Der Verteidiger, der aus der Rolle fällt – Seite 1

Es sieht oft gut aus, was Mats Hummels macht. Elegant schlägt er mit dem Außenrist lange Pässe auf die Stürmer, mit rechts oder links. Klaut dem Gegner den Ball und leitet Konter ein. Köpft, schießt Tore. Hummels war eine Säule des BVB in den Meisterjahren, erhielt als Weltmeister von Reportern und Fans das Prädikat Weltklasse, ist zudem ein extrem fairer Verteidiger. Er ist Testimonial, Frauenschwarm und klüger als die meisten anderen Fußballer. Und angeblich will ihn Manchester United kaufen.

Die Borussia will wohl ein paar Millionen drauflegen, um ihren Kapitän zu halten. Dass Hummels diese Saison schwächer spielt und entscheidende Fehler macht, wie zuletzt gegen Gladbach und Bayern, nimmt der Verein als mutmaßliche Spätfolge des WM-Titels hin. Doch der vermeintlich beste deutsche Verteidiger leidet nicht nur an einem Formtief. Hummels ist nicht so gut, wie er gemacht wird.

Alle Fußballer machen Fehler. Reihte man sie aneinander, sähe selbst Lionel Messi aus wie ein Amateurkicker. Im Fall Hummels ist es dennoch angebracht. Abwehrspieler misst man nun mal an Fehlern, zumal wenn sie angeblich mit den Besten der Welt in einer Reihe stehen, etwa Sergio Ramos, Raphaël Varane, vielleicht sogar John Terry oder Jérôme Boateng. Und Hummels macht Fehler der gröberen Sorte, abwehrtechnische und taktische, obwohl er seit sieben Jahren mit den gleichen Nebenleuten unter dem gleichen Trainer spielt.

Die technischen Schwächen sieht man auf den ersten Blick. Eine Auswahl: In Gladbach fiel er hin, weil er sich nicht gut auf den öffnenden Steilpass vorbereitet hatte. Gegen Bayern ging er bei einem Zweikampf im Stehen zu Boden. Gegen Augsburg landete er durch eine Finte des Gegners auf dem Rasen. In Berlin grätschte er etwa einen Meter am Stürmer vorbei. Alle Szenen führten jeweils zum 0:1 und zur Niederlage. Ramos grätscht nicht einen Meter am Stürmer vorbei, Varane fällt nicht wegen einer Finte ins Gras.

Schwerer wiegen Hummels' taktische Defizite, sie lassen ein Muster erkennen. Um sie zu analysieren, muss man abseits des Geschehens hinsehen. Gute Abwehrspieler zeichnen sich dadurch aus, dass sie Gefahr durch Laufwege beheben, bevor sie entsteht. Oder sie erkennen die Situation früh und sind schon da, wenn es brennt. Vor allem geht Verteidigen heute im Kollektiv. Deswegen spricht man von Abwehrkette.

Immer öfter fehlt er, wenn's brennt

Eine gute Abwehr reagiert immer auf das Spiel vor ihr, selbst wenn der Ball weit weg ist: Hat der ballführende Gegner Platz und Zeit? Läuft er im Tempo oder ist er gestellt? Ist sein Weg zur Spielrichtung frei oder dreht er sich vom Tor weg? Das sind die entscheidenden Kriterien für eine ganz wichtige Frage: Wann weicht die Abwehr zurück, wann schiebt sie vor? Abwehr ist kompliziertes und konservatives Risikomanagement.

Die Situation ändert sich schnell und oft. Steht die Abwehr dann zu weit hinten, erschwert sie ihren Vorderleuten, sich den Ball zu holen. Noch schlechter: Steht die Abwehr zu weit vorne, öffnet sie den Stürmern den Raum hinter sich, ermöglicht ihnen ein leichtes Tor. Standard dieser Abwehrschule, zumindest in der Grobform, ist für viele Trainer noch immer Arrigo Sacchi, der den AC Mailand vor einem Vierteljahrhundert zur weltbesten Mannschaft coachte.


Auf Sacchis Choreografien beruft sich auch Jürgen Klopp. Dessen Abwehrchef Hummels schert aber oft aus, rückt nach vorne oder zur Seite, fällt aus der Rolle, verlässt den Verbund, spielt auf eigene Faust. Geht das gut, holt er den Ball weit weg vom Tor und der BVB greift an. Hummels kann die prägende Figur des BVB sein, wie im Pokalfinale 2014, als sein mutmaßliches Siegtor zu Unrecht aberkannt wurde.

Immer öfter jedoch fehlt Hummels, wenn's brennt. Dann sieht man Neven Subotićs hängende Zunge oder Marcel Schmelzers angestrengtes Gesicht. Etwa beim 1:2 im Achtelfinale der Champions League in Turin. Die Dortmunder Abwehr war bei beiden Toren, die ähnlich entstanden, in Überzahl. Hummels, in den Momenten vor dem Tor jeweils ohne Gegenspieler, hätte den Passweg schließen können. Er hätte auch ahnen können, dass die Gefahr in seinem Rücken lauert. Beide Tore fielen aus zentraler Position, also von dort, wo ein Innenverteidiger sein sollte. Speziell über das zweite Tor muss man sagen: Hummels deckte Luft. Schmelzers Rettungsversuche waren vergebens.

Hummels' Risikomanagement stimmt oft nicht. Gegen den HSV rückte er ohne echte Chance auf den Ball aus der Abwehr ins Mittelfeld. Ein Fehler, den man in dieser Saison sehr oft von ihm sieht, auch vor dem 0:2 in Gladbach. Vor dem 0:2 gegen Turin im Rückspiel stand die Abwehr zu weit vorne, nahe der Mittellinie. Sie übersah, dass der Turiner Mittelfeldspieler den Raum hatte, leicht hinter die BVB-Kette zu passen. Sie hätte sich nach hinten orientieren müssen. So lief der Gegner alleine auf Roman Weidenfeller, Tor, Spiel entschieden.


