Bruno Labbadia ging ins Hohlkreuz und nickte zwei Mal mit dem Kopf nach einem imaginären Ball. Er rannte los. Fast sah es so aus, als wäre die Bank der Freiburger sein Ziel, als wollte er die Ersatzspieler oder den Trainer mit seiner Freude ärgern. Doch Labbadia bog ab aufs Spielfeld und sprang und sprang. Dann stand er mitten auf dem Rasen, die Faust geballt. In diesen Mann war unverhofftes Glück gefahren.

Es war die 90. Minute im Duell seines Hamburger SV gegen den SC Freiburg. Gojko Kačar köpfte den 1:1-Ausgleich und verzückte nicht nur seinen Trainer, sondern, abzüglich der Gäste, das ganze Stadion. Auch wenn es kein Triumph war, sondern eher kollektive Erleichterung.

Gegen den direkten Konkurrenten Freiburg wollte der HSV eigentlich mit einem weiteren Sieg eine erneute schlimme Saison zum glücklichen Ende führen. Doch am Ende musste das Glück helfen, um größeren Schaden abzuwenden. Mit einer Niederlage hätte der HSV seine zuletzt deutlich verbesserte Lage im Abstiegskampf vollends verspielt.

Dass sie überhaupt so gut ist, war vor vier Wochen kaum zu hoffen gewesen. Der HSV war Tabellenletzter, entließ erneut den Trainer. Sportdirektor Peter Knäbel traute und mutete sich zu, selbst einzuspringen. Schon nach zwei Spielen war seine Autorität bei der Mannschaft weg. Der Vereinschef Dietmar Beiersdorfer schwieg kreidehäutig in Fernsehmikrofone.

Dann sagte Thomas Tuchel, der begehrteste deutsche Trainer, dem HSV für die nächste Saison ab. Der Vorstand schluckte und holte Bruno Labbadia. Lieber den Labbadia in der Hand als den Tuchel auf dem Dach, wie der Hamburger sagt. Die Bundesliga lachte, auch über die halb selbstironische, halb amateurhafte Pressekonferenz, auf der Labbadia vorgestellt wurde.

Der Nothelfer aus dem Bett

Mit Labbadia verlor der HSV zunächst weiter, doch sein zweites Spiel gewann er, das nächste auch. Plötzlich war Hamburg Vierzehnter. Labbadia hat den Verein wiederbelebt. Die Entscheidung für den Nothelfer, den Beiersdorfer nachts aus dem Bett klingelte und der deswegen seinen Mallorca-Urlaub absagte, schien aufzugehen. Mit einem Sieg gegen Freiburg wollte man das Happy End des Viertrainerjahrs einleiten.

Weil sich Hamburger Optimismus gut regeneriert, war nach den zwei Siegen für viele klar, wie das Spiel ausgehen würde. Mancher HSV-Fan hätte seinen Klinkerbau auf einen Dreier gewettet. Als der Local Hero Lotto King Karl wie vor jedem Heimspiel von seiner Hebebühne vor der Nordtribüne "Hamburch, meine Perle" sang, skandierten die Fans aus Stellingen, Süderbrarup und Pinneberg diesmal besonders laut: "Wenn du aus Cottbus kommst, kommst du eigentlich aus Polen". Und noch lauter: "Wenn du aus München kommst, zieh'n wir dir die Lederhosen aus". Die Digitaluhr, die die über 51-jährige Zugehörigkeit zur Bundesliga mitzählt, schien besonders hell zu leuchten.