Doch, Guardiola hat die Bayern besser gemacht

Der ZDF-Reporter fing sich am Dienstagabend von Pep Guardiola einen bösen Blick ein, obwohl der ihn auf Spanisch ansprach. Ob der 3:2-Sieg im Rückspiel gegen Barcelona den Kritikern eine gute Antwort gegeben habe? Kritiker seien unwichtig, entgegnete Guardiola verärgert. Leicht unsouverän, wie manchmal zurzeit.

Guardiola spürt, von ihm wird mehr erwartet als der deutsche Meistertitel und ein ehrenwertes Ausscheiden im Halbfinale. Skepsis vernimmt er weniger in der Mannschaft oder der Vereinsführung, eher in so mancher Expertenrunde. Nicht zuletzt erwartet er von sich selbst, dass er auch mit Bayern die Champions League gewinnt.

Der Sieg gegen Barcelona war auch ein Sieg für Guardiola. Doch dieses Spiel war allenfalls emotional von Wert, nach seinen zwei Toren zog der FC Barcelona nicht mehr durch. Es bleibt der Fakt, dass es auch im zweiten Anlauf nicht geklappt hat mit dem ganz großen Titel. Und dennoch ist es gut für die Bayern, dass Guardiola bleibt. Seit er in München ist, ließ der FCB der Bundesliga zweimal keine Chance. Vor allem hat er das Niveau des Bayern-Fußballs gehoben.

Dem Pep-Ideal nahe

Für Guardiola spricht die taktische Feinarbeit. Er achtet auf Details: Wann weicht der Mittelstürmer wie nach außen? Wie weit verschiebt die Abwehr in welcher Situation zur Seite? Auf welchen Fuß soll der Flügelstürmer den Pass erhalten?

Die Spieler schätzen das. Ein Trainer, der ihnen Hilfe leistet und in kritischen Situationen gute Entscheidungen trifft, gewinnt Autorität. So muss man den Kapitän Philipp Lahm verstehen, der in der aktuellen ZEIT über Guardiola sagt: "Er sagt zum Beispiel: Hier in der Mitte ist beim Gegner der Raum oft frei, und dann legt er sozusagen unser Spiel drüber und fragt sich: Wie kommen wir am besten in diesen freien Raum hinein?" Jérôme Boateng sagt, dass er unter Guardiola erstmals systematisch das Verhalten in der Viererkette trainiert habe. Davon hat auch die Nationalelf beim Titelgewinn in Rio profitiert und tut es weiterhin.

Wie flüssig das Positionsspiel an guten Tagen ist, zeigten die Bayern beim 3:1 in Manchester City. Dieser Auftritt kam dem Pep-Ideal nahe, so gut hatte zuvor noch keine deutsche Mannschaft kombiniert. Aber auch in den Auswärtsspielen gegen Manchester United, Arsenal und Bayer Leverkusen traten die Bayern wie eine Heimmannschaft auf, die den Gegner beherrscht. Alles Spiele aus der Vorsaison.

Dass das in dieser Saison seltener vorkam, zuletzt beim 6:1 gegen Porto, kann man dem Trainer nicht vorwerfen. Das lag an den vielen Verletzungen und deren Spätfolgen. Ob Guardiolas Leistung gegen Barcelona toll war, kann man schwer sagen. Unter diesen Voraussetzungen hatte er eigentlich keine Chance gegen Barcelona, das kaum schlagbar scheint.

Warum Alonso?

Aber hat Guardiola das Beste rausgeholt? Im Hinspiel in Barcelona riskierte er viel, nur Manuel Neuer verhinderte den frühen Rückstand. Man sah auch nach dem 0:1, dass es seiner Mannschaft schwerfällt, mal auf Defensive umzustellen. Sie kassierte gleich drei Tore, dabei hätte sogar noch eine 0:2-Niederlage die Chance auf ein Weiterkommen deutlich erhöht. Im Rückspiel begingen seine Spieler trotz des Glücks der frühen Führung grobe taktische Fehler in der Abwehr und im defensiven Mittelfeld. Das spöttische Lachen José Mourinhos, die Defensivversion von Guardiola, glaubte man, bis München zu hören.

