"Sie demotivieren Schüler und setzen sie unter sozialen Druck." Das sagt Christine Finke aus Konstanz über die Bundesjugendspiele. Dabei gehe es zu sehr um Leistung, schwächere Schüler würden öffentlich gedemütigt. Ihre Onlinepetition haben schon mehr als 5.000 Menschen unterschrieben. Die Mutter möchte eine Diskussion anstoßen und was machen wir? Erinnern uns – an Nylon-Sportanzüge und Ehrenurkunden, an eigene Wurftechniken und den Duft von Tartanbahnen. Falls Sie, liebe Leser, auch noch wissen, wie Sie den Staffelstab verloren oder die Weitsprunggrube fast verfehlt haben, schreiben sie uns die Anekdote ins Kommentarfeld. Ach so, und: Haben Sie sich wirklich gedemütigt gefühlt?

Ich hatte Kraft in den Armen wie ein Bär und konnte springen wie ein Känguru. Oder war es umgekehrt? Das weiß ich jetzt nicht mehr genau, ich weiß aber noch, dass das mit zunehmendem Alter zunehmend egaler wurde. Entscheidend war, dass die Bundesjugendspiele den üblichen Trott unterbrachen. Statt sechs Stunden Schule zu haben, rannte man zwei Runden um eine Wiese und hüpfte in einen Sandkasten. Das fand ich eigentlich schon eine gute Erfindung.

Wichtiger als der sportliche Erfolg wurde aber irgendwann auch der performative. Der Sohn eines stadtbekannten Würdenträgers gewann mit seiner rekordverdächtigen 100-Meter-Zeit von 28 Sekunden viele Schülerherzen und einen Verweis. Ich würde nun gerne behaupten, dass mir ähnlich Großes geglückt ist, aber mein Sturz aus dem Startblock über meine eigenen Füße wurde von den Lehrern nicht als Akt der Aufruhr interpretiert, sondern als Unfall. Dabei war ich ein großer Rebell! Ich konnte Aufrühre starten wie Pepe, der Paukerschreck. Oder, Moment. War es Charlie Brown?

Klaus Raab

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Wow. 42 Meter mit dem Schlagball. "Damit hast Du die Ehrenurkunde sicher", ruft ein Mädchen aus der Parallelklasse. Bewundernde Blicke, Heldin für zwei Minuten: Was für ein großartiger Morgen im Stadion Rote Erde.

Doch dann dieser verdammte Balken. Liegt komplett falsch vor der Sandgrube. Langer Anlauf, kurzer Anlauf – alles ausprobiert. "Übergetreten", sagt der doofe Deutschlehrer nun schon zum zweiten Mal. Was hilft es, dass er in seinem sich über dem Bauch spannenden Nylon-Sportanzug so aussieht, als würde ihn bereits ein Zehn-Meter-Sprint überfordern. Dritter Versuch: Absprung gefühlt zwei Meter vor dem Balken, gerade so im geharkten Sand gelandet. "1,52 Meter", schnarrt der Lehrer. Kurzes Rechnen. Reicht für Urkunde, wenn auch ohne Ehre. So sehen Sieger aus.

Monika Pilath

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Ich mochte die Bundesjugendspiele. Sie bedeuteten Abwechslung und läuteten die Sommerferien ein. Mir gefiel der sonnige Ausnahmezustand, das Traubenzuckeressen und sportlich war ich auch nicht schlecht. Jedoch war ich als neu zugezogenes Spätaussiedlerkind wohl besser im Sport als im deutschen Vokabular. Das Wort "Sieger" war mir vertrauter als das Wort "Ehre" und mir war auch völlig klar, dass ersteres viel bedeutender ist. Schließlich hat der Sieger ja gesiegt. Was kann’s Besseres geben?

Dass es bezüglich der Urkunden genau andersrum ist, hat sich mir erst sehr viel später erschlossen und nun verstehe ich auch die schweigsamen Gesichter, die mir entgegenschauten, als ich fröhlich mit meinen Siegerurkunden wedelte und die "Ehren"-Gewinner bemitleidete.

Anna Wittmann

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In meiner frühen Kindheit habe ich Ballett getanzt und mir damit für immer den Laufstil für die Kurzstrecke versaut. Mein Gang war elegant federnd, aber nicht kraftvoll. Mit zwölf fing ich an, Leichtathletik im Verein zu machen und für mich waren Bundesjugendspiele seit diesem Zeitpunkt ein netter Freizeitvertreib. Blöd nur, dass man in allen Wettkampfarten ran musste. Weitsprung, meine Parade-Disziplin war großartig, ­ ich trug als einzige Spikes und kam mir sehr progressiv vor. Der Sprint dagegen war katastrophal, trotz Spikes kam ich immer als letzte ins Ziel. Elegant zwar, aber nicht kraftvoll. Und deshalb reichte es auch nie für eine Ehrenurkunde.

Lea Kneist

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An die Bundesjugendspiele erinnere ich mich mit bedrückenden Gefühlen. Laufen und Springen, das ging noch. Aber Werfen kann ich als Fußballer eher so halbgut. Zur Ehrenurkunde reichte es nicht. Weil ich also Kerstin nicht mit Bestnoten beeindrucken konnte, ging ich traurig heim. Hab mir natürlich nichts anmerken lassen. Lassen wollen. Oder war es Christina?

Als wir älter wurden, versuchten wir, es lockerer zu nehmen. Die Bundesjugendspiele dienten zur Einübung ironischer Distanz – einer Kulturtechnik, die sich später als enorm wichtig herausstellen sollte. Dennoch habe ich noch den Satz eines Mitschülers im Ohr: "Jetzt habe ich die letzte Chance verspielt, die Mädchen zu beeindrucken." Er hatte nicht nur die ironische Distanz, sondern auch das Staffelholz verloren.

Oliver Fritsch