Der deutsche Sport hört auf die Menschen. Der Deutsche Olympische Sportbund (DOSB) hat sich entschieden, sich mit Hamburg für die Olympischen und Paralympischen Spiele 2024 und möglicherweise 2028 zu bewerben. Dort wollen mehr Leute Olympia als in Berlin, in einer Forsa-Umfrage stimmten fast zwei von drei Hamburgern der Bewerbung zu. Wenn im September die Volksabstimmung ansteht, hofft die deutsche Sportpolitik auf Bestätigung, wenn nicht gar Steigerung, im Idealfall Begeisterung. Das dürfte schwer werden, denn auch in Hamburg gibt es Olympia-Gegner, die sich vor allem an den hohen Kosten stören.

Ja, Olympia würde teuer. Aber, gesetzt den Fall, die Kosten laufen nicht völlig aus dem Ruder – sind wir ein Volk von Krämerseelen? Große Sportfeste haben dem Ruf unseres Landes enorm gutgetan. Die Olympischen Spiele in München 1972 zeigten der Welt, dass die ehemaligen Kriegstreiber friedlich geworden waren. Für die Leichtathletik-WM 1993 erhielt das Stuttgarter Publikum den Fairplay-Preis der Unesco. Und die Fußball-WM im wiedervereinigten Deutschland 2006 war ein Märchen. Diesen Effekt kann man mit keinem Geld erkaufen. Und ist es nicht der Sinn einer Party, seinen Gästen zu zeigen, dass einem für sie nichts zu teuer ist?

Olympia darf gerne kosten. Doch der deutsche Sport hat andere Probleme, die einem die Olympia-Euphorie erschweren. Sie haben mit seiner Struktur zu tun, seiner Identität und den Leuten, die ihn lenken. Er müsste demokratischer und geschichtsbewusster werden. Und er sollte mehr Sinn dafür entwickeln, dass Sport mehr ist als Show und Medaillenzählerei.

In der deutschen Sportpolitik sucht man aber vergebens nach jemandem, der kluge Ideen mit Leidenschaft verkörpert. Die Verkündigung am Montagabend hat einen Eindruck von dieser Frohsinnsfreiheit vermittelt. Man sieht es auch an der Debatte über Sportförderung. Wer wofür wie viel Geld erhält, hielten Staat und Sport lange geheim. Journalisten mussten gegen den ehemaligen Innenminister Hans-Peter Friedrich klagen, um an die Papiere zu kommen.

Die Debatte über die Ziele verläuft entsprechend oberflächlich. Der aktuelle Innenminister Thomas de Maizière versteht unter Förderung in erster Linie mehr Medaillen. Bronze, Silber und Gold sind auch schön. Doch ein guter Platz im Medaillenspiegel macht noch keine Sportnation aus Deutschland. Dabei könnte gerade der Alltagssport einen Aufschwung durch Olympia vertragen. Nicht nur, weil er gesund ist, sondern auch, weil Sport Kultur ist und Spaß macht.

Kein Geld für die Doping-Opfer der DDR

Doch Turnhallen verrotten und Schwimmbäder trocknen aus. Ein Blick in deutsche Schulen ergibt ein trauriges Bild: Sport fällt häufig aus. Jeder fünfte Sportlehrer hat nicht Sport studiert. Der Sportunterricht an deutschen Schulen ist veraltet. Warum setzen sich die Olympia-Befürworter aus der Politik nicht vehementer für die dritte wöchentliche Sportstunde ein, wie es die Gesetze eigentlich vorsehen?

Eine andere Frage: Wie könnte man den Spitzen- mit dem Alltagssport verknüpfen? Brauchen wir Medaillen, brauchen wir viele? Sind drei goldene in der Nischensportart Rodeln mehr wert als ein dritter Platz im beliebten Tischtennis oder eine Viertelfinalteilnahme in der Massensportart Handball? Oder sollten wir erst mal wieder Schwimmen lernen? Diese Fragen werden selten klug diskutiert und das warnende Beispiel DDR wird übersehen. Die Staatssportler aus dem Osten gewannen viel olympisches Metall. Doch der Breitensport wurde dort verlacht. Sport war in der DDR Sache der Elite.

Überhaupt hat sich der DOSB aus dem Erbe der DDR nur das Beste gepickt, die Erfolge und das Know-how. Um die Opfer, die der Sport in Zeiten des Kalten Kriegs hinterlassen hat, kümmert sich kaum einer. Es gibt Tausende, die als Kind unwissentlich mit Medikamenten vollgestopft wurden. Viele dieser Versuchskaninchen, die heute um die vierzig Jahre alt oder jünger sind, sind unheilbar krank. Manche sind bereits gestorben. Für sie, deren Namen der Öffentlichkeit unbekannt sind, und ihr kümmerliches Dasein ist kein Geld da. Ihre Vertreter berichten von gleichgültigen Reaktionen seitens des DOSB oder der Bundesregierung. Man soll mit dem Begriff Skandal vorsichtig umgehen, hier ist er sicher angebracht. Und manch ein Täter von damals ist noch immer oder wieder Teil des Systems.

Dass es auch heute einen fatalen Zusammenhang geben könnte zwischen Erfolgsdruck und dem Zwang zu pharmazeutischer Nachhilfe, sagt Ines Geipel, die Vorsitzende des Doping-Opfer-Hilfe-Vereins: "Wer jetzt Olympische Spiele forciert und Deutschlands Sportsystem auf Medaillen trimmt, ohne dass er mit den Hypotheken ernsthaft umgegangen ist – der ist ganz klar auch weiterhin für systematischen Betrug."