Jürgen Klopp, der Bayern-Schreck – Seite 1

Die Beziehung zwischen Jürgen Klopp und dem FC Bayern ist eine besondere. Er wurde mal als Bayern-Trainer gehandelt und vielleicht wird er es bald wieder. Er steht hoch in der Gunst der Bayern-Führung, abgesehen vielleicht von Matthias Sammer (was wohl nicht so wichtig ist). Das hat Gründe. Kein anderer Trainer hat die Bayern in den vergangenen Jahren so oft geärgert. Ganze drei Bundesliga-Saisons konnten sie seinen BVB nicht schlagen. Zweimal mussten sie ihm zum Meistertitel, einmal zum Pokalgewinn gratulieren.

Klopp hat die Bayern angestachelt, weil er zwischenzeitlich zu gut für sie war. Ob sie ohne seinen Einfluss vor zwei Jahren die Champions League gewonnen hätten? Ob Deutschland ohne dieses Duell Weltmeister geworden wäre? Nach der Verkündung von Klopps Abschied endet mit dem Halbfinale im DFB-Pokal (20.30 Uhr, live in der ARD) eine lange Serie von emotionalen, sportlich meist wertvollen, stets spannenden Duellen. Die Chronik eines Kapitels deutscher Fußballgeschichte: 

Dortmund – Bayern 1:1 (August 2008)

In Klopps zweitem Bundesligaspiel als BVB-Trainer begegnete er einem Trainer, der eine Ära begründen wollte und dem alle Aufmerksamkeit galt: Jürgen Klinsmann. Es kam anders. Es war Klopp, der damals einen zweijährigen Anlauf nahm. Schon in seinem Kader waren Weidenfeller, Schmelzer, Hummels, Subotić, Kehl, Şahin und Błaszczykowski. Es war kein gutes Spiel, keiner hatte den Sieg verdient. Das Rückspiel gewannen Klinsmanns Bayern 3:1.

Dortmund – Bayern 1:5 (September 2009)

Es war Jürgen Klopps erstes Duell mit Bayerns neuem Trainer Louis van Gaal. Dessen neue Münchener Flügelzange Ribéry und Robben machte mit der Dortmunder Abwehr, was sie wollte. Ein gewisser Thomas Müller, bis dahin fast ohne Bundesliga-Erfahrung, schoss die Dortmunder mit zwei Toren aus dem eigenen Stadion. Dortmund rutschte auf Rang 14. Es waren Zweifel zu hören, ob Klopp der richtige Mann für den Verein sei. Auch das Rückspiel gewannen die Bayern (3:1). Nichts deutete in dieser Zeit darauf hin, was in den kommenden Jahren passieren sollte.

Dortmund – Bayern 2:0 (Oktober 2010)  

Der BVB war gut in die Saison gestartet, stand auf Platz 2. Ihr neuer überfallartiger Fußball fiel auf. Die Bayern waren in diesem Spiel lange klar besser, allerdings verballerte Mario Gómez einige Dinger. Es war Klopps erster Sieg über die Münchner. Damals dachte man an einen Glückssieg. Das stimmte, aber Zufall war es auch nicht.

Bayern – Dortmund 1:3 (Februar 2011)

Mit enormem Vorsprung reisten die Dortmunder nach München. Die Bayern wollten den Emporkömmlingen wenigstens in diesem einen Spiel die Grenzen zeigen. Doch mit der Pressingmaschine BVB hatten die technisch überlegenen, aber behäbigen Bayern in der späten van-Gaal-Phase größte Probleme. Insbesondere Bastian Schweinsteiger sah vor dem 0:1 alt aus – wie oft in dieser Zeit gegen den BVB. Der hochverdiente Sieg zeigte: Der BVB war den Bayern taktisch, physisch und emotional voraus.

