Von anderen Fußballtiteln und sogar generell von fast allen anderen Zeitschriften hebt sich Der Tödliche Pass durch den hohen Anteil an Buchbesprechungen ab. Siebzehn Textseiten sind in der aktuellen Ausgabe Rezensionen von Neuerscheinungen gewidmet, fast ein Fünftel des Heftes. Erhardt selbst hat eine große Rezension über Tempel der Körper geschrieben, eine "Ketzerschrift" des Sportsoziologen Peter Kühnst. In der Besprechung finden sich Sätze wie: "Die Transzendenz der individuellen Bedeutungslosigkeit, das ist das Geschäft der Religionen, aber auch des Sports." Erhardt sagt, er habe über die Parallelen von Religionskult und Fußballkult ja schon viel gelesen, aber noch nie auf so erhellende Weise wie bei Kühnst. Zu Beginn der Nuller Jahre hat sich Der Tödliche Pass mit dem Thema auch mal in einer längeren Geschichte befasst: Titelzeile damals: Jesus lebt. Aber geht er auch ins Stadion?

Jargon der Baumarktwerbung

In Anlehnung an Fußball wie noch nie, einen Dokumentarfilm über George Best, in dem die Kameras 90 Minuten ausschließlich auf ihn gerichtet sind, könnte man sagen, dass Der Tödliche Pass Fußballjournalismus wie sonst nie bietet. Im kommenden Jahr soll, nicht ganz pünktlich zum Jubiläum, eine Auswahl dieser Texte in Buchform erscheinen. Der Schwerpunkt wird die Entwicklung der Fußballberichterstattung in den vergangenen 20 Jahren sein.

Für die Sammlung drängt sich ein 2011 erschienener Text auf, in dem Michael Schnabel, Mitglied an der Bayerischen Akademie der Wissenschaften in der Kommission für Mundartforschung, beschreibt, wie sich Fußballjournalismus stilistisch verändert hat. Er vergleicht Berichte, die zum ersten Bundesliga-Spieltag 1963 im kicker und im Sportmagazin erschienen sind, mit denen im kicker der Jetztzeit. Schnabel kommt zu dem Schluss, dass die Kollegen früher "in puncto Eloquenz" "ambitionierter" gewesen seien.

Fragt man Erhardt, was ihn an der heutigen Berichterstattung stört, sagt er: Wenn er einen Text zu einem Spiel lese, bei dem man "nach 40 Minuten hätte gehen können", das dann aber in einer "kruden Mischung aus Bolzplatz-Vokabular und dem Jargon der Baumarktwerbung" zu einem spannenden 0:0 hochgejazzt werde. Beim Tödlichen Pass versteht man Fußballkritik als Disziplin wie die Literatur- oder Filmkritik, als ein Genre mit eigenen Kriterien. Fußballkritik ist etwas anderes als ein kritischer Artikel über RB Leipzig.

"Wir kommen mit dem Lesen nicht mehr nach"

Welcher Fußballfreund hat die Muße, Texte zu lesen, die von einer gewissen wissenschaftlichen Ambition oder literarischem Ehrgeiz geprägt sind? Man erlebe es immer wieder, dass Leserinnen und Leser, die ihr Abo kündigen, sagen: "Tolles Heft, aber wir kommen mit dem Lesen nicht mehr nach."

Der Tödliche Pass hat heute 350 Abonnenten, das Ziel sind 1.000. Auf Twitter hat die Zeitschrift 4.700 Follower. Einige von ihnen tragen auch mal was zum Heft bei – wenn Autor Gerald Wenge, der den Twitter-Account betreut, die Crowd auffordert, Vorschläge für Bildunterschriften zu rätselhaften Fotos zu machen.

Honorare für die Autoren sind unter solchen Umständen nicht drin, auch Tim Oehler von der Werbewerkstatt in Hamburg, der das Heft layoutet, arbeite "praktisch ehrenamtlich", sagt Erhardt. Besonders gern würde die Redaktion Przemek Niciejewski ein Honorar zahlen, ihrem polnischen "Haus- und Hoffotografen" (Erhardt). Der bestückt häufig die Rubrik "Kunstschuss". Kürzlich lieferte er Impressionen des "polnischen Non-League-Fußballs". Anderswo erfährt man in den hiesigen Medien ja nicht einmal etwas über den Profifußball im Nachbarland, es sei denn, es geht um Hooligans. "Liebend gern einen Fotoband" würde man mit Niciejewskis Bilder machen, sagt Erhardt. Den könne man vielleicht über Crowdfunding finanzieren. Das ist dann, nach der Sache mit Handke, sein zweites großes Wunschprojekt.