Nach dieser Saison könnte man auch andere Fragen an den teuren Trainer stellen: Warum bringt er Mario Götze nicht zum Jagen? Musste er sich mit Mario Mandžukić entzweien? Hätte er verhindern können, dass Xherdan Shaqiri in der Winterpause den Club verlässt? Stimmte er dem Weggang Toni Kroos', eines seiner Wunschspieler, zu? Hielt er Xabi Alonso für einen guten Ersatz?

Der Vergleich mit Heynckes hinkt

Auch die Bilanz in der Bundesliga ist nur auf den ersten Blick makellos. Gegen die fünf besten deutschen Gegner gewannen die Bayern nur drei von zehn Spielen. Man könnte es das Alonso-Syndrom nennen: Gegen Köln klappt's hervorragend, Frankfurt ist chancenlos. Wenn der Gegner jedoch den Raum verengt, wie zum Beispiel Wolfsburg, sieht sein Spiel weniger weltmeisterlich aus. Erstaunlich, dass es Guardiola gegen Barcelona zwei Mal mit dem Duo Alonso & Schweinsteiger versuchte, das Zweifel nie ganz entkräften konnte. Zudem fiel seine Elf jeweils im April zum Saisonhöhepunkt ab. Warum nur?

Nebensächlichkeiten, die sich summieren

Dann sind da noch atmosphärische Irritationen. Manche Bayernfans fragen sich, ob der Machtkampf mit dem Arzt und der Vereinsikone Müller-Wohlfahrt sein musste. Liebt Pep den FC Bayern wirklich oder schätzt er bloß seine sportlichen und finanziellen Ressourcen? Was sagt es aus, dass er deutschen Journalisten keine Interviews gibt? Wie herzlich er mit spanischen Reportern umgeht, führte er nach dem Barcelona-Spiel im Presseraum geradezu vor. Den Vorschusslorbeeren für seine Deutschkenntnisse wird er nicht gerecht. Und dass er kein kritisches Wort über seine Geschäftspartner aus Katar verliert, enttäuscht viele. Das mögen Nebensächlichkeiten sein, aber sie können sich summieren.

Der Vergleich mit dem Heynckes-Triple im Jahr 2013, den man Guardiola vorhält, hinkt allerdings. Damals spielte die Mannschaft pragmatischer, damals war es aber auch leichter, die Champions League zu gewinnen, weil Europas Spitzenclubs schwächelten. Man muss sich nur die Gegner ab dem Viertelfinale vor Augen führen. Juventus Turin, den Bayern phasenweise taktisch überlegen, war nicht so stark besetzt wie heute. Barcelona suchte nach Guardiolas Abgang und der Erkrankung seines Nachfolgers Tito Vilanova nach Fassung und Identität. Borussia Dortmund war nicht der ganz große Finalgegner von der Sorte Barça. Hinzu kam ein bisschen Glück mit den Schiris.

Nächste Saison wird es ernst

Vor allem war die Mannschaft vom Schmerz des Misserfolgs getrieben, nachdem sie im Vorjahr drei Mal Zweiter geworden war. Unter Heynckes übrigens. Guardiola kam im Moment des großen Erfolgs, das waren undankbare Vorzeichen. Und nur wer Fußball ausschließlich am Ergebnis misst, übersieht, dass Guardiola der größere Taktiker ist. Seine schlimmste Niederlage erlitt er beim 0:4 gegen Real Madrid vor einem Jahr. Damals wich er von seiner Spielidee ab, sein größter Fehler, den ein Trainer wohl nur ein Mal im Leben macht.

Einfordern kann man den Champions-League-Titel nicht. Dafür ist die Konkurrenz zu gut, auch zu reich und ein K.o.-Wettbewerb immer ein wenig unberechenbar. Doch so chancenlos wie zwei Mal zuletzt sollten Guardiolas Bayern, dann vielleicht mit einigen wenigen neuen Spielern, in der nächsten Saison nicht scheitern. Es ist womöglich Guardiolas letzte in München, es wird ernst. Leichter macht das die Sache nicht.