Nach gewonnenen Zweikämpfen steht Hummels schneller auf als nach verlorenen


Die Wiederholung zeigte auch, Schmelzer und der Rest rannten zurück, Hummels nahm es eher locker. Auch das sieht man gelegentlich, zuletzt beim Tor der Bayern. Nach gewonnenen Zweikämpfen steht Hummels in der Regel schneller auf als nach verlorenen.

Das Lewandowski-Tor war nicht Hummels' erster Fehler in diesem Spiel. Zu Beginn lief Müller in die freie Hummels-Zone, wurde angespielt. Müller schoss kein Tor, doch womöglich hatte Pep Guardiola seine Elf auf diese Dortmunder Schwachstelle hingewiesen. Das ist auch eine Frage: Steuert Klopp seine Verteidiger gut? Lehrvideos würde Sacchi mit der Abwehr des Tabellenzehnten jedenfalls nicht drehen.

Wenn Hummels angeblich so viel falsch macht, werden seine Fans zu Recht fragen: Warum ist er zweifacher Deutscher Meister? Dazu muss man sich das Spiel der Dortmunder in den Jahren 2010 bis 2012 oder 2013 ansehen. Gegen die meisten deutschen Teams waren sie, anders als heute, physisch und emotional im Vorteil. Das kam Hummels entgegen, er konnte sich mehr Risiko erlauben. Er antizipierte, spekulierte, stahl Bälle, war der erste Offensive des BVB. Hummels, rund neunzig Kilogramm schwer, war auch in diesen Jahren nicht der Wendigste, aber fitter und schneller. Sein Topspeed sei von 34,7 auf 32,1 Kilometer pro Stunde gesunken, schreibt die Sport Bild.


Aber auch in den erfolgreichen Jahren unterliefen ihm in wichtigen Spielen Schnitzer. Im Champions-League-Finale 2013 ging er vor dem 1:0 zwei Schritte vor, spielte auf Abseits. Das war unnötig riskant, weil die Abwehr in Überzahl war. Im Strafraum trauen sich das nicht mal die Defensivkünstler aus Italien. Es ging schief, Mario Mandžukić traf. Eine unglückliche Figur machte erneut Schmelzer. Aber Hummels hätte das Tor einfach verhindern können, wenn er Mandžukić gedeckt hätte. So konnte er nur den Arm heben, um den Schiris Abseits anzuzeigen.


Im Halbfinale der EM 2012 öffnete Hummels dem Italiener Cassano den Weg zum Tor, also die innere Linie, wie Jugendtrainer sagen. Ein grober Fehler. Cassanos Flanke führte zum 1:0 und zur deutschen Niederlage. Hummels wiederholte damit seinen Patzer aus der Vorrunde gegen Holland, den van Persie zum Tor genutzt hatte. Beide Mal stand Holger Badstuber alleine da.


Auch die WM 2014 war nicht frei von Tadel. Zwar gewann Hummels viele Zweikämpfe und köpfte zwei Tore. Doch im Finale war Boateng die entscheidende Abwehrkraft. Hummels kam mit Messi nicht zurecht, was vielen so geht. In der Verlängerung jedoch sprang Hummels unter einem langen Pass hindurch, was John Terry nie passieren und was man jedem Zweitligaspieler ankreiden würde. Es war die Riesenchance für Argentinien. Es war auch ein ungewöhnlicher Fehler, weil Hummels, 1,91 Meter groß, bei Flanken eigentlich ein vorzügliches Timing hat.


Der englische Taktikexperte Jonathan Wilson twitterte während der WM über große Zweifel an der deutschen Abwehr. Inzwischen gibt es auch hier Hummels-Skeptiker. In der Nationalelf ist Hummels' Stammplatz in Gefahr. Lothar Matthäus schimpfte nach dem Bayern-Spiel. Owen Hargreaves hält ihn für langsam. Didi Hamann sagte: "Noch so ein Jahr, dann wird sich Hummels' Transferwert vierteln." Auch Hummels gibt sich selbstkritisch, etwa nach dem Spiel in Turin. Im Interview mit dem Taktik-Blog Spielverlagerung versprach er Besserung und erklärte, warum er so riskant spiele.

Dass Hummels Bestnoten erhält, hat auch damit zu tun, wie Abwehrspieler in Deutschland bewertet werden. Geringe Beachtung finden elementare Dinge des modernen Abwehrspiels, etwa Tiefenstaffelung, Zustellen von Passwegen, "unsichtbares" Verteidigen, kluges Laufen also. Wirkung erzielen die außergewöhnlichen und improvisierten Taten, etwa die spektakuläre Grätsche, der Befreiungsschlag auf die Tribüne oder wenn einer auf der Linie mit letztem Einsatz klärt. Das beherrscht Hummels.

Verteidigung ist aber diszpliniertes Dienstschieben. Abwehrspieler haben kaum Spielraum in ihren Entscheidungen. Sie müssen ihre Aufgaben erfüllen, damit andere glänzen. "Man nimmt an dem, was diesen Sport ausmacht, nicht teil", sagte Christoph Metzelder nach seiner Karriere der ZEIT. "Man ist destruktiv. Es macht keinen Spaß." Höchste Verteidigertugend ist, dort zu sein, wo man alt aussehen kann. Wo alle Welt sieht, dass der Stürmer einen austanzt. Und die TV-Kamera einen nach dem Gegentor aus der Vogelperspektive kleinmacht. Hummels sieht man zurzeit zu selten an diesen Orten.