Am Ende hopste der Sieger des Abends mit raumgreifenden Pferdchensprüngen über den leeren Rasen. Jürgen Klopp erreichte dabei nicht ganz die Eleganz russischer Gymnastinnen, seine Turnelemente hatten vor allem Wucht. Aber er erhielt viel Applaus. Die Dortmunder Fans standen noch eine Viertelstunde nach dem Einzug ins Pokalfinale, nach dem letzten verballerten Bayern-Elfer, im Block und bejubelten ihren Kulttrainer, wie er dreimal vor Freude in die Luft boxte.

Jürgen Klopp war nach München gereist, um etwas zu beenden. In seiner fußballmärchenhaften Zeit in Dortmund forderte er jahrelang die Bayern heraus, spornte sie an, fügte ihnen viele Niederlagen zu. Die großen liegen schon ein wenig zurück. Weil auch sonst nicht mehr viel ist, wie es einmal war, wird er Dortmund im Sommer verlassen. Das Halbfinale war der letzte Zweikampf mit den Bayern.

Er kam als respektierter Gast. Der Stadionsprecher wünschte ihm Glück. Beim Warmmachen plauschte Klopp kumpelhaft mit Bastian Schweinsteiger. Kalle Rummenigge wollte es mit Blumen sagen. Weil die Bayern nicht erst seit Pep Guardiola den BVB weit hinter sich ließen, kam Klopp auch als Außenseiter. Lange sah es aus, als gäbe es nichts zu holen. Dann tat Klopp es ein letztes Mal. Er schlug sie. Aber das war nicht der einzige Grund, warum dieses Spiel heute das wichtigste Gesprächsthema in deutschen Büros ist. Wie immer, nachdem diese beiden Teams gegeneinander spielten.

Mit der Spielanalyse muss man sich nicht lange aufhalten. Es war kein Triumph der Taktik, sondern, pardon, ein Glückssieg. Die Elf von Klopp, sie ist nicht mehr die alte Bande. Das sah man auch in München: die Abwehr unsortiert, der Angriff blass, kaum eine Balleroberung – als würde sich der BVB gegen Peps komponierten Kombinationsfußball tot stellen. Siebzig Minuten lang ging das so. Dann ersetzte Henrich Mchitarjan den Japaner Shinji Kagawa. İlkay Gündoğan wurde besser, bei den Bayern ermüdete Philipp Lahm, Thiago ging raus.

In den folgenden fünf, höchstens zehn Minuten eroberte der BVB das Mittelfeld, kam mit der ersten Chance zum Ausgleich, schoss danach fast die Führung. Es war die große Klopp-Story in Miniaturformat: Man hatte nicht mit den Dortmundern gerechnet, sie unterschätzt, sie kamen aus dem Nichts. Die Bayern hatten den BVB lange gar nicht an den Ball gelassen, waren bloß im Strafraum nicht so gut wie sonst. Dann verloren sie plötzlich die Souveränität, als wären ihnen altbekannte Geister erschienen. Quälgeister in schwarz-gelb-geringelten Socken.

Ihr Oberquälgeist trug eine gelbe Mütze. Klopp trug sie noch, als er nach dem Ende den verdutzten Guardiola beinahe über den Haufen rannte. Er trug sie auch noch, als er auf der Pressekonferenz den Sieg erklärte. Klopp sprach von "Kampf" und "Biss", er sagte "geil". Doch er sah nicht abgekämpft oder verbissen aus, sondern erleichtert und gelöst. "Hier in diesem Stadion hat die ganze Welt schon verloren", sagte er in seiner Lieblingsrolle als Rookie.

Das Spiel, das lange untertemperiert wirkte, bot am Ende Stoff für mehrere Reportagen und Spielereien im Internet. Da war der Dortmunder Tormann und Matchwinner Mitch Langerak, der Manuel Neuer in vielen Facetten kopierte. Bravourös hielt er einen Kopfball von Schweinsteiger. Dann räumte er Robert Lewandowski ab wie Neuer den Argentinier Higuaín im WM-Finale. Zum Schluss trieb er es mit der psychologischen Kriegsführung so weit, dass er sich wegen Verzögerung eine Gelbe Karte abholte. Im Elfmeterschießen!

Oder Arjen Robben, der Müller-Wohlfahrt-Patient, der kurz nach seiner Einwechslung verletzt im Gras saß. Oder Mario Götze, der (falls das jemand verpasst haben sollte) einen Elfmeter gegen seinen Ex-Club verschoss. Oder die Bayern-Spieler Lahm und Xabi Alonso, die bei ihren Uli-Hoeneß-Gedächtnis-Elfmetern auf dem berüchtigten Münchner Blitzeis ausrutschten, sodass im Fanshop der Absatz an FCB-Noppensocken stieg.

Und überhaupt, wie der FC Bayern alle vier Elfer verschoss. In England glaubte man an eine Bildstörung des Fernsehgeräts. In Leverkusen fragte man sich: Gibt's in der Allianz Arena keine Klappstühle?

Da war noch der Schiedsrichter Peter Gagelmann. Er übersah einen Handelfmeter für Bayern. Er hätte auch den Diving Fist Drop Langeraks, mit dem er Lewandowski krameresk benebelte, ahnden können. Wohlwollend kann man sagen, Gagelmann war kein Bayern- oder Heimschiri. Vielleicht wollte er auch bloß die Fehler wiedergutmachen, die andere Schiedsrichter in den vorigen Duellen gegen die Dortmunder begangen hatten.

Und man hätte auch fragen können, ob die Mannschaft und Klopp, der am Tag zuvor heikle Gerüchte über sein Privatleben erst verkündete, dann zurückwies, noch ein Herz und eine Seele sind. Während des Spiels sah man ihn selten in der Coachingzone, er gab kaum Anweisungen. Auf der Party danach wirkte er alleine, etwa bei den Pferdchensprüngen.

Die schönste Geschichte jedoch bleibt die Schlusspointe der Klopp'schen fußballhistorischen Serie mit den Bayern. Wieder mal konnte er allen zeigen: Bayern München ist schlagbar. Das Aus gegen Dortmund war die schwerste Niederlage der Bayern in einem deutschen Wettbewerb seit dem Dortmunder 5:2 im Pokalfinale vor drei Jahren. Danach hatten die Bayern alle Meister- und Pokaltitel gewonnen. Vermutlich deswegen trug Guardiola sein luftzerschneidendes Fuchteln jetzt wütender vor als sonst, etwa als er die Fans nachdrücklich um Unterstützung bat.

Thomas Müller gab zornige TV-Interviews. Die Bayern-Bank reckte beim Elferreklamieren alle Hände zum Himmel. Die Bayern-Fans sangen Dinge über Dortmunder Mütter. Und von Mitarbeitern aus der FCB-Geschäftsstelle hörte man nach dem Spiel Sätze wie: "Dann verlieren sie halt in Berlin gegen Wolfsburg oder noch besser: gegen Bielefeld." Anerkennung solcher Form und verschossene Elfmeter waren dem Bayern-Bezwinger Klopp sicher die lieberen Abschiedsgeschenke als die größten und buntesten Sträuße.