Ein einziges Mal waren die Bayern im Hinspiel im Camp Nou gefährlich und natürlich war Thomas Müller beteiligt. Mitte der ersten Halbzeit kam er an Barcelonas seitlicher Strafraumgrenze an den Ball. Eigentlich war er von Jordi Alba und Gerard Piqué gestellt, eigentlich konnte nichts passieren. Doch Müller fand trotz vier spanischen Beinen eine Lücke und passte vors Tor zu Robert Lewandowski. Müller hatte wieder mal seine Gegner übertölpelt.

Wenn der FC Bayern im Rückspiel gegen den FC Barcelona (heute 20.45 Uhr, ZDF und im Live-Blog von ZEIT ONLINE) an seine kleine Chance glaubt, dann auch weil er Müller hat. Wo Müller stürmt, lebt immer Hoffnung. Dabei steht er für ein Dilemma seines Trainers Pep Guardiola. Der will das Spiel kontrollieren. Doch Müller verkörpert das anarchische Moment des Fußballs, das Unberechenbare. Das macht ihn erfolgreich.

Bayern München spielt Guardiola-Fußball. Der Spanier will den Zufall eliminieren, den Angriff choreografieren, den Ball und das Spiel im Zentrum beherrschen. Sein Werkzeug ist die Passstafette. "Die deutsche Mentalität ist es, nach vorne zu gehen und Tore zu schießen", sagte Guardiola am Montag. "Wir müssen aber das Spiel kontrollieren und vorsichtig sein." Zur Erinnerung: Bayern muss drei Tore aufholen.

Müllers Skills sind andere

Müller steht für etwas anderes, um nicht zu sagen für das Gegenteil. Das Pass- und das Positionsspiel im Zentrum sind nicht seine Stärken, die flüssige Ballmitnahme im Getümmel auch nicht. Müllers Skills sind andere: freien Raum erkennen, bevor er entsteht. Ihm genügt auf dem Weg zum Tor oft ein Nadelöhr. Seine Jugendtrainer erzählen gerne folgendes: Wenn ihre Offensive steckenblieb, wechselten sie Müller ein und es gab sofort Chancen. Und oft Tore. Müllers Trefferquote ist sehr gut, da wird er seinem Namen gerecht.

Guardiola mag den Plan, doch Müller liebt das Improvisieren. Selbst den Stockfehler hat er im Repertoire. Im Pokalspiel gegen Dortmund kam es zu einem Zweikampf mit Marcel Schmelzer im Dortmunder Strafraum. Müller schaffte es beim ersten Mal nicht, den Ball vorbeizulegen. Der Ball sprang. Also nahm er Oberschenkel und Hacke dazu. Schmelzer war perplex und nahm die Hand zu Hilfe. Das hätte Elfmeter geben müssen.


Schmelzer dürfte sich wie viele Gegenspieler Müllers, etwa Alba und Piqué, im Angesicht des wadenlosen Schlaks gefragt haben: Was will er, wer ist er, wer schickt ihn? Müller kann schreiend, comichaft unelegant aussehen. "Thomas Müller geht nicht ins Dribbling und lässt einen Gegner aussteigen", sagt Philipp Lahm in der aktuellen ZEIT. "Er ist viel gefährlicher auf seine eigene, völlig unberechenbare Art des Vorstoßes."

Dass Guardiola an Müller zweifelt, wäre zu viel gesagt. Aber die ganz große Liebe ist es noch nicht. In seinem ersten Jahr experimentierte Guardiola ein paar Mal mit ihm, stellte ihn ins Mittelfeld, etwa auf halbrechts. Das funktionierte nie so richtig. Müller braucht das Tor in seiner Nähe, er braucht ein Ziel. Im Mittelfeld hat das Spiel zu viele Richtungen. Man sah die beiden dann während des Spiels am Feldrand. Guardiola redete mit den Händen, Müller schaute interessiert.

"Kann diese Scheiße aufhören"

In Barcelona nahm Guardiola ihn nach knapp achtzig Minuten vom Feld. Müller fluchte. Eine Lippenleserin will entschlüsselt haben: "Kann diese Scheiße aufhören?" Er hatte zwar nicht seinen besten Tag, aber danach kassierten die Bayern noch zwei Tore. Müller ist klug genug, die Sache nicht zum Politikum werden zu lassen. (Es wäre interessant, wer diesen Machtkampf gewönne.) Doch er war bereits eine Woche zuvor verärgert ausgewechselt worden. Die Bayern führten gegen Dortmund, danach schieden sie aus.