Fünf Mann würden vermutlich genügen, um die Fifa zu kippen. Die Verbandschefs aus Spanien, Deutschland, Italien und Frankreich müssten es ihrem Kollegen aus England gleichtun und mit einem WM-Boykott drohen, falls Sepp Blatter wiedergewählt wird. Auf Russland und Katar haben sowieso die wenigsten Lust und ohne die fünf großen Fußballländer wäre die WM nur halb so viel wert. Blatter stünde in der Unterhose da.

Spätestens seit Mittwoch weiß die ganze Welt: Die Fifa ist eine korrupte Bande. Politiker vor allem aus dem demokratischen Westen sind empört. Doch ist Fußballkorruption nur ein Problem von Lateinamerika, Afrika und karibischen Inseln? Auch der europäische Verband, die Uefa, erweist sich nämlich als schwache Opposition. Die Uefa ist uneinig, viele ihrer Mitglieder sind selbst Teil der Fifa-Mafia. Als weißer Ritter im Weltfußball kann Europa nicht auftreten.

Zwar hat die Uefa einen Gegenkandidaten, Prinz Ali bin al-Hussein, aufgestellt. Doch der nette Jordanier ist profil- und chancenlos. Auch finden Engländer, Holländer und Luis Figo sehr kritische Worte. Doch das sind Ausnahmen und Figo trat vorige Woche als Kandidat zurück. Die Uefa wird nicht mal im Block gegen Blatter stimmen, er wird wohl rund 10 der 53 Stimmen aus Europa erhalten. Die Uefa-Vertreter werden sich auf dem Kongress wohl nicht mal kritisch zu Wort melden.

Am Donnerstag hat die Uefa eine riesige Chance vertan. Sie hätte die Blatter-Wahl boykottieren können, womit sie auch gedroht hatte. Das wäre ein starkes Signal gewesen, es hätte Blatter nachhaltig geschwächt. Und kein Europäer hätte Blatter heimlich wählen können, zur Wahl muss man persönlich erscheinen.

Doch die Revolution wurde abgesagt. Michel Platini, der Chef der Uefa, sagte: "Ich habe dem Präsidenten gesagt, ich bitte dich heute, zurückzutreten." Doch Blatter habe abgelehnt. Es sei ein schwerer Moment für ihn selbst gewesen, erzählte Platini mit feuchten Augen. Er gab ein erbärmliches Bild ab. Sein Lächeln gab dem europäischen Appeasement ein Gesicht.

An Platini lässt sich gut das Dilemma der europäischen Fußballpolitik erzählen. Er selbst, ein Schüler Blatters und dessen ehemaliger Verbündeter, ist auch Vize-Präsident der Fifa. Er ist sogar der einzige, der sich als Katar-Wähler geoutet hat. Weil er zuvor mit dem damaligen französischen Präsidenten Nicolas Sarkozy und dem Emir von Katar essen gewesen war, verstieß er eigentlich gegen den Ethik-Code der Fifa. Platinis Sohn bekam nach der Katar-Wahl einen guten Job bei den Kataris. Mit einer solchen Vorgeschichte kann man keinen Neuanfang einleiten. Platini verzichtete, gegen Blatter anzutreten, halb aus Einsicht, halb aus Feigheit.

Auch der mächtige Ángel María Villar ist Fifa-Vize. Spaniens Verbandsboss ist für seine Treue zu Blatter bekannt. Bald wird er sich den Fragen der Schweizer Fahnder stellen müssen. Wie Witali Mutko, der Blatter-Freund aus Russland. Er fürchtet um die WM 2018. Der Österreicher Leo Windtner habe sich gemäß der SZ von Blatter für ein Sozialprojekt seiner Frau eine Spende überweisen lassen. Wohl damit er ihn wählt (was er nun aber wohl doch nicht tut).

Mario Lefkaritis, Ehrenpräsident Zyperns, ist Geschäftspartner von Gazprom und Katar. Dass er als Fifa-Mitglied bei den WM-Vergaben mitstimmte, war ein Interessenkonflikt. Schon bei der Vergabe der EM 2012 an Polen und die Ukraine soll Lefkaritis gemauschelt haben. Es gibt einen Whistleblower, doch bei der Uefa interessiert sich niemand für ihn. Vielleicht, weil es viele Keller gibt, in denen Leichen liegen können.

Der DFB-Präsident Wolfgang Niersbach distanziert sich immerhin von Blatter. Aber lange nicht so scharf wie nötig. Niersbach spricht von einem "PR-Desaster für den Fußball", dabei geht es nicht um Image-Fragen, sondern um organisierte Wirtschaftskriminalität. Vielleicht fürchtet Niersbach ja Nachfragen zur deutschen WM-Bewerbung 2006, dessen Teil er war. Damals lieferte die Schröder-Regierung Panzer an Saudi-Arabien. Der Medienunternehmer Leo Kirch kaufte von Malta und Thailand für mehrere Millionen Mark TV-Rechte an wertlosen Freundschaftsspielen Bayern Münchens. Im Gegenzug soll es Stimmen aus Thailand, Malta und Saudi-Arabien gegeben haben.

"Nimm das Geld, rette deinen Arsch und renn!" Dieses Prinzip kennt man wohl nicht nur in der Fifa. Reaktionen aus dem europäischen Clubfußball gibt es fast keine. Auch nicht aus dem deutschen, seit der Blatter-Gegner Uli Hoeneß als Kritiker ausgeschieden ist. Immerhin, der Ligapräsident Reinhard Rauball forderte Blatter zum Rücktritt auf, wenn auch sehr leise. Franz Beckenbauer hingegen schweigt sehr laut. Als 2010 Russland und Katar die WM bekamen, wählte er mit. Kurz darauf schied er aus der Fifa aus und wurde gutbezahlter Sportbotschafter von Gazprom.