Bayern – Dortmund 0:1 (November 2011)    

Damals dachte man in München, der erste Titelgewinn der Dortmunder war ein Ausrutscher. Vor dem Spiel betrug der Vorsprung der Bayern unter dem neuen Trainer Jupp Heynckes fünf Punkte, den wollten sie ausbauen. Doch in einem ausgeglichenen Spiel nutzte der 19-jährige Mario Götze eine der wenigen Chancen zum Siegtreffer. In den folgenden Monaten zog der BVB wieder an den Bayern vorbei. Die Bayern mussten einsehen, dass ihnen ein überlegener Gegner herangewachsen war.

Dortmund – Bayern 1:0 (April 2012)  

Bis zum Rückspiel am 30. Spieltag, einem Abendspiel unter der Woche, hatte der BVB drei Punkte Vorsprung auf die Bayern. Das Spiel war so etwas wie die letzte Möglichkeit der Münchner, den Dortmundern den zweiten Titel streitig zu machen. Doch in der Schlussphase lenkte Robert Lewandowski den Ball mit der Hacke ins Tor. Dann begann die Antishow des Arjen Robben: Erst holte er einen Elfmeter raus, dann verschoss er ihn, zwei weitere Chancen vergab er. Vom Bayern-Dusel war nichts mehr zu spüren. Jürgen Klopp schrie am Spielfeldrand die Anspannung heraus. Der Weg zur Titelverteidigung war frei.

Dortmund – Bayern 5:2 (Mai 2012)  

In Berlin wollten die Vizemeister aus Bayern eine Woche vor dem Finale dahoam gegen Chelsea zeigen, wer in Deutschland Endspiele gewinnt. Doch während sich die Bayern noch sortierten, schoss Shinji Kagawa vor den Augen von Alex Ferguson ein Tor. Später traf Lewandowski dreimal. Die Dortmunder waren sicher keine drei Tore besser, doch sie überranten die Münchener ein weiteres Mal, das fünfte Mal in Serie. Auch beim Champions-League-Finale eine Woche später verloren die Bayern. Doch das 2:5 von Berlin war wahrscheinlich die schmerzhafteste Niederlage der Bayern in der jüngeren Vereinsgeschichte. Klopps BVB war auf dem Zenit. Es sah so aus, als wäre den Bayern auf Dauer ein mindestens ebenbürtiger Rivale erwachsen. Doch Hoeneß schwor Rache, und so kam es.

Bayern – Dortmund 1:0 (Februar 2013)

Es war die Saison, in der die Bayern zurückschlugen. 25 Punkte landeten sie in der Liga vor dem BVB. Doch sie mussten sich gedulden. Im Supercup gewannen sie zwar 2:1 gegen Dortmund, was allenfalls psychologisch wichtig war. In der Bundesliga aber konnten sie auch in dieser Saison den BVB nicht besiegen, zweimal endete es 1:1. Daher war der 1:0-Sieg im Pokalviertelfinale von großer Bedeutung. In einem Sturmlauf drängten sie die Dortmunder in deren Hälfte, vor allem in der ersten Halbzeit. Die Bayern hatten sich von den Dortmunder Peinigern Beine machen lassen. Klopp hatte Glück, dass nur Robben traf. Die Bayern dagegen hatten Glück, dass Javi Martínez bei einer Sense gegen seinen heutigen Mitspieler Lewandowski nicht die Rote Karte sah. Am Ende besiegten die Bayern ihren Angstgegner, und Uli Hoeneß, damals noch steuerlich unbescholten, sagte: "Mit diesem Spiel haben wir die Vormachtstellung im deutschen Fußball zurück, die Verhältnisse sind geklärt."

Wembley, Götze, Schiedsrichter

Bayern – Dortmund 2:1 (Mai 2013)

Erstmals trafen sich zwei deutsche Teams in einem Champions-League-Endspiel. Austragungsort war das heilige Wembley. Es war der Höhepunkt der Rivalität zwischen Bayern und dem Klopp-BVB. Ein paar Wochen zuvor war bekannt geworden, dass Götze zu den Bayern geht. Dortmund, ohne den verletzten Götze, begann stark. Doch die Heynckes-Bayern übernahmen nach und nach die Initiative. Das 1:0 von Mandžukić konnten die Dortmunder noch durch Gündoğans Elfmeter ausgleichen. Robbens Treffer in der 89. Minute besiegelte aber den Triumph der Bayern. Sie gewannen verdient, hatten die bessere Abwehr und den besseren Tormann. Aber sie hatten auch Glück. Ribéry und Dante hätten vom Platz fliegen müssen, und ein Weitschusstor von Lewandowski wurde nach einem sehr kleinlichen Pfiff nicht anerkannt. Klopp gab sich als guter Verlierer und gratulierte.

