Vor knapp zwei Jahren organisierte der große FC Bayern die größte Pressekonferenz seiner Geschichte. 250 Journalisten aus elf Nationen waren da, sechs Fernsehsender berichteten live, Online-Medien tickerten im Minutentakt. Der Heiland war da, er hieß Pep Guardiola, sagte schüchtern "Grüß Gott" und hörte, wie viele vom Beginn einer neuen Ära sprachen.

Die Bayern freuten sich, den begehrtesten Trainer der Welt nach München gelockt zu haben. Und alle freuten sich auf Guardiolas Duelle mit Jürgen Klopp, damals womöglich der zweitbegehrteste Trainer der Welt. Kurze Pässe gegen Überfälle, Künstler gegen Räuber, Pep gegen Klopp. Über Spieler redete kaum jemand. Warum auch? Damals schien es, als ob Trainer die Spiele alleine gewönnen.

Heute kratzen sich einige Fußballfans am Kopf und fragen sich, was nur los ist mit den Überübungsleitern. Diese Saison hat Guardiola und Klopp entzaubert. Den einen, Klopp, der sogar kündigte, etwas mehr als den anderen. Aber beide sind Opfer einer eigentlich recht banalen Erkenntnis geworden: Es sind noch immer die Spieler, die Tore schießen und Partien entscheiden. Die Saison hat die Trainer geschrumpft.

Gegenpressing erklären als Distinktion

Die Überhöhung der Fußballlehrer begann Mitte der 2000er Jahre. Jürgen Klopp hat großen Anteil daran, weil er während der WM 2006 im Fernsehen Fußball in seine Einzelteile zerlegte, wie es vor ihm noch niemand getan hatte. Weil der Sport in dieser Zeit endlich auch in Deutschland taktisch in der Moderne ankam, konnte am Stammtisch fortan glänzen, wer mit Fachbegriffen um sich warf. Blogs mit Namen wie Spielverlagerung wurden populär. Gegenpressing erklären zu können schuf Distinktion.

Schon in den Siebzigern schwärmten Intellektuelle von Günter Netzer, der aus der Tiefe des Raumes kam, oder vom Liberofreigeist Franz Beckenbauer. Fertig feuilletonisiert wurde der Fußball aber erst mit der WM in Deutschland. Sie ließ den Sport endgültig ankommen, in allen Schichten der Gesellschaft. Durch die vielen neuen und alten Fußballinteressierten stieg auch das Bedürfnis, dieses komplexe, kaum zu fassende Spiel zu verstehen. Der Schlüssel waren die Trainer. 

Nicht nur, weil sie wegen ihres Alters mehr zu erzählen hatten als die Selfies-postenden Internatskicker und so wenigstens in Ansätzen die intellektuelle Bedürfnisse der neuen Öffentlichkeit befriedigten. Sie waren auch die Auserwählten, die das Spiel durchdrungen zu haben schienen. Sie umwehte stets der Geist der Wissenschaft und Hochkultur. Sie brachten Ordnung in das anarchische Gekicke, fügten dem Körperlichen die Ebene des Geistes hinzu. Ehrfurchtsvoll wurde von Matchplänen geraunt, von Konzepttrainern, von Genies.

Der Hype ist nur ein Hype

Die Evolution der Trainer ist bemerkenswert. Die besten Trainer sind mittlerweile Stars, die heller scheinen als ihre Spieler. Sie werden zu mythischen Figuren aufgeblasen, zum Mittelpunkt des Fußballuniversums. Kein Spiel vergeht, in dem nicht 90 Minuten lang eine Kamera auf die Trainer gerichtet ist. Der Hype hat leider einen Haken: Er ist ein Hype.

Nun wäre es unangemessen, Pep Guardiolas Saison als gescheitert zu bezeichnen. Zu überlegen wurden die Bayern Deutscher Meister. Aber für den Champions-League-Titel, den Guardiola auch selbst von sich erwartet, reichte es nicht. Vor allem das vorentscheidende Hinspiel muss ein Albtraum für den Spanier gewesen sein. Er, der 24 Stunden am Tag über Fußball grübelt, musste erkennen, dass er ab einem bestimmen Punkt machtlos war. Es war ein Spiel, das sich ihm als Trainer entzog.

Dabei dachte Guardiola noch, er hätte die Partie in den Griff bekommen, nachdem er sein anfängliches Dreierketten-Wagnis beendet hatte. Seine Spieler schlugen sich wacker, hielten sich am System ihres Trainers fest wie an einer Rettungsleine. Ehe Lionel Messi kam, zwei Tore schoss und eines vorbereitete. Seine Botschaft: Gegen Messi hilft keine Fußball-Philosophie der Welt. Messi sprengt die Grenzen des Systems. Der Anarchist schlägt den Algorithmus. Der größte Fußballer zeigt, dass er größer ist als der größte Fußballlehrer. Weil der eine mitspielt und der andere nicht.

Dies ist kein Plädoyer für die Rückkehr des Schleifers, dessen Horizont im Wald endet, in dem er seine Spieler laufen und schnaufen lässt. Ohne einen Trainer mit einer Idee geht es nicht. Ein kluges taktisches Konzept macht eine Mannschaft besser als die Summe ihrer Teile. Ist es neu, hat die Elf einen Innovationsvorsprung, den man auch in der Tabelle sieht. Doch irgendwann stößt auch der findigste Trainer an eine Grenze. Auch ein Zauberer ist nichts ohne sein Werkzeug, ohne Zylinder und Kaninchen, schrieb die Süddeutsche Zeitung. Die Taktiktafel gewinnt keine Spiele. Auf höchstem fuballtheoretischen Niveau, wenn das Spiel festgefahren ist, weil zwei schlaue Trainer am Werk sind, entscheidet am Ende die Güteklasse der Spielerfüße. Deshalb sind die von Suárez, Neymar und Messi zusammen auch 260 Millionen Euro wert.