Als dem SC Freiburg im November 2014 eine besondere Ehre zu Teil wurde, nahm kaum jemand Notiz davon. Die Breisgauer, hieß es in einer Studie des Internationalen Zentrums für Sportstudien in Neuchâtel, gehöre zur Elite Europas, was Nachwuchsförderung angeht. Noch vor dem englischen Premier-League-Club FC Arsenal habe der SC – als Neunter Europas und deutsche Nummer eins – mehr Spieler bei seinen Profis eingesetzt, die im Alter zwischen 15 und 21 Jahren mindestens drei Jahre im Club spielten, als alle anderen.

Nach dem vierten Abstieg (nach 1997, 2002, 2005) wird das Freiburger Nachwuchssystem schneller einer neuerlichen Belastungsprobe ausgesetzt, als es den Freiburgern lieb sein kann. "Wir müssen mithilfe unserer Fußball-Schule eine optimale Mannschaft für die zweite Liga aufbauen", sagte SC-Präsident Fritz Keller in Hannover nach dem 1:2, das alle Freiburger in eine tiefe Depression stürzte. "Fassungslosigkeit und Trauer kommen noch", sagte Trainer Christian Streich und weinte wie viele seiner Spieler. Doch Streich versprach auch: "Wir werden wiederkommen."  

Nur wie? Mit ihm als Cheftrainer? Und mit welchen Spielern? "Es wird einen Umbruch geben – keine Frage. Vielleicht sogar einen großen. Das tut weh, denn die Mannschaft war sehr talentiert. Aber bei uns schüttet keiner Millionen rein", sagte Streich und wunderte sich über Nachfragen zu seiner Zukunft: "Alle haben mich das gefragt, aber ich habe einen Vertrag bis 2017. Glauben alle ernsthaft, ich sage jetzt, ich höre auf? Das macht mich fassungslos."     

Streichs Reaktion dürfte einer der Gründe dafür sein, warum der SC zu den Clubs mit den höchsten Sympathiewerten gehört – und Streich zu den glaubwürdigsten Trainern. Es dürfte kaum einen Coach geben, dem man mehr Hingabe abnimmt. Streich wird weitermachen und den Neuaufbau angehen, obwohl er aus gutem Grund "schlimme Wochen" befürchtet.  

Das 108 Millionen Euro teure Projekt des neuen Stadions (Fertigstellung 2019) ist nicht in Gefahr, obwohl die TV-Gelder des Clubs in Liga zwei um rund 16,6 Millionen Euro sinken – und der Etat von 25 Millionen auf rund 14 reduziert wird. "Wir haben solide gewirtschaftet und Rücklagen gebildet", sagt der Clubchef Fritz Keller und versprach: "Wir tun alles für den sofortigen Wiederaufstieg." 

"SCheißegal. We love you"

Streich und Keller werden dennoch zahlreiche Stammkräfte verlieren. Nils Petersen (ausgeliehen von Werder Bremen) wird ebenso kaum zu halten sein wie der Torwart Roman Bürki, Jonathan Schmid (an dem Werder Bremen, der HSV und Bayer Leverkusen interessiert sind), Admir Mehmedi und Vladimir Darida. Der Zweitligist SC Freiburg wird nicht wiederzuerkennen sein.  

Streich, der vor seiner Beförderung zum Cheftrainer 2011 über zehn Jahre in der Nachwuchsschule des SC arbeitete, wird grundlegend neu anfangen müssen. Trotzdem gibt sich der 49-Jährige optimistisch: "Irgendwo anders kann man junge Spieler nicht einfach ins kalte Wasser werfen. Unser Publikum lässt das zu, das macht mich froh."

Immanuel Höhn und Nicolas Höfler, Abwehr- und Mittelfeld-Nachwuchskicker, die bereits Bundesligaluft schnupperten, könnten neben Christopher Jullien, Florian Kath und Mats Möller Daehli als tragende Säulen des neuen Zweitliga-Kaders infrage kommen. Dass es beim SC auch anders geht, sprich: hoffnungsvolle Talente eingekauft werden, beweist U20-Nationalspieler Tim Kleindienst. Den 19-Jährigen Stürmer holte der SC aus Cottbus.    

Was die Freiburger Fans von ihrem Lieblingsclub erwarten, zeigte sich bei der Rückkehr in der Nacht zum Sonntag. Dutzende warteten auf die Abgestiegenen am Clubzentrum an der Schwarzwaldstraße mit Beifall, einem Transparent ("SCheißegal. We love you") und der Aufforderung: "Wir wollen wieder erste Bundesliga". Das will auch Christian Streich, der noch eine Weile brauchen wird, bis er den Frust verarbeitet hat, "dann packen wir es an, wir müssen – und wir wollen unbedingt".