Der Titel United Passions weckt Assoziationen mit Filmen, die in den späten Neunzigern ab Mitternacht auf Vox liefen. Doch statt schlüpfriger Abenteuer bekommt der Zuschauer die Geschichte der Fifa serviert, mit allen Einzelheiten aus 111 glorreichen Jahren zu sehen, und stellt fest: Sepp Blatter hat seine Finger wirklich überall. In den Geldtöpfen des internationalen Fußballs, an Cristiano Ronaldos Ex-Freundin und jetzt auch im Filmbusiness.

Blatter, das Marketinggenie, hat mal wieder einen Riecher. Jetzt, wo die Fifa in aller Munde ist, startet der Film in den amerikanischen Kinos. Der Nochpräsident selbst griff für den Streifen beherzt in die Fifa-Portokasse und unterstützte das 27 Millionen Euro Projekt mit sportlichen 23 Millionen. Künstlerische Ambitionen wurden durch die Tatsache befeuert, dass United Passions auch beim Filmfestival in Cannes lief. Unglücklicherweise ging der Blockbuster dort leer aus, die Filmverbände aus Samoa, Guam und Swasiland hatten es nicht in die Jury geschafft.

Bei der Besetzung gingen die Verantwortlichen keine Kompromisse ein. Gerard Dépardieu hatte sich für die Rolle des Jules Rimet extra auf 130 Kilo heruntergefastet. Der Dino-Schreck Sam Neill mimt den etwas cholerischen João Havelange und Tim Roth rückt nach seinen Rollen als Kleinganove in Reservoir Dogs und Pulp Fiction endlich in die Riege der Crime-A-Lister-Darsteller auf. Unser Mann in Hollywood, Thomas Kretschmann, wurde als Adidas-Schlitzohr Horst Dassler gecastet. Für seine Rolle als Comicbösewicht Baron von Strucker in Avengers 2, die er direkt nach den Dreharbeiten von United Passions antrat, konnte er also gleich in character bleiben.

Zeit für einen neuen Trainingsanzug

Die Handlung beginnt im frühen 20. Jahrhundert. Die Fifa wird von Fußballenthusiasten gegründet, um englische Sportfunktionäre daran zu hindern, ein undurchsichtiges Fußballmonopol aufzubauen. Ein Glück, dass uns das erspart blieb. Der Fußball-Goldgräber Jules Rimet steckt seinen Claim ab, erster großer Höhepunkt ist die Vergabe der WM 1930 an Uruguay. Uruguays Fußballfunktionäre versprechen der latent klammen Fifa unendliche Reichtümer. Auch bei der Vergabe der Weltmeisterschaften 2018 und 2022 wird man sich auf diese Unternehmenstraditionen besonnen haben.

Der Film lässt wirklich kein Detail der Fifa-Geschichte aus. Vor allem Sam Neill überzeugt dabei als ehemaliger Verbandspräsident Havelange, mit dem Charme Jack Nicholsons in Shining. Havelange kungelt sich den Weg zur Präsidentschaft frei, indem er sich die Sympathien afrikanischer Fußballfunktionäre sicherte. Unbestätigten Gerüchten zufolge schrieb Blatter dieses Kapitel des Drehbuchs selbst, nachts, im Schlaf.

Netter Sideplot ist die Beziehung zwischen Blatter und Horst Dassler. Wenn man es nicht besser wüsste, würde man Dassler für einen Mobster halten. Im italienischen Maßanzug, mit Zigarette, Schnurbart und reichlich Pomade im Haar lehnt er an seinem Mercedes, der gleichzeitig auch sein Büro ist. Im Kofferraum hat er allerdings keine in Teppich eingerollte Leiche, sondern Sportartikel Marke Adidas. Ob dieser Handlungsstrang wirklich relevant ist, oder nur zur geschickten Produktplatzierung dient, kann man nur vermuten. Nachdem eine gute Stunde Filmzeit verstrichen ist, fällt einem kaum noch auf, dass ständig drei Streifen durchs Bild huschen. Stattdessen überlegt man sich, ob es nicht Zeit wäre, sich einen neuen Trainingsanzug zuzulegen.    

Fußballbegeisterung vor allem beim FBI

Im letzten Drittel des Films wird Blatter noch zum Protagonisten stilisiert, was eine eventuelle Langatmigkeit entschuldigen soll. Stilistischer Höhepunkt ist eine Montage wie bei Rocky 4. Zu Wild Wild Live von den Talking Heads reist Blatter um die Welt, lässt Stadien bauen und schaut Frauen, Kindern und Bewohnern von Entwicklungsländern beim Kicken zu. Statt gegen Dolph Lundgren kämpft Blatter gegen die Korruption in den eigenen Reihen. Happy End ist die Vergabe der WM an Südafrika, mit Archivaufnahmen von Nelson Mandela, der freudestrahlend den Weltmeisterpokel in den Händel hält. Ob Mandela über seine Rolle im Film so erfreut wäre wie gezeigt, ist wohl fraglich.

Der Fifa-Obrigkeit gefiel ihre eigene Geschichte auf Celluloid ganz ausgezeichnet. "Ein offener, selbstkritischer Hochgenuss", resümierte der Fifa-Generalsekretär Jérôme Valcke über den Film. Valcke ist vom Fach. Er spielt bei der Fifa selbst seit Jahren den Pinoccio.

Dem US-Filmmarkt wollte man solch einen Streifen natürlich nicht vorenthalten. Entwickelten die Amerikaner in den vergangenen Wochen doch ihre Fußballbegeisterung, vor allem die, die beim FBI arbeiten. Leider erschienen keine hochrangigen Fifa-Mitglieder bei der US-Filmpremiere. Vielleicht war die Gefahr, der Filmhandlung mit der eigenen Verhaftung noch während der Vorstellung einen weiteren Twist zu geben, zu hoch. Platz genug im Kino hätte es aber gegeben. Nur knapp 70 Filmfreunde zog es am Startwochenende in die Lichtspielhäuser.