Die globale Begeisterung für den Fußball ist Gold wert. Niemand weiß das so gut wie der Weltfußballverband Fifa, der diesen Sport vermarktet. Würde man in Gold aufwiegen, wie viele Milliarden die Fifa mit der Weltmeisterschaft 2014 in Brasilien verdient hat, käme ein Stapel Barren dabei heraus, der dreimal so groß ist wie die gesammelten Goldreserven, die Brasilien in seinen Tresoren hortet. Rund 5,7 Milliarden Dollar flossen in der WM-Periode in die Kassen des Fußballverbands. Damit waren die Spiele nicht nur ein Riesengeschäft, sondern auch die lukrativste WM bisher. Denn zuletzt hat der Verband sein System perfektioniert, aus der Austragung Geld zu schlagen. Seine Funktionäre womöglich auch.

Seit der Festnahme etlicher Vorstände steht erneut der Vorwurf im Raum, die Fifa sei ein Verband der Bestechlichen. Funktionäre sollen sich mit Millionen haben schmieren lassen, von 100 Millionen Dollar ist die Rede. Dafür sollen sie für bestimmte Austragungsorte votiert haben, etwa 2008 für Russland und Katar, oder bestimmte Sponsoren und Fernsehsender bevorzugt haben. Solche Beschuldigungen gab es schon öfter, bewiesen werden konnten sie noch nicht.  

Die Tatsache, dass jetzt der amerikanische Inlandsgeheimdienst FBI durchgreift, der über das beste Abhör- und Auswertungssystem der Welt verfügt, werten Beobachter wie Thomas Beschorner, Direktor des Instituts für Wirtschaftsethik der Universität St. Gallen, als Zeichen dafür, "dass es nun harte Beweise geben muss und sogar eine Dokumentation der Geldströme vorliegt." Er findet es ohnehin "nicht nachvollziehbar, wie fahrlässig die Weltorganisation Fifa seit Jahren mit der Frage der Bestechlichkeit in ihren eigenen Reihen umgeht. Von außen betrachtet scheint es hier doch mafiöse Strukturen zu geben oder zumindest sehr starke Netzwerke, die auf Kumpelei hinauslaufen."

Wegen ihrer Organisationsstruktur geriet die Fifa immer wieder in Verdacht. Schließlich hat bei ihr vornehmlich einer das Sagen, Präsident Sepp Blatter. Der ist seit 40 Jahren im Verband tätig, seit 1998 Präsident und hat sich auf oberster Vorstandsebene ein Netz aus Vertrauten gestrickt. Vor allem im 24-köpfigen Gremium, das im Alleingang darüber entscheidet, wer im Vierjahresturnus die begehrte Weltmeisterschaft austrägt. So wenige Köpfe – das lädt doch zur Bestechung geradezu ein, monieren Kritiker. "Das ist ein ökonomisches Großereignis und die Vergabe müsste völlig sauber ablaufen – zumal die Fifa einen gemeinnützigen Zweck erfüllen soll. Es ist nicht ihr Ziel, Gewinne zu erzielen", stellt Beschorner klar: "Deswegen verwundert es umso mehr, dass sie das Beharrungsvermögen hat, bei der Frage der Bestechlichkeit wegzuschauen."

Die Fifa ist inzwischen ein Allrounder

Und es gab bisher keine übergeordnete Instanz. "Im Fußball ist die Fifa die mächtigste Organisation überhaupt. Sie kann als Monopolist an jedes beliebige Land die WM vergeben und es gibt einen enormen Wettbewerb zwischen den Staaten, wer sie ausrichten darf und zu welchem Preis", sagt Sportökonom Holger Preuß, Professor der Universität Mainz. Er hat unter anderem Katar in Finanzierungsfragen bei der WM-Bewerbung beraten. Und er weiß aus vielen Studien, wozu Staaten bereit sind, um den Fußball ins Land zu holen.

Zudem wickelt die Fifa immer mehr selbst ab: "Die Fifa verdient mittlerweile immer mehr an der WM, weil sie alle wichtigen Dinge wie Sponsoring, Merchandising und die Rechtevergabe inzwischen selber regelt." Bis 2006 hatte sie viele Funktionen an externe Dienstleister ausgelagert, etwa an das Vermarktungsunternehmen ISL, das die Übertragungsrechte mit Fernsehsendern verhandelte. Die Geschäfte endeten in einem Skandal und mit dem Nachweis, dass mindestens vier Fifa-Exekutivmitglieder über zwölf Jahre heimlich daran mitverdienten und Schmiergelder in dreistelliger Millionenhöhe kassierten. Der Fall beschädigte den Ruf der Fifa stark. Auch den von Sepp Blatter, der soll – damals noch Fifa-Generalsekretär – laut Überzeugung der Staatsanwaltschaft von den Zahlungen gewusst haben. "Sepp Blatter hat es nachweislich versäumt, seine Organisation sauber zu halten", findet Beschorner deshalb.

