Orangensaft in der Urinprobe – Seite 1

Dopingkontrollen im Fußball sind eine Majestätsbeleidigung. Als Lionel Messi im Dezember vergangenen Jahres zu einer Trainingskontrolle gebeten wurde, bediente er empört die Send-Taste seines Instagram-Accounts: "Dopingtag. Von den fünf Ausgewählten war ich der einzige, der Blut und Urin abzugeben hatte. Seltsam, nicht?"

Día de doping. De los 5 elegidos, Fui el único que hice orina y sangre.raro no..... 😜😜

Ein von Leo Messi (@leomessi) gepostetes Foto am



Seltsam war, dass Messi sich wunderte. Der wegen seiner früheren Kleinwüchsigkeit mit Wachtumshormon hochgepäppelte Star hatte tags zuvor drei Tore im katalanischen Derby gegen Espanyol erzielt und steuerte in Hochform aufs prestigeträchtige Duell mit Paris St. Germain in der Champions League zu. Ziemlich logisch, einen solchen Burschen zur Trainingskontrolle auszuwählen. Ziemlich unlogisch, dass der sich darüber aufregt.

In Sachen Kontrollmentalität scheinen die Fußballstars noch heute in den frühen neunziger Jahren stecken geblieben. 1991 erdreistete sich Fulvio Collovati, Weltmeister 1982 mit Italien, eine Urinprobe einfach mit Orangensaft anzureichern. Er wollte offenbar die lästige Toilettentätigkeit abkürzen. Ernst nahm er die Kontrollen nicht. Immerhin fand das Labor heraus, dass es sich um ein ungewöhnliches Flüssigkeitsgemisch handelte. 

Spanien, die Niederlande und Brasilien

Dass zumindest im italienischen Fußball niemand damit rechnen musste, erwischt zu werden, illustriert eine Praxis, die ein Anti-Doping-Ermittler der italienischen Carabinieri im Zuge einer Recherche zu Doping im Radsport erzählte: "In den neunziger Jahren haben sie das im Fußball so gemacht. Es wurde ja im Stadion ausgelost, welche Spieler später kontrolliert werden sollten. Die Mannschaftsärzte markierten die Lose mit den Namen der Spieler, die gerade problemlos kontrolliert werden konnten, mit einem Punkt. Das Mitglied der Dopingkommission wusste also, aus welchen Zetteln es wählen konnte."

Dass doch immer mal wieder ein Spieler erwischt wurde – der ehemalige Barca-Profi und heutige Coach des FC Bayern, Pep Guardiola, der sich den inkriminierten Cocktail aus seiner spanischen Heimat mitgebracht hatte, der Juventus-Profi Edgar Davids oder auch der Gaddafi-Sohn Saadi (damals in Perugia) –, mag man sich damit erklären, dass mal ein Kommissionsmitglied nicht auf die Punkte geachtet haben mochte oder die Mannschaftsärzte nicht auf dem letzten Stand der Medikamentierungen einzelner Profis waren.

Dass Leo Messi sich über einen kombinierten Blut- und Urintest aufregen darf, ist eine Frucht des wachsenden Bewusstseins für die Dopingproblematik auch im Fußball. Im Juli vergangenen Jahres kritisierte die Welt-Anti-Doping-Agentur (Wada), dass im Vorjahr in einzelnen Ländern kein einziger Bluttest im Fußball vorgenommen wurde. Am Pranger standen da unter anderem Spanien, die Niederlande und Brasilien, nicht gerade Underperformer im Weltsport Nummer eins.

39 Bluttests, 39!

In der Bundesliga wurden 2013 immerhin einige Bluttests bei Trainingskontrollen durchgeführt. Die Anzahl: 39. 39 Bluttests und 534 Urintests veranlasste die Nada, die Nationale Anti-Doping-Agentur Deutschlands, 2013 im Fußball. Das sind die akuellsten Zahlen. Zum Vergleich: Im Radsport testete die Nada 255 Mal auf Urin und 261 Mal auf Blut. Knapp 500 Profis spielen in der Bundesliga; die deutschen Radprofis der Spitzenklasse – und nur beim BDR lizensierte Radsportler sind Testobjekte der Nada – belaufen sich auf knapp zwei Dutzend. Während Radsportler mit mehreren Blutkontrollen pro Saison rechnen müssen, gilt das nicht einmal für jeden zehnten Bundesligaprofi. Bei Urinkontrollen liegt die statistische Wahrscheinlichkeit bei einer Kontrolle pro Saison.

Kein Interesse, Doping zu bekämpfen

Im internationalen Vergleich sind die Verhältnisse ähnlich. 309 Blutkontrollen machte die Wada im Straßenradsport bei etwa 500 Profis in der ersten Kategorie. Im weltweiten Fußball beliefen sich 2013 die Blutkontrollen im Training unter Wada-Aufsicht auf schlappe 173. Gut, dass jetzt Spanien mit einer Blutkontrolle bei Leo Messi nachzog.

Anzumerken bleibt allerdings, dass in Spanien, wie in den meisten anderen europäischen Ligen auch, die Kontrolleure ihre Tests nur auf dem Trainingsgelände der Vereine durchführen können. Von einem Überraschungsfaktor mag da niemand mehr reden. Wettkampfkontrollen liegen im Fußball weiterhin in der Hand der Verbände. Auch in der Bundesliga ist dies so. Der Dopingfahnder der US-Anti-Doping-Agentur, Travis Tygart, sprach in diesem Zusammenhang mal von "Füchsen, die im Hühnerstall die Aufsicht führen".

Das Interesse, Doping im Fußball aufzuspüren und zu bekämpfen, ist nur gering ausgeprägt. Von individuellen Blut-, Hormon- und Steroidprofilen, die belegen könnten, wie viel Doping auch ohne Professor Klümper im Humanmaterial der Bundesliga steckt, mag momentan leider niemand etwas wissen. Im verwissenschaftlichten Fußball hat allein die Anti-Doping-Problematik anekdotenhafte Züge. Eine Schande im doppelten Sinn.