Schiri, wir wissen, dein Auto ist der silberne Fiat, F-C-1258

Nichts ist schlimmer als der Satz, dass früher doch alles besser war. "Früher war es hier doch besser", sagten wir uns, als wir uns auf dem Sportplatz von B. warmliefen. Zugegeben, so richtig, richtig schön wurde es hier meistens auch früher ohnehin erst nach dem Spiel. Holprig und schlecht gemäht war der Rasen schon immer, schon immer blätterte auch von den Stangen, die das Spielfeld von den Zuschauern abtrennen, die Farbe. Aber eben das war der Unterschied: Früher gab es hier Zuschauer. Und zwar wahnsinnig viele.

B. ist ein echtes Dorf im Osten von Hessen, gerade einmal etwas mehr als 2.000 Einwohner, aber in den guten Jahren stand bei einem Heimspiel rein zahlenmäßig nicht nur das ganze Dorf rund um das löchrige Geläuf, sondern auch noch die Hälfte der Einwohner der benachbarten Orte. Da versammelten sich dann 2.000 Menschen um einen engen Dorfsportplatz und sorgten für eine recht einmalige, aufgeheizte Stimmung. Für einen Schiedsrichter nicht das Schlechteste: B. war bekannt als ein Spielort, an dem man gute Beobachtungsnoten einsammeln konnte: Wer hier dem Druck der äußeren Verhältnisse widerstand, musste stramme Nerven haben.

B. war ein Phänomen. Aus dem Nichts stieg der Verein aus den Niederungen der Kreisklassen auf, immer weiter und weiter, bis man irgendwann in der Oberliga Hessen angekommen war und dort auf Platz zwei landete und tatsächlich zwei Relegationsspiele zum Aufstieg in die Regionalliga absolvieren durfte, was damals, in den neunziger Jahren, immerhin die dritte Bundesliga war; eine Liga, die unter Spielern, die seinerzeit dort am Ball waren, noch heute mit einer Mischung aus Ironie und Nostalgie "Nettoliga" genannt wurde. 

Ein kleiner, älterer Mann mit Pepita-Hut

Soll heißen: Die Vereine, Spieler und Sponsoren belästigten das Finanzamt nur in seltenen Fällen und zahlten die vereinbarten Prämien und Gehälter lieber gleich am Spieltag in Bargeld aus. Das begann sich zu rächen. Auch im Fall des Fußballclubs im kleinen B. Denn dort klopfte eines Tages das zuständige Finanzamt an und prüfte einmal gründlich die Bücher, in denen ganz offenbar eine ganze Menge von dem Geld, das in den Jahren zuvor geflossen sein musste, nicht auftauchte.

 Es war der Anfang vom Ende des Vereins; das alte Lied, die guten Spieler laufen weg, wenn sie keine Aufwandsentschädigung mehr erhalten, die Karawane zieht weiter, man versucht, Spieler aus niedrigeren Ligen zu integrieren, was selbstverständlich nicht funktioniert, denn warum sollten die plötzlich mithalten können. Und irgendwann ist man wieder dort angelangt, wo man rund 25 Jahre zuvor auch angefangen hat – in der Kreisliga, reich an Erinnerungen und Erfahrungen, finanziell mittellos.

Die Saison, in der wir uns auf dem Sportplatz in B. warmliefen, war jene Saison, in der der Verein mit einer nicht mehr wettbewerbstauglichen Mannschaft versuchte, noch zu retten, was nicht mehr zu retten war. Es war sozusagen die Abschiedssaison in dieser Klasse; das war allen klar. Drei Minuten vor Spielbeginn verließen wir die Kabine, um gemeinsam mit den Mannschaften auf den Platz zu laufen. Vor der Kabine wartete unser Betreuer, wie üblich, auch er hatte die besseren Zeiten des Vereins gesehen und auch die schlechteren davor, und ich könnte mir vorstellen, dass er sich noch heute in der 8. oder 9. Liga darum kümmert, dass die Schiedsrichter in B. in der Halbzeitpause etwas zu trinken bekommen und nach dem Spiel einen Imbiss; ein kleiner, älterer Mann, der in meiner Erinnerung stets einen Pepita-Hut trug, wie der ehemalige Eishockey-Trainer Xaver Unsinn. An diesem Abend jedenfalls, es war November, trug er den Hut ganz sicher; er würde ihn später noch brauchen.