Dortmund – Bayern 0:3 (November 2013)

Im Supercup vor der Saison schlug der BVB die neuen Guardiola-Bayern 4:2 und nährte die Hoffnung, dass er dessen Ballbesitzfußball entschlüsseln können würde. Es war ein Trugschluss. In dieser Saison wurde sichtbar: Der BVB hatte den Anschluss an die Bayern verloren. Und es tat besonders weh. In einem Spiel wurde die Einwechslung des verlorenen Sohnes Götze zur Ursache der Niederlage. Kurz darauf traf er und das Westfalenstadion schwieg und weinte.

Bayern – Dortmund 0:3 (April 2014)  

Die Bayern waren bereits Meister und machten eine Schwächephase durch. Den schnellen Dortmunder Angriffen und Abschlüssen waren sie nicht gewachsen. Für die Tabelle war das Spiel bedeutungslos. Aber Klopps Dortmunder zeigten, dass sie den Bayern immer eine Gefahr sind.

Dortmund – Bayern 0:2 (Mai 2014)

Die Vorzeichen hatten sich scheinbar verkehrt. Dortmund kam als leichter Favorit nach Berlin, die Hauptstadt war schwarz-gelb. Die Bayern waren angeschlagen, hatten viele Verletzte und ein 0:4 gegen Madrid im Kreuz. Es wurde der Sieg Guardiolas. Mit seiner Taktik überraschte er Klopp: Dreierkette, Robben als Mittelstürmer, später Ribéry im Zentrum. Bayern war der verdiente Sieger, konnte aber wieder auf den Schiedsrichter zählen. Das mutmaßliche Siegtor von Hummels wurde fälschlicherweise nicht anerkannt.

Dortmund – Bayern 0:1 (April 2015)

Die aktuelle Saison stand lange im Zeichen der Krise des BVB und dem nahenden Ende Klopps in Dortmund. Der BVB siegte nicht mal in Paderborn oder im Heimspiel gegen Stuttgart, doch gegen die Bayern ging es zweimal sehr knapp aus. Im Hinspiel waren die Bayern klar überlegen, aber erst in der Schlussphase gewannen sie durch einen Elfmeter 2:1. Und im Rückspiel trafen sie auf einen geschwächten FC Bayern, der sich einen 1:0-Sieg ermauerte. Torschütze war der Ex-Dortmunder Lewandowski. Da der BVB wie so oft in dieser Saison kaum aufs Tor schoss, hätte er sich gefreut, wenn der berechtigte Elfmeter nach einem Foul von Xabi Alonso gegeben worden wäre. Die beiden Duelle in dieser Saison waren knapp, das Supercup-Finale gewann sogar der BVB 2:0. Das alles hatte aber nicht mehr das Feuer der Vergangenheit. Guardiola war Klopp taktisch überlegen.

Bayern – Dortmund ? (28. April 2015)

Heute kommt es zum letzten Mal zum Duell zwischen den Bayern und dem BVB Jürgen Klopps. Karl-Heinz Rummenigge achtet ihn so sehr, dass er ihn mit Blumen verabschieden wollte. Doch Klopp lehnte dankend ab und sagte, er sei "auf Krawall gebürstet". Der BVB hat dieses Jahr enorm enttäuscht, auch kämpferisch. Vielleicht weckt ja Klopps Rückzug alte gute Geister. Aber: Die Bayern nehmen den BVB nach wie vor sehr ernst. Am Spieltag wurde bekannt, dass sie angeblich Gündoğan kaufen wollen. Kein Zufall, sondern die übliche Taktik.