs Tor.

Wer die Leistungen in der Bundesliga vor Augen hatte, für den kam das Aus nicht überraschend, allenfalls die biedere Art. Die Dortmunder haben seit einiger Zeit grobe sportliche Mängel. Gegen den starken Gegner aus Turin traten sie alle zutage. Sie führen zum Schluss: Jürgen Klopp hat es nicht geschafft, sein Team auf Spitzenniveau zu halten.

Seine beiden hochveranlagten Fußballer reifen unter Klopp nicht zur Weltklasse, machen sogar Rückschritte. Würde der Speed-Dribbler Marco Reus im Sprint angespielt, wäre er eine stete Gefahr für jede Abwehr. Doch das passiert nicht. Und İlkay Gündoğan versauert in niemandslandartigen Zonen, in denen er seine Stärke nicht ausspielt, und in denen er nicht zum zweiten Xavi wird, obwohl er das womöglich könnte. Im wichtigsten Spiel der Saison traten Reus und Gündoğan wieder kaum in Erscheinung.

Die Dortmunder verteidigen ungenau. Mats Hummels geht oft viel Risiko, erobert Bälle im Mittelfeld. Doch im Rückspiel gegen Turin grätschte er nicht zum ersten Mal in dieser Saison ohne Not ins Leere, öffnete dem Stürmer den Weg in den Strafraum. Im Hinspiel stand er zwei Mal nicht da, wo der Innenverteidiger stehen sollte. Dort fielen zwei Tore.

Die Löcher in der Abwehr sind aber keineswegs nur die Folge von Fehlern Einzelner. Der Viererkette fehlt es an Ordnung und Abstimmung. Nicht nur vor dem 0:2 stellte sie die Abseitslinie falsch. Bei vier von fünf Turiner Toren war die schwarz-gelbe Defensive sogar in Überzahl, die Schützen hatten dennoch Raum. Und das Aufbauspiel von Neven Subotić und Sokratis Papastathopoulos ist dürftig.

Auch der Kader stellt Fragen an den Trainer: Der BVB hat auch im siebten Klopp-Jahr auf Schlüsselpositionen einige Spieler, die in der europäischen Elite allenfalls Mitläufer sind. Sven Bender nimmt als 6er kaum am Angriff teil. Sein Ersatz Sebastian Kehl wurde in einer Zeit Fußballer, als im Mittelfeld viel weniger Verkehr war. Bei zwei Turiner Toren reagierte Roman Weidenfeller nicht gut. Und ein Henrich Mchitarjan hätte das Zeug zu mehr, stagniert aber.

Gegen Turin zeigte sich erneut: Das Dortmunder Spiel mit dem Ball ist unpräzise. Die Mannschaft kommt selten in die zentrale Zone vor der gegnerischen Abwehr, also dorthin, wo die meisten Tore vorbereitet werden. Trifft der BVB auf eine starke, manchmal nur vielbeinige Defensive, passt er den Ball auf die Flügel oder hoch nach vorne. Das ist selbst für Köln und Hamburg leicht zu verteidigen. In 180 Minuten kam die Klopp-Elf gegen Turin zu keiner guten Chance, das Tor resultierte aus einem Ausrutscher des Gegners.

Selbst in den besten Tagen war der Klopp-Fußball immer auch fehler- und fehlpasshaft, wild, rau, eher AC/DC als Tschaikowski. Er war der leidenschaftliche Gegenentwurf zu Guardiolas Qualitätsfußball. In dieser Saison kommen aber nicht mal Klopps Vorzüge zum Tragen. Die Mannschaft hat offenbar das Selbstbewusstsein und den Glauben an den Emotionsfußball verloren. Von diesen psychischen Komponenten hängt der aber besonders ab.

Und so war von den überfallartigen Kontern der Dortmunder Pressingmaschine nicht erst gegen Turin nichts mehr zu sehen. In der Liga sind die Bayern der Borussia, einer der drei teuersten Mannschaften, bereits im dritten Jahr enteilt. Verloren gegangen ist der übermütige Punch eines Muhammad Ali. Vielleicht ist das wahr, was manche in Dortmund sagen: dass der Abgang des Fitnesstrainers Oliver Bartlett vor drei Jahren der noch größere Verlust für Klopp war als Götze und Lewandowski.

Klopp hat den BVB aus dem grauesten Mittelmaß zu zwei Meistertiteln, einem Pokaltriumph und ins Champions-League-Finale geführt. Sein Fußball war neu in Deutschland, er hat die Konkurrenz überrascht und überrannt. Dem Verein geht es dank ihm blendend. Das wird für immer zu den herausragenden Trainerleistungen der Bundesliga-Geschichte zählen. Vielleicht ist das Grund genug, Klopp einen neuen Anlauf zu gestatten.

Doch Klopp ist offenbar Spezialist für Rookies. Er macht Kleine groß. Schwerer fällt ihm, eine gute Mannschaft noch besser zu machen. Darin ähnelt er Jürgen Klinsmann. Auch deswegen fühlte sich der Abend, an dem sich der BVB für mindestens eineinhalb Jahre von Europas großer Bühne verabschiedet hat, an wie das Ende einer Ära.