Jerusalem.

In der Stadt geht das Gerücht um, Henryk M. Broder habe mich als seinen neuen PR-Mann engagiert, mit dem primären Ziel, die Zahl seiner Leser zu vergrößern. Ich weiß, es klingt bizarr, aber einige Leute sind überzeugt, dass es stimmt.

Sie müssen wissen, viele Jahre lang wurde Henryk von den guten Deutschen, den unvoreingenommenen, vorgeworfen, er sei voreingenommen und einseitig, wenn es um Juden ging, und sie wünschten sich, er würde endlich still sein und gehen.

Und dann, vor ein paar Jahren, tauchte ich auf der deutschen Journalismusbildfläche auf, vor allem in den Medien der ZEIT-Familie, und auf wunderbare Weise sangen die Broder-Hasser nun ein ganz anderes Lied. "Wir wollen Broder", schreien sie seitdem. "Gebt uns Broder!", brüllen sie. "Broder ist witziger", rufen sie. "Schmeißt diesen Tuvia raus und gebt uns Henryk! Bitte, bitte, bitte!"

Hätte sich diese neue Liebe für Henryk ohne mich entwickelt? Höchstwahrscheinlich nicht. Aber ich verrate Ihnen was: An dem Gerücht ist nichts dran. Ich bin niemandes PR-Mann.

Trotzdem freue ich mich, dass ich ein paar Leute dazu gebracht habe, einen Juden zu vermissen. Das ist eine gewaltige Leistung!

Natürlich ist Henryk gesund und munter und schreibt für die deutschen Medien, genau wie zuvor, sodass die, die ihn vermissen, wissen sollten, dass sie ihn immer noch jederzeit lesen können.

Mich selbst beschäftigen andere Dinge als Henryk. Zum Beispiel: Sie.

Ja.

Sie, zumindest einige von Ihnen, wollen wissen, wieso ich so oft von "Juden" rede, und ich werde es Ihnen verraten.

Überraschenderweise, und das meine ich jetzt ernst, habe ich den Eindruck, dass einige von Ihnen noch nie von einem Spiegel gehört haben. Und wenn doch, wird es Zeit, dass Sie ihn ab und zu mal benutzen.

Lassen Sie es mich erklären.

Zu viele von Ihnen, auch wenn das jetzt eine schockierende Nachricht sein mag, sind zu besessen von uns, den Juden. Gucken Sie in den Spiegel und sehen sie selbst.

Ein Beispiel: Wenn ich durch die Straßen von Tel Aviv und Jerusalem laufe, durch Ramallah und Nablus, sehe ich hier viele von Ihnen in besonderer Mission. Was haben Sie im Heiligen Land verloren? Sind Sie wirklich so religiös? Vielleicht, aber wenn, wieso besuchen Sie dann nicht Jesu Grab, ob nun leer oder nicht, anstatt ständig den lebenden Juden hinterherzulaufen? Von den Atheisten unter Ihnen will ich gar nicht erst anfangen; was zur Hölle machen Sie hier im Heiligen Land?

Wir wollen sicherstellen, dass Israel die Menschenrechte achtet, sagen Sie.

Lassen Sie mich einmal brutal ehrlich mit Ihnen sein: Wer verleiht Ihnen, den Kindern und Enkeln der Menschen, die die "Judenfrage" in Krematorien "gelöst" haben, die ethische und moralische Überlegenheit, nach Israel zu kommen und den Menschen hier von Ethik zu erzählen, den Enkeln der wenigen, die die Krematorien überlebt haben, die Ihre Großeltern erbaut und betrieben haben?

Niemand. Und trotzdem sind Sie hier, und sind besessen.

Ich schreibe über Juden, weil Sie – diejenigen, die ich hier treffe und viele von denen, die ich in Deutschland treffe – von Juden besessen sind.

Sie sind herzlich willkommen, Israel zu besuchen, aber ich finde, es zeugt von höchster Dreistigkeit und schierer Chuzpe, wenn Sie den Juden Predigten halten, wie sie sich verhalten sollen, wenn Sie genau den Palästinensern helfen, von denen Sie wissen, dass sie die Juden am meisten hassen, oder wenn Sie diejenigen Juden herauspicken, deren Selbsthass Sie erkannt haben, um sie mit Geld zu überschütten, damit sie die Drecksarbeit für Sie erledigen.

Tut mir leid, dass ich so direkt bin. Direkt und ehrlich mit den Leuten zu sein ist, glaube ich, kein Zeichen des Hasses, sondern ein Zeichen der Liebe. Ich liebe die Deutschen, und deshalb komme ich jedes Jahr nach Deutschland und lebe ein paar Monate lang dort. Aber das heißt nicht, dass ich Ihren Rassismus respektiere, Ihren Faschismus, Ihren – wir wollen es genau benennen – Antisemitismus.

Ich leugne es nicht: Manchmal gehen Sie mir so sehr auf die Nerven, dass ich meinen Hassgefühlen freien Lauf lasse, aber das passiert selten, und in der Regel siegt am Ende die Liebe. Deshalb schreibe ich für Sie und verrate Ihnen, was ich denke.