ZEIT ONLINE: Herr Sörgel, Hans-Wilhelm Müller-Wohlfahrt ist wohl der bekannteste Sportarzt der Welt. Warum eigentlich?

Fritz Sörgel: Ich habe viele Sportärzte gefragt, wie sie Müller-Wohlfahrt einschätzen. Unterm Strich sagen sie: Er ist sicher der Fachmann für jede Form von Muskel- oder Sehnenverletzungen. Andere Sachen gibt er in andere Hände, da kennt er seine Grenzen, was auch völlig in Ordnung ist. Er sagt ja auch, er fühle mit seinen Fingern, was sich im Muskel abspielt. Da gleicht er fast einem Medizinmann. Das soll gar nicht abschätzig klingen. Aber eine große ärztliche Tätigkeit ist das nicht. Das könnte auch ein Masseur.

ZEIT ONLINE: Er sagt, er könne mit den Fingern in den Muskel eintauchen und die jeweilige Verletzung mit 35.000 in seinem Gedächtnis gespeicherten Verletzungen abgleichen.

Sörgel: Das habe ich auch gelesen und lachen müssen. Diese Leute sind früher bei Wetten, dass...?! aufgetreten. Solch große medizinische Datenbanken gibt es nicht einmal bei großen Firmen.

ZEIT ONLINE: Wie erklären Sie sich seinen Erfolg?

Sörgel: Er wurde zu einer Art Guru. Es gab bei den Brasilianern in der berühmten 1958er Mannschaft diesen Masseur, Mario Américo, der war auch sehr berühmt, eine fast mystische Figur. Der Placebo-Effekt spielt bei da eine große Rolle. Wenn die Leute in die Praxis von Müller-Wohlfahrt gehen, macht schon sein Türschild 50 Prozent der Wirkung aus. Aber er hat sich diesen Ruf auch erarbeitet, das muss man fairerweise sagen.

ZEIT ONLINE: Berühmt wurde er durch die Anwendung von Actovegin, von Kälberblutextrakt.

Sörgel: Das ist ein Placebo, es bringt überhaupt nichts. Schulmedizinische Studien dazu gibt es nicht. Müller-Wohlfahrt sagte ja immer sinngemäß, er habe das über Jahre beobachtet und seine Beurteilung sei genauso gut wie eine klinische Studie. Da muss ich natürlich heftigst widersprechen. Zudem ist Actovegin in Deutschland gar nicht mehr zugelassen.

ZEIT ONLINE: Warum nicht?

Sörgel: Das Produkt machte wohl nicht viel Umsatz; und weil es immer wieder im Zusammenhang mit Doping genannt worden ist, wollten der Hersteller nichts mehr damit zu tun haben. In Österreich ist es noch erhältlich.

ZEIT ONLINE: Wenn Actovegin ein Placebo ist, warum steht es dann bei intravenöser Anwendung auf der Dopingliste der Wada?

Sörgel: Es dient als Maskierungsmittel. Wenn man einen zu hohen Hämatokritwert hat, also durch Doping zu viele rote Blutkörperchen, und möchte das vertuschen, kann man Actovegin spritzen. Das verwässert die Werte. Da reden wir aber über solche Packungsgrößen, die gar nicht mehr verfügbar sind. Und das macht Müller-Wohlfahrt auch nicht. Das muss man deutlich sagen. Die Mengen, die er verabreicht, verstoßen auch nicht gegen die Anti-Dopingregeln.

ZEIT ONLINE: Stattdessen warb und wirbt er mit seinen Namen für vielerlei Mittelchen.

Sörgel: Es gab vor einigen Jahren mal einen richtigen Skandal. Das Zeug hieß Neosino, ein Nahrungsergänzungsmittel aus sogenannten Nanomineralien. Es hat überhaupt nichts bewirkt. Müller-Wohlfahrt warb dafür, hat sich später aber zurückgezogen. Aber er gab weiter seinen Namen für verschiedene Produkte her und versucht, seine Prominenz zu vermarkten.