"Inzwischen hat die Fifa volle Kontrolle über die Rechtevergabe", sagt Sportökonom Preuß, "weil sie deren Verkauf komplett im eigenen Haus abwickelt." Ebenso wie die Lizenzvergabe für Onlinemedien, Merchandising und Sponsoren. Sogar den Ticketverkauf, den früher die austragenden Länder besorgten, nimmt sie nun selbst in die Hand und streicht ab 2022 die vollen Erträge der Ticketverkäufe ein. "So weitet die Fifa ihre finanzielle Kontrolle aus, weil sie sämtliche Gewinne einbehält." Brachten die Spiele in Südafrika noch 4,1 Milliarden Euro ein, war der Erlös in Brasilien vier Jahre später schon 40 Prozent höher.

Aber steigen nicht auch die Kosten, weil die Weltmeisterschaften mit immer größerem Pomp an immer exotischeren Austragungsorten stattfinden? Tun sie nicht, zumindest nicht für den Weltverband. Denn der hat ein Bieterverfahren entwickelt: Alle Nationen, die um die Austragung buhlen, müssen beziffern, welche Summe sie dafür benötigen. Die Fifa interessiert nur die Gesamtsumme der Organisationskosten für Logistik, Transport, Bankette und den Aufbau von Medienzentren. Der Bau der Stadien oder Zubringerstraßen fällt nicht darunter, den tragen die Länder selbst. Der Deal lautet: Die Fifa kassiert das Geld, das bei der WM fließt – und gibt den Ausrichtern dafür, was sie für die Organisation brauchen.

Die WM – auch für die Gastgeber ein lohnendes Geschäft

Ein Eigentor schießen die Gastländer damit aber auch nicht gerade. Denn zusätzlich streichen sie ja Einnahmen ein, die Zehntausende Fußballfans ins Land bringen, die übernachten, essen, einkaufen und vielleicht noch einen Kurzurlaub dranhängen. Unterm Strich jedenfalls mache sich der steuerfinanzierte Bau von Stadien und Bahnhöfen bezahlt, sagt Ökonom Preuß. Mal ganz abgesehen vom Imagegewinn, den viele Gastländer davontragen. Der sei ohnehin unbezahlbar.

Meist berappt die Fifa für die Organisation zwischen 700 und 850 Millionen Dollar, beziffert Preuß. Ins Bieterverfahren gehen die Bewerber dabei mit sehr übersichtlichen Kostenforderungen. Für die WM 2018 und 2022 setzten die Wettbewerber im Schnitt 650 Millionen Dollar an, die billigsten nur 500 Millionen. Viele versuchen, mit Dumpingpreisen die Konkurrenz auszustechen. Eigentlich gefährlich, weil sie im Falle des Zuschlags Gefahr laufen, ihre tatsächlichen Kosten nicht decken zu können. Dann müssen sie aus Steuergeldern nachschießen. Doch in den Augen der Fifa signalisieren kleine Kosten eine große Bereitschaft. Das macht den Austragungsort attraktiver und die möglichen Verbandsgewinne größer. Auf ein paar Dollar Aufschlag kann überdies jeder noch hoffen, wenn er den Zuschlag für die WM bekommt.

Für die Fifa bleibt unterm Strich eine Menge übrig: Gut vier Milliarden Dollar zuletzt. Ein Teil davon wird an die 209 Mitgliedsländer ausgeschüttet. Die bekommen sonst 250.000 Dollar pro Jahr, diesmal wohl eine Million. Darüber mag der Deutsche Fußballbund lachen, für Vanuatu und die Cook Islands ist das viel Geld. Die haben bei Abstimmungen nach dem "Ein Land, eine Stimme"-Prinzip genauso viel Gewicht wie die Großen und werden es Sepp Blatter danken. Rund zwei Milliarden investiert die Fifa zudem in Fußball-Entwicklungsprojekte – vor allem in Afrika, das hat 54 Funktionärsstimmen. Und 1,5 Milliarden legt die Fifa als Sicherheitsreserve zurück. Für die WM in Russland, wer weiß, was bis dahin noch passiert.