Eine Geste vom November 2010 sagt viel über Jürgen Klopp. Beim Europa-League-Spiel in Paris nahm er Robert Lewandowski in den Arm. Der polnische Stürmer hatte das Siegtor vergeben, der BVB stand vor dem Aus. In jener Saison musste Klopp Lewandowski häufiger trösten, damals wurde er als Chancentod verspottet.

In der kommenden Saison schoss Lewandowski den BVB zum Double, ein Jahr darauf mit vier Toren gegen Real Madrid ins Champions-League-Finale, heute gilt er als einer der besten Stürmer der Welt.

Es ist Klopps große Stärke, die Zuneigung seiner Mitmenschen, seiner Mitarbeiter zu gewinnen. Er kann Spieler erreichen, mitnehmen, motivieren, hinter sich versammeln. Unter Klopp war der BVB jahrelang eine Bande, die sich in einen Raum einschloss, Pläne schmiedete und sich schwor, in der Gemeinschaft Großes zu erreichen. Was ihr auch gelang.

Als Klopp den Verein 2008 übernahm, steckte der im Mittelmaß. Fünf Jahre später galt er als die heißeste Nummer im Weltfußball. Dank Klopp und seinem Überfallfußball stand Borussia Dortmund kurz vor dem größten Triumph: Im Champions-League-Finale von Wembley 2013 hieß es in der 89. Minute 1:1. Bis Arjen Robben kam und den allerletzten Schritt des Rookie BVB an Europas Spitze verhinderte. Dennoch hat Klopp die Champions League ein bisschen mit gewonnen. Denn den großen Bayern hatte er Beine gemacht. Der BVB und sein laufintensives Gegenpressing wurden zum Vorbild für viele.

Hoeneß und Rummenigge rutschten tief in die Sitze

Am 15. April 2015 sitzt Jürgen Klopp im Dortmunder Presseraum und sagt: "Der Verein ist mir unendlich wichtig. Deshalb muss nach der Saison ein großer Kopf weg. Und das ist in diesem Fall meiner." Neben ihm sitzt Aki Watzke, der Geschäftsführer des BVB. Er muss sich von dem Trainer trennen, der Historisches für den BVB geleistet hat, und von dem er sich nie trennen wollte. Watzkes Augen sind feucht. Es ist ein trauriger Tag für die Fans von Borussia Dortmund und für einige andere mehr.

Den Dortmundern wird immer im Gedächtnis bleiben, wie Klopps Räuberbande zwei Mal den Meistertitel klaute. Wie ihre Spieler aus Japan, Polen oder der Zweiten Liga Stars wurden. Wie sie manchen Gegner kaum über die Mittellinie ließ. Wie sie den FC Bayern – eine deutlich teurere Mannschaft – fünf Mal nacheinander besiegte. Wie sie im Pokalfinale 2012 diese Bayern 5:2 erledigte, sodass Uli Hoeneß und Karl-Heinz Rummenigge tief in ihre Sitze rutschten. Wie sie ein Jahr später Real Madrid zerzauste und wie eine Jugendmannschaft aussehen ließ.

Und dann – trotz der Niederlage – die schönen Erinnerungen an die Reise zur Fußballpilgerstätte Wembley.

Damals, im Mai 2013, war aber auch schon erkennbar, dass der Höhepunkt der Klopp-Epoche überschritten war. Die Bayern waren ihnen in der Liga fünfundzwanzig Punkte enteilt. Ein Jahr später ließ der BVB die Bayern schon im März Meister werden. Immerhin wurde er in diesen Jahren noch Zweiter.

In der aktuellen Saison ist der BVB tief gestürzt. So tief, wie selten eine deutsche Mannschaft zuvor. Zwischenzeitlich war er Letzter. Am Samstag sollte er nicht gegen Paderborn verlieren, sonst muss er wieder um den Klassenerhalt bangen. Das alles trotz einer der teuersten Mannschaften der Liga.

Die Liebe im verflixten siebten Jahr

Jürgen Klopp und Robert Lewandowski im November 2010 in Paris © Bernd Thissen / dpa

Auch international wurde Dortmund wieder gestutzt. Im Hinspiel des Champions-League-Achtelfinals hatte Turin noch Respekt vor der rasanten Borussia. Bis zum Rückspiel hatten die Juve-Spieler aber begriffen, dass da nicht mehr viel kommen würde. Die Borussia schied chancenlos aus.

Über die Gründe des Falls gibt es viele Fragen und nicht ganz so viele klare Antworten. Sie haben auch mit Klopp zu tun, der bereits mit Mainz auf- und abgestiegen war. Er legt immer großen Wert auf Emotion und Physis, mehr Rennen als Spielen. Dieser Stil verbraucht sich irgendwann, er zehrt die Spieler aus. Vielleicht war die Arbeit mit seinem Trainer- und Funktionsteam nicht mehr so harmonisch wie zuvor. Vermutlich hat Klopp die Spieler stärker geredet als sie waren, und jetzt glauben sie daran und werden nachlässig. Sicher hat es auch damit zu tun, dass er jedes Jahr wichtige Spieler ersetzen muss, die Dortmund vermutlich aus finanziellen Gründen verlassen.

Vielleicht ist Klopp zu groß geworden. "Er wurde größer als sein Team", sagte der erfolgreiche Schweizer Eishockeytrainer Arno Del Curto jüngst. "Dass die Spieler davon früher oder später die Schnauze voll haben, ist absehbar." Der BVB war über die Jahre zu einem Trainerverein geworden. Die Borussia war Klopp. Ihre Siege waren seine.

Welch Kontrast zu Tuchel

Dass am Zerfall der Einheit zwischen Trainer und Spielern was dran sein könnte, sah man am vorigen Samstag in Gladbach. Sebastian Kehl, lange Jahre Klopps Kapitän, widersetzte sich seinen Anweisungen. Nach dem Spiel krachte es in der Kabine. Klopp äußerte sich höhnisch über seine Mannschaft. Und Kevin Großkreutz, lange das Symbol des Dortmunder Fußballs mit Herz, der "Echten Liebe", spielt inzwischen in der Zweiten Mannschaft. Klopp scheint die Kabine ein wenig verloren zu haben. Es fällt auf, dass sich bislang nicht viele BVB-Spieler zu Klopps Abschied geäußert haben. Wie das eben so ist mit der Liebe im verflixten siebten Jahr.

Wie genau die Entscheidung über die Trennung fiel, weiß man nicht. Dass Klopp seinen Rücktritt angeboten haben soll, war seit einiger Zeit zu hören. Vielleicht haben Teile der Mannschaft nicht nur auf dem Platz deutlich gemacht, dass sie Klopp nicht mehr bedingungslos folgen werden. "Wenn ich bliebe, müssten sich viele Dinge ändern", sagte Klopp. Bei der Ankündigung seines Abschieds gibt er sich selbstkritisch. Kein schlechtes Wort über jemanden, kein schlechtes Wort von niemandem. Welch ein Kontrast zum Rosenkrieg zwischen Mainz und Thomas Tuchel, Klopps möglichem Nachfolger.

Es würde nicht überraschen, wenn Klopp die Kabine durch diesen Schritt ein letztes Mal gewonnen hätte. In zwei Wochen steht das Pokalhalbfinale in München an, das letzte Duell des Klopp-BVB gegen den FC Bayern, den Rivalen, dem er zuletzt nicht mehr ganz gewachsen war.

Klopp möchte Dortmund mit einem Titel verlassen. "Noch einmal mit dem großen Lastwagen um den Borsigplatz fahren", sei sein Traum, sagt er. Man kann sich das Ausmaß dieser Feier kaum vorstellen, sollte es klappen. Vielleicht ist sie seit heute wieder wahrscheinlicher geworden. Auch seine Spieler werden gemerkt haben: Da geht ein Trainer mit Stil und Größe.