Als das Wunder vollbracht ist, sinkt eine Frau im mittleren Alter auf die Knie und küsst den Rasen. Neben ihr liegt ein Mann auf dem Rücken und schaut ungläubig gen Himmel. Ein paar Meter weiter stechen zwei Fans mithilfe eines Kugelschreibers ein paar Quadratzentimeter Rasen heraus. Inspiriert davon machen sich andere über das Tornetz her, versuchen, mit Nagelscheren und Feuerzeugen ihren Teil zu sichern. Wieder andere lassen sich dabei fotografieren, wie sie auf die Querlatte klettern, einige vollführen dort oben regelrechte Turnübungen. Und ein älterer Herr hüpft auf der Stelle auf und ab und singt laut "Nie mehr Zweite Liga" in sein Handy, ehe er seinem Gesprächspartner entgegen brüllt: "Was hier los ist!"

Der SV Darmstadt 98 hat gerade den Aufstieg in die Erste Liga vollbracht und es hat nur ein paar Sekunden gedauert, da liefen die ersten Fans auf den Platz. Und es wurden immer mehr und immer mehr, bis fast kein Grün mehr zu sehen war, sondern nur noch Blau und Weiß und ein paar bengalische Feuer. Ein Bilderbuchplatzsturm. Die Fans feiern ein 1:0 über den FC St. Pauli, ein zähes Spiel, das durch einen Freistoß entschieden wurde. Aber niemandem ist an diesem Tag nach Stilkritik. Denn was der SV Darmstadt 98 hier geschafft hat, ist die wohl ungewöhnlichste Aschenputtel-Story der Bundesligageschichte. Sie ist, um diesen überstrapazierten Begriff doch noch einmal zu benutzen: ein Wunder.

Vor zwei Jahren wäre der Club eigentlich in die vierte Liga abgestiegen. Das blieb ihm nur erspart, weil ausgerechnet dem Erzrivalen Offenbach Kickers die Lizenz entzogen wurde. Als krasser Außenseiter stieg die Mannschaft ein Jahr später nach einem kardiologisch nicht unkomplizierten Relegationsrückspiel in die Zweite Liga auf. Und dort, mit dem kleinsten Etat aller Teams, mit gerade einmal fünf Millionen Euro, folgte der Durchmarsch in Liga eins. Gegen diesen Aufstieg war der der Paderborner vor einem Jahr Alltag.

Wer als auswärtiger Journalist beim entscheidenden Spiel gegen St. Pauli dabei sein wollte, der bekam ein paar Tage vorher einen Anruf vom Pressesprecher des Clubs. Man solle nicht böse sein, aber es gebe leider zu wenig Plätze auf der Pressetribüne. Aber er könne eine Stehplatz-Akkreditierung in der Kurve besorgen. Ob das Okay wäre? "Da bekommen Sie auch gleich ein wenig Bölle-Feeling mit."

Bölle, das ist das städtische Stadion am Böllenfalltor. Es steht für den SV Darmstadt 98 möglicherweise mehr als alles andere. Und es ist einer der Gründe, warum der Aufstieg des Clubs ein Feiertag für alle Fußballromantiker ist. Die Haupttribüne, zu der man hier nicht Haupttribüne sagt, weil sie die einzige ist, ist winzig. Überall stehen Dixie-Klos, weil die Sanitäranlagen zu klein und alt sind. Die Stehplätze der mächtigen Gegengerade wurden auf Kriegsschutt errichtet. Zwischen Tribüne und Nordkurve wachsen wilde Sträucher und Büsche, die jetzt im Frühling blühen. Hinter der Südkurve sind ein paar Kiebitze auf Bäume geklettert, weil sie keine Karten mehr bekommen haben, andere versuchen, durch den Zaun zu lunschen. Logen sind nicht zu sehen. Die Vips treffen sich hinter der Tribüne in einem doppelstöckigen Zelt.

Wer auf die Gegengerade will, muss einen kleinen sandigen Anstieg erklimmen, der einige Zuschauer auf die Probe stellt. Besonders die, die schon ein paar Bier intus haben. Notfalls können sie sich aber am Unkraut festhalten, das links und rechts wuchert. 80 Prozent der 16.150 Zuschauer stehen, 20 sitzen. In einem gewöhnlichen Bundesligastadion ist es etwa umgekehrt. Ein Besuch im Böllenfalltor ist wie eine Zeitreise. Stehplatz, Bier, Bratwurst und wenn es regnet, wird man eben nass. Das Bölle ist das Gegenmodell zu den aseptischen Bundesligaarenen, von denen eine aussieht wie die andere.

So spielen sie auch. Ohne Schnörkel, ohne Firlefanz, dafür mit Wucht und Wille. "Wir sind gegen jeden Gegner in jedem Spiel in den roten Bereich gegangen", sagt der Trainer Dirk Schuster. Darum geht es ihm. "Mentalität schlägt Qualität." Das ist einer seiner Leitsprüche. Wer sich im Training hängen lässt, muss ein rosafarbenes Trikot tragen. Vorne steht "Tussi" drauf, hinten die "0" und "Fehleinkauf". So motiviert Schuster.

Dirk Schuster war selbst ein knochiger Verteidiger, spielte viermal für die Nationalmannschaft der DDR, dreimal für die des wiedervereinten Deutschlands. Schuster-Fußball, das ist volle Pulle, alles reinhauen. Der lange Ball nach vorne ist in Darmstadt ebenso wenig verpönt wie der Befreiungsschlag aufs Tribünendach. Fünfmal verlor die Mannschaft nur, die Abwehr ist mit nur 26 Gegentoren die beste der Liga (zusammen mit der des Karlsruher SC). Feinster Berserkerfußball, Kombinationen kennt man in Darmstadt nur aus dem Nordischen Skisport.