Viele Fußballjournalisten träumen von einem zweistündigen Exklusivinterview mit Pep Guardiola, andere vielleicht von einem Angelausflug mit dem U21-Nationaltrainer Horst Hrubesch. Stefan Erhardt träumt davon, sagt er, Peter Handke auf einem Dorfbolzplatz zu treffen und mit ihm darüber zu reden, warum "sowohl in seiner Prosa als auch in seinen Theaterstücken immer wieder Fußball auftaucht – als konkrete Szene, Metapher oder Motiv".

Erhardt ist einer von drei Redakteuren und Verlegern des Fußballmagazins Der Tödliche Pass, das in diesen Tagen seinen 20. Geburtstag feiert, und von den meisten Fußballjournalisten unterscheidet er sich schon einmal dadurch, dass er seinen Lebensunterhalt nicht als Berichterstatter verdient. Hauptberuflich ist er in München in der Lehrerausbildung tätig, er schreibt nebenbei.

Das gilt auch für die anderen beiden Macher des Tödlichen Passes: Johannes John, der in jedem Heft mindestens eine Referenz an Bob Dylan platziert, ist Philologe und Redakteur der historisch-kritischen Ausgabe des Gesamtwerks Adalbert Stifters. Claus Melchior ist Buchhändler – was dazu beiträgt, dass man den Tödlichen Pass in einigen Buchläden kaufen kann.

Zielgruppe sind nicht die Allesfahrer

Die drei sind also Fußballfans, die in ihrer Freizeit eine Zeitschrift herausbringen, aber ein Fanzine ist Der Tödliche Pass deshalb noch lange nicht. In diese Kategorie wurde Der Tödliche Pass hin und wieder gesteckt, weil er lange im DIN-A5-Format erschien. Die Zielgruppe der Münchener waren aber – anders als bei dem Magazin 11 Freunde, das fünf Jahre später startete – nie der klassische Kurvensteher und tendenzielle Allesfahrer. In der aktuellen Ausgabe der Vierteljahreszeitschrift nahm Albrecht Sonntag, ein in Frankreich lehrender Sportsoziologe, den Terroranschlag auf die Redaktion von Charlie Hebdo zum Anlass, sich mit der Haltung des Satiremagazins zum Thema Fußball zu beschäftigen. Meine liebsten Fußball-Hasser lautet die Überschrift.

Die Liebe zur Literatur schlägt sich im Heft nieder. Der Autor Gerald Wenge beschrieb kürzlich in einem Artikel, warum er bei Bewegungen Karim Bellarabis immer an İlkay Gündoğan denken muss, und zwar, so seltsam das klingen mag, wegen dessen genau gegenteiliger Körperhaltung. Verfasst ist der Text im Stil des österreichischen Schriftstellers Wolf Haas, und das liest sich so:

Heft Nr. 76 © Der tödliche Pass

"Der Gündoğan immer so kerzengerade, wenn er nicht grad im Spital liegt, quasi Besenstiel, und der Bellarabi ganz gebeugt, Klappmesser Hilfsausdruck. Wie ein aufgescheuchtes Huhn rennt der da vorne hin und her, doch der Sprecher vom Privaten immer nur: 'Schnell ist er' und 'Toll!' und 'Bellarabi!', schon der Name hat's ihm angetan, und du denkst die ganze Zeit, du willst dem Klose sein Kadaver zurück, der Bellarabi ist dir zu aufgeregt."

Promovierte und Fußball

Dass hinter dem Blatt, das sich laut Untertitel der "näheren Betrachtung des Fußballspiels" verschrieben hat, Akademiker stehen, stellen die Macher bereits im Impressum heraus: John und Melchior stehen hier mit ihrem Doktortitel. Am Anfang sei das auch eine Art Marketing-Gag gewesen, sagt Stefan Erhardt. Zur Zeit der Magazingründung sei es ungewöhnlich gewesen, dass sich Promovierte mit Fußball beschäftigen. "Inflationär wurde das ja erst Ende der neunziger Jahre."

Jeder Intellektuelle, der zum Fußballfan geworden war oder angesichts des sich wandelnden Zeitgeists nun meinte, sich dazu zu bekennen zu können, glaubte, nun auch über Fußball schreiben zu können. "Das war nicht alles schlecht", was im Zuge dieser Entwicklung erschienen sei, sagt Erhardt, aber es seien auch viele Beiträge darunter gewesen, die die Reflexion über Fußball nicht vorangebracht hätten.