Zunächst aber ging es darum, die Tür der Schiedsrichterkabine abzuschließen, deswegen wartete der Mann auf uns. Wir machten also die Tür hinter uns zu, und er drehte mit einer zielsicheren Bewegung die Türklinke aus ihrer Halterung. Wir schauten ihn an. Er grinste ein wenig verlegen. Der letzte Schlüssel, so sagte er, sei kürzlich abhanden gekommen, ein neues Schloss könne der Verein sich nicht leisten. Aber so käme ja auch niemand rein. Da hatte er recht. 

Man wird nicht Schiri, um Geld zu verdienen

Also gingen wir nach draußen, und in der Halbzeitpause und nach Spielschluss stand der brave Mann vor unserer Tür, holte die Türklinke aus seiner Manteltasche, brachte sie wieder an und öffnete uns formvollendet die Tür. Not macht tatsächlich erfinderisch. Und das Improvisationstalent unseres Betreuers wurde an diesem Abend noch einmal auf die Probe gestellt.

Nach dem Spiel, das die Mannschaft von B. erwartungsgemäß deutlich verloren hatte, und nach einer kalten Dusche (offenbar war auch die Reparatur des Warmwasserboilers nicht mehr im Budget vorgesehen), kamen wir in die Vereinsgaststätte, um unsere Spesen und unsere Fahrtkosten abzukassieren. Die werden gegen Quittung vom Heimverein ausbezahlt; am Ende der Saison werden die Quittungen beim Verband eingereicht, zusammengerechnet und durch die Anzahl der Vereine geteilt, sodass jeder Verein den gleichen Betrag an Schiedsrichterkosten bezahlt haben wird wie die Konkurrenz.

Dazu muss gesagt werden, dass man nicht Schiedsrichter wird, um Geld zu verdienen. Für den 14-Jährigen, der ich einmal war, waren die zehn Mark, die es für ein Jugendspiel gab, ein willkommener Aufschlag zum Taschengeld. Meistens pfiff ich aus Personalnot an einem Samstag zwei Jugendspiele hintereinander, das war nicht übel. Für einen erwachsenen Menschen allerdings, der Arbeit und auch sonst noch einiges an der Backe hat, ist das Schiedsrichterhobby eher ein Luxus.

Niemals auf dem Schiedsrichterparkplatz parken

Für ein durchschnittliches Verbandsligaspiel beispielsweise bin ich, wenn ich nicht in einem Vereinsheim versacke und nach dem Spiel nicht sechs, sondern nur ein Hefeweizen mit dem Schiedsrichterbetreuer trinke, von 12 bis 19 Uhr unterwegs. Dafür bekomme ich einen Spesensatz von 40 Euro plus Kilometergeld. Das ist ein Stundenlohn von noch nicht einmal sechs Euro. Und mit jeder Spielklasse unterhalb geht es auch mit den Spesen runter.

In der Kreisliga sind es dann nur noch 20 Euro, tiefer geht es zum Glück nicht. Für 20 Euro schlägt man sich also den Tag um die Ohren, lässt sich anpöbeln, nassregnen, zieht sich in ungeputzten und halbverschimmelten Löchern um und stellt, wenn es ganz schlecht läuft, auf dem Parkplatz noch fest, dass irgendein frustrierter Depp im Vorbeigehen mit der Faust noch eine Delle in die Autotür gehauen hat. 

Schlüsselbund über die ganze Wagenseite ziehen

Ist mir zweimal passiert, innerhalb von fünf Jahren, beide Male beim selben Verein. Da wurde ich offenbar schon beim Einparken beobachtet. Wenn möglich, parke ich ohnehin immer ein paar Meter entfernt vom offiziellen Sportplatz-Parkplatz. Und die wichtigste aller Regeln lautet: Parke niemals auf dem eigens vom Heimverein ausgeschilderten Schiedsrichterparkplatz. Das ist eine Einladung für jeden, der im Vorbeigehen seinen Schlüsselbund auspacken und einmal längs über die ganze Wagenseite ziehen will.

Kürzlich stimmten, auch das hatte ich zuvor so noch nicht erlebt, einige Zuschauer während des Spiels das universal einsetzbare "Schiri, wir wissen, wo dein Auto steht"-Lied an. So weit, so bekannt. Meine übliche Reaktion darauf ist ein leicht süffisantes, aber nicht komplett unfreundliches Grinsen in Richtung der Singenden. Das, was nun kam, war allerdings neu: "Jaja", schrie einer, "da brauchst du gar nicht so zu grinsen. Das ist der silberne Fiat, F-C-1258, der da oben am Berg in der Nebenstraße steht". Blöderweise hatte der Mann recht. Ich grinste weiter, holte in der nächsten Spielunterbrechung dann aber doch mal den Spielführer zu mir und erklärte ihm, dass ich seinen Verein haftbar machen würde für jeden Schaden. Auch das natürlich nur eine Finte. Aber sie wirkte, denn der Mann ging nach draußen und redete auf die Zuschauer ein, danach war Ruhe und mein Auto blieb selbstverständlich unbeschädigt.   

Wie bei der Kirchenkollekte

Aber zurück nach B. in Osthessen, in die Kneipe des maroden Vereins. Dort hatte man zwar die innovative Türklinkensicherung erfunden, nicht aber daran gedacht, dass sich die Schiedsrichterspesen an den Tagen von Montag bis Freitag um 50 Prozent erhöhen. Heute war Mittwoch. Und es war nicht genug Geld da, um uns zu bezahlen, wohlgemerkt: Es fehlten exakt 41 Euro, und das bei einem Verein, der noch fünf Jahre zuvor fürstliche Gehälter an ausgemusterte Ex-Profis bezahlt hatte. Und nun kam der große Auftritt des Pepita-Hutes. Unser Betreuer ging in der Kneipe sammeln.

Wie bei der Kirchenkollekte warfen die Besucher der Vereinswirtschaft, überwiegend Rentner, Münzgeld in den ihnen vorgehaltenen Hut. Ich hatte schon einmal erlebt, dass der Platzwart eines durchaus namhaften hessischen Vereins die Kreide zum Abstreuen des Spielfeldes aus eigener Tasche bezahlen musste, weil der Verein nirgendwo mehr Kredit bekam. Aber an diesem Abend in B. gingen wir mit dem sagenhaften Betrag von 130 Euro in Scheinen und einer Plastiktüte mit 41 Euro in Münzgeld aus dem Vereinsheim. Das heißt, wir haben nicht nachgezählt, es war ja alles dabei, von Fünfcent- bis zu Zweieurostücken. Ich zahlte meine beiden Assistenten in Scheinen aus, nahm die Plastiktüte mit nach Hause und füllte über Wochen hinweg mein Portemonnaie nach und nach immer wieder mit den Münzen aus B. auf. Ich bin seitdem nie wieder dort gewesen. Aber ich finde, Türklinke und Hut hätten einen Platz in der Ehrenvitrine des Vereins verdient.

Die Originale sterben aus

Der Amateurfußball ist keine jederzeit freundliche und schon gar keine heile Welt. Aber ich habe den Eindruck, als seien die Sitten und Umgangsformen auf dem Land (und in Hessen, das wird gerne einmal vergessen, haben wir sehr viel Land und sehr wenig Stadt) noch ein wenig herzlicher, als seien die Menschen einander noch eher zugewandt. Das mag eine Feststellung sein, die man als Ausdruck einer zurzeit im Trend liegenden und von Zeitschriften wie Landlust ökonomisch verwerteten Nostalgie verstehen könnte. Aber so ist es nicht.

Denn ich fahre ja nun schon tatsächlich mehr als zwei Jahrzehnte lang durch das Land, bin jedes Wochenende zu Gast bei einem anderen Verein, und noch immer macht es mir ungeheure Freude, sonst würde ich es bleiben lassen. Trotzdem ist etwas ausgestorben in der Kultur des Amateurfußballs. Es sterben Originale aus, die heimlichen Schrittmacher eines funktionierenden Gemeinwesens.

Der weinende Schiedsrichterbetreuer

Ich war noch ein relativ unerfahrener Linienrichter, als ich mit einem seinerzeit ebenfalls noch jungen, frisch in die höchste hessische Spielklasse aufgestiegenen Schiedsrichter ein Spiel im Westerwald leiten durfte, an einem höchst traditionsreichen Spielort, bei einem Verein, der in seinen besten Zeiten im DFB-Pokal gespielt und dort selbst Bundesligamannschaften das Leben schwer gemacht hatte. Man merkte der Sportanlage den leicht abgeblätterten Charme an; der Hauptsponsor, ein Möbelhaus, war finanziell unter Zugzwang geraten; es war klar, dass auch der Traditionsverein demnächst in diese Abwärtsspirale hineingeraten würde.

Aber nun waren wir wenigstens einmal da gewesen, und wir freuten uns, und das Spiel lief, man kann es nicht anders sagen, wirklich beschissen für uns. Der Schiedsrichter traf die eine oder andere unglückliche Entscheidung gegen den Heimverein, die Unzufriedenheit der Mannschaft verband sich mit der der Zuschauer, der Trainer meckerte so lange, bis er von seiner Bank auf die Tribüne verwiesen wurde, die Heimmannschaft verlor das Spiel und der Stadionsprecher dankte unmittelbar nach dem Abpfiff mit bitterem Sarkasmus dem Schiedsrichtergespann für seine ausgezeichnete und neutrale Leistung, während wir unter den Buhrufen und den Beschimpfungen der Zuschauer in unsere Kabine gingen. Den Ausflug hatten wir uns irgendwie anders vorgestellt.

Wirt wird die Schiedsrichter heute nicht bedienen

Allerdings hatte der Verein einen Schiedsrichterbetreuer, wie es ihn zu dieser Zeit, Mitte der neunziger Jahre eben noch häufiger gab, einen Mann, der sich tatsächlich für uns interessierte. Einer, der zwar an seinem Verein hing, dem aber vollkommen klar war, dass kein Schiedsrichter absichtlich eine schlechte Leistung abliefert oder einen Verein vermeintlich oder tatsächlich vorsätzlich benachteiligt. Ein Mann also, der stets gleich höflich, freundlich und zugewandt war, ganz egal, ob sein Verein gewonnen oder verloren hatte.

Dieser Mann, Anfang 70, fuhr mit uns an jenem unglücklichen Tag nach dem Spiel hinunter in den Ort in eine Gaststätte, in der der Wirt uns mit den Worten begrüßte, er habe gehört, was oben im Stadion vorgefallen sei, er werde die Schiedsrichter heute nicht bedienen. Spätestens jetzt, das war uns klar, würde die Sache ein Nachspiel vor dem Sportgericht haben: der Trainer, der auf die Tribüne geschickt wurde, der Stadionsprecher, der die Atmosphäre noch angeheizt hatte, der Wirt – das war zu viel. Und die Anweisungen an uns Schiedsrichter sind diesbezüglich eindeutig: Wenn aufgrund von Vorfällen am Spielort eine Sportgerichtsverhandlung zu erwarten ist, hat das Gespann den Heimweg anzutreten.

Der alte Mann wurde zum Kleinkind

Also sagten wir dem freundlichen alten Herrn, der mit uns in unserem Auto saß, dass wir nun nach Hause fahren würden. Nein, sagte er, so etwas habe es hier noch nie gegeben und das würde es auch niemals geben, und er sagte das in diesem unverwechselbaren Westerwälder Dialekt, bei dem das R gerollt wird wie im Englischen. Wir würden, sagte er, jetzt zu ihm nach Hause fahren, da vorne gleich um die Ecke, und seine Frau würde uns etwas zu Essen machen, das wäre gar keine Mühe.

Und wir? Wir blieben hart. Wir waren jung und wollten nichts falsch machen und uns nichts nachsagen lassen. Aber der alte Mann wurde zum Kleinkind. Er weigerte sich, aus dem Auto auszusteigen. Und als er merkte, dass nichts mehr zu machen war, dass wir seine Gastfreundschaft tatsächlich ausschlagen würden, weil wir glaubten, so handeln zu müssen – da fing er an zu weinen. Er weinte, weil er das als sein persönliches Versagen begriff. Er stieg weinend aus dem Auto und ging davon, und wir fuhren mit einem mulmigen Gefühl nach Hause. Schon zehn Jahre später, mit mehr Erfahrung, heute ohnehin, hätte jeder von uns die Situation gerettet, hätten wir uns anders verhalten. Aber damals glaubten wir, das Richtige, also: das formal Korrekte getan zu haben.

Er bat um Entschuldigung

Drei Tage später fand der Schiedsrichter eine Postkarte in seinem Briefkasten, in einer großen, geschwungenen Handschrift geschrieben, mit der der Mann für seinen Verein und für sein Benehmen um Entschuldigung bat, er uns, dabei wäre es umgekehrt angebracht gewesen. Die Abwärtsbewegung hat der Verein aus dem Westerwald nicht mehr stoppen können. Er stieg ab und nochmal ab, die alte Geschichte, dann löste er sich auf, der Nachfolgeverein spielt in der Kreisklasse. Auf dem traditionsreichen Sportgelände wiederum spielt ein Nachbarverein, der mithilfe eines potenten Sponsors in vier Jahren hintereinander vier Aufstiege hingelegt hat.

Nicht nur das Leben, auch der Fußball kennt die ewige Wiederkehr des Gleichen, Auf- und Abwärtsbewegungen, die sich wiederholen. Der Schiedsrichterbetreuer ist schon vor Jahren gestorben. Es gibt kaum einen Menschen, der mir nur einmal begegnet ist und an den ich trotzdem so oft denken muss, immer nur blitzartig, in bestimmten Momenten, wenn mir an einem Sportplatz ein älterer Mann mit meinem Kabinenschlüssel in der Hand entgegenkommt. Zu solchen Menschen bin ich aus guten Gründen stets ausgesucht höflich.