Halbfinals der Champions League sind Feiertage des Weltfußballs. Selten aber versprachen die beiden Paarungen dem Fan mehr als dieses Jahr. Taktisch gesehen verweist die Paarung Juventus Turin gegen Real Madrid (Dienstag, 20.45 Uhr auf Sky) in jene goldene Zeit des italienischen Fußballs, als der AC Mailand Ende der achtziger Jahre unter Arrigo Sacchi mit zwei formidablen Viererketten den Weltfußball revolutionierte. Carlo Ancelotti, heutiger Coach von Real Madrid, war Mitglied dieser legendären Mannschaft. Massimiliano Allegri, sein Widerpart auf der Bank von Juventus, führte Mailand 2011 zur bislang letzten Meisterschaft. Es erwartet uns also ein Duell feinstgeschulter Ergebniszyniker, das in seinen taktischen Prägungen mehr als ein Vierteljahrhundert in die Vergangenheit ragt.

Seinen zweiten wesentlichen Innovationsschub erhielt der jüngere Weltfußball im Gefolge der Cruyff-Revolution beim FC Barcelona, dessen wesentliche Mittelfeldprotagonisten Pep Guardiola und Luis Enrique sich am Mittwoch im zweiten Halbfinale Barca gegen Bayern (Mittwoch, 20.30 Uhr im ZDF) als Trainer gegenüberstehen. Lässt man sich auf diese Erzählweise ein, ergeben sich zwei Folgerungen. Erstens: Die Dekade von 1995 bis 2005 war eher eine pragmatisch orientierte Stagnation (Hitzfeld, Heynckes, Ferguson, Mourinho). Zweitens: Von einem distinkt deutschen Beitrag zur Systementwicklung des Spiels kann seit Jahrzehnten nicht die Rede sein. Der deutsche Fußball scheint der Welt nicht viel zu geben.

Bereits fußballhistorisch gibt es also ausreichend Gesprächsstoff, doch lautet die drängende Frage dieser Tage natürlich, mit welcher Taktik Pep Guardiola seine Schrumpfbayern in Barcelona zum Erfolg zu führen gedenkt. Ganz unabhängig vom Ausgang des Duells lässt sich bereits heute festhalten: Guardiola hat sich in München als großer Trainer bewiesen. Denn es ist ihm gelungen, seinen Totalgestaltungsanspruch erfolgreich an neue Verhältnisse und Spieler anzupassen. Dies gilt insbesondere für die aktuelle Saison, in deren Verlauf der FC Bayern zu einer eigenen Systemsprache fand, die sich benennbar vom katalanischen Ausgangsmodell unterscheidet.

Die wesentlichen Veränderungen liegen in der Aufwertung des 25-Meter-Druckpasses aus der Abwehr (Boateng, Badstuber), der langen, spielverlagernden Traverse (Boateng, Alonso, Thiago) sowie – eng damit verbunden – in einer merklichen Dezentralisierung des Offensivspiels, die nicht zuletzt dem Kopfball als entscheidendem Tormittel eine viel höhere Bedeutung einräumt. Zudem gab es viele entscheidende Partien, in denen sich Pep aufgrund personeller Notsituationen vollends vom systemprägenden Ideal dauerhaften Ballbesitzes trennte und uns aus nichts als Wasser und Münchener Brezelsalz eine schmackhafte Suppe kochte (Pokalfinale 2014, 1:0-Sieg in Dortmund, Pokalviertelfinale in Leverkusen). Katastrophal endete Peps Wille zur taktischen Selbstüberwindung einzig, als er sich in faktischer Bestbesetzung an gänzlich Neuem versuchte (Halbfinale 2014 gegen Madrid).

Klopp-Fußball eignet sich für Teams in permanenter Trotzphase

Zumindest diese Gefahr besteht am Mittwoch nicht, viele Spieler fehlen verletzt. Bei der gegenwärtigen Personallage kann das Ziel der Bayern nicht lauten, Barcelona auf eigenem Terrain mit eigenen Mitteln zu schlagen. Nichts wäre fataler als das Ansinnen, seinem ehemaligen Mannschaftskollegen Luis Enrique eine Lehrstunde in der Kunst des modernisierten Toque (vulgo: Tiki-Taka) zu erteilen. Womit ich auf die einleitende Frage nach den Innovationen der vergangenen Jahrzehnte zurückkomme. Denn genau betrachtet gab es da durchaus eine tragend neue Spielidee deutscher Prägung, die über die eigene Liga hinaus Strahlkraft entwickeln könnte. Es ist der emotional stets überschüssige Eroberungsfußball des Jürgen Klopp. Statt auf hohe Ballbesitzquoten und kurzpassbasierte Spielkontrolle, setzt er auf klug gestellte Eroberungsfallen mit anschließenden Drei-Kontakt-Kontern.

Klopps Stil hat die Bundesliga die vergangenen Jahre geprägt. Zwei der vier erfolgreichsten Teams dieser Saison spielen in seiner Spur (Leverkusen, Gladbach). Und kein Trainer fürchtet das Potenzial dieser reaktiv-aggressiven Überfälle tiefer als Pep Guardiola. Tatsächlich bestand Guardiolas zentrale Erkenntnis in seinen ersten bayerischen Monaten darin, dass die Bundesliga eine Konterliga Kloppscher Prägung ist.

Klopps Ansatz nährt sich von einer Selbstbeschreibung als Underdog. Er funktioniert hervorragend bei Mannschaften in der permanenten Trotzphase des Jetzt-erst-recht. Er ist geschaffen gegen Teams, deren zentrale Schwächen im ersten Drittel der Spielentwicklung, insbesondere aber in der Rückwärtsbewegung nach Ballverlusten liegen. Er ist wie geschaffen für Bayerns Auftritt am Mittwoch. In einem Satz: Guardiola sollte seine Bayern in Barcelona à la Klopp spielen lassen.

Kommt es so, stünde ein großer Gewinner bereits fest. Entweder bestehen Guardiolas Bayern die Herausforderung im beschriebenen Sinn. Dann dürfte sich auch Klopp als Sieger fühlen, sein Stil hätte Bayern den Erfolg gebracht. Das wäre sehr gut für Klopps international ohnehin nicht schlechte Reputation. Oder aber Guardiola scheidet mit seiner Mannschaft auf eigene Weise aus, womit spätestens in einer Woche eine garstige und womöglich vertrauenszersetzende Kontroverse um den künftigen Trainer von Bayern München ausbricht. Und man muss kein Prophet sein, um vorauszusagen, welcher Name dabei in aller Munde geführt werden würde.