Am Ende stand eine fünf auf der Tafel. So viele Minuten sollte nachgespielt werden. Ungewöhnlich viele. Vielleicht, weil es dem Vierten Offiziellen, der die Tafel hochhielt, wie den anderen gut 70.000 Menschen im Berliner Olympiastadion erging: Dem Spiel auf dem Platz hätte man noch ewig zusehen wollen.

Der Fußball hat zuletzt seine finsterste Seite gezeigt, gierige Funktionäre wurden von der Polizei aus Luxushotels abgeführt. Im spektakulären Berliner Champions-League-Finale gaben der FC Barcelona und Juventus Turin am Samstagabend in Berlin dem Spiel Würde und Klasse zurück und fegten für etwa zwei Stunden das Trübsal hinweg, das den Fußball derzeit belastet. Als dann am Schluss der Mann die Tafel hochhielt, staunten einige Zuschauer, dass die neunzig Minuten schon abgelaufen waren.

Man hatte bis dahin einfach weder Zeit noch Anlass, auf die Uhr zu schauen. Zu sehr war man mit dem Schwärmen beschäftigt. Man wollte einfach nichts verpassen bei diesem Fest der Offensive.

Erste Szene: Turin drängte Barcelona nach nicht mal einer Minute mit einem mutigen Pressing bis zur Grundlinie. Der Außenseiter Juve schoss das erste Mal, wenn auch übers Tor. Letzte Szene: Juventus warf nochmals alles nach vorne, doch Barcelona nutzte die Chance zum entscheidenden Konter. Dabei gewann der Abwehrspieler Gerard Piqué zwei Kopfballduelle und stürmte in Siebenmeilenstiefeln mit.

Auch die vielen Szenen dazwischen quollen schier über vor Intensität, Rasanz, Dynamik und Geschick. Beide Teams wollten stets jeden noch so kleinen Fehler des Gegners zu einem Angriff nutzen, waren immer auf Tat und Tor aus. Jedes auf seine Art. Das Passspiel der Elf aus Barcelona, in diesem Frühjahr in überragender Form, war einmal mehr von erhabener Schönheit, inklusive des deutschen Torhüters Marc-André ter Stegen.

Pogba hat mehr PS als ein Wildpferd

Barca zählte auf Spielfluss im Mittelfeld und sein teuflisches Dreieck im Sturm. Neymar schlängelte sich wieder durch die Beine mehrerer Häscher. Luis Suárez legte sich in die Kurven wie ein Windhund. Und Lionel Messi spielte diesmal zwar nicht dauernd die ganze Abwehr gleichzeitig aus, doch zerriss er sie mit seinen vielen Dribblings. Mit einem scharfen wie präzisen Seitenwechsel leitete er auch das erste Tor ein.

Dass Messi nicht ganz so herausragte wie sonst, lag an der Qualität der anderen. Beim zauberhaften Tor zum 1:0 etwa standen der Torschütze Ivan Rakitić und Andrés Iniesta im Mittelpunkt. Sind das wirklich Füße da unten an seinen Beinen, mit denen Iniesta den Ball derart beherrscht? Nicht nur in dieser Szene führte er ihn wie ein Point Guard im Basketball, in einer Szene sogar rückwärtslaufend. Wer möchte nicht Ball sein, wenn Iniesta ihn tritt?

Doch auch die Spieler von Juventus prägten den Abend. Andrea Barzagli, einer der drei Weltmeister von 2006, dirigierte die Abwehr. Sieht man sein Trikot am Bauch spannen, könnte man zwar denken, Barzagli wäre das italienische Wort für Dadbod. Aber er war ganz schnell am Boden, wenn es sein musste.

Der junge Franzose Paul Pogba glänzte mit einer aufregenden Mischung aus Technik und Physis. Der Typ hat mehr PS als ein Wildpferd – und auch mehr Mähne. Claudio Marchisio brachte mit einem geistreichen Hackentrick den Ausgleich auf den Weg und Álvaro Morata schlug solche Haken, dass seine Gegner schon mal hinflogen.

Die Italiener sind wieder da

Juves Elf zeigte, dass die Italiener wieder da sind, dass sie den taktischen Rückstand aufgeholt haben zu Europas Spitzenclubs. Ihr abwartender Fußball war in den vergangenen Jahren aus der Mode geraten. Vor zwei Jahren zum Beispiel schied Juventus im Viertelfinale nach zwei 0:2-Niederlagen gegen die Bayern aus, obwohl die Italiener die bessere Raumaufteilung hatten. Die Bayern waren aber aktiver, zeigten mehr Initiative.

Im Finale von 2015 sah man nun ein hochmotiviertes Juve-Team. Es wusste, dass Barcelona den Ball besser zirkulieren lassen würde. Dennoch war Juve mit direktem Fußball immer zum Angriff bereit, bis zum Schluss, bis zur 97. Minute, gefährlich. Ja sogar übermütig. Beim Tor zum 1:2 ließ sich Turin auskontern, ungewöhnlich für ein italienisches Team. "In diesem Moment wähnten wir uns in der Kontrolle", sagte Massimiliano Allegri, der stolze Trainer, nach dem Spiel. Barcelona war einfach noch besser. Und kann man stilvoller den Platz verlassen als unter den Tränen Andrea Pirlos?

Al-Sabah war auch da

Es war ein Gedicht von einem Fußballspiel. Die Berliner Zuschauer, die sonst alle vierzehn Tage hierher gehen, rieben sich die Augen. Auch zum deutschen Pokalfinale eine Woche zuvor sah man einen gigantischen Unterschied. Der deutsche Fußball muss sich schon die Frage gefallen lassen, warum das, was da auf dem Platz passierte, so viel anders aussah als ein normales Bundesliga-Spiel. Vielleicht auch, ob Rakitić auch in der Bundesliga, in der Konterliga, zum Weltklassespieler gereift wäre.

Abgerundet wurde das Fußballfest von südeuropäischer Stimmung. Beide Fan-Lager hatten sich offenbar von den hingerotzten Berliner S-Bahn-Durchsagen auf dem Hinweg nicht die Laune verderben lassen. Beim Ausgleich bewiesen die Juve-Fans, dass man ein Stadion mit Laufbahn zum Hexenkessel machen kann. Und die Spanier sangen katalanische Freiheitslieder, im Bund mit denjenigen Italienern, die gekommen waren, um Juventus verlieren zu sehen.

Allerdings versäumten es die Fans bei der Siegerehrung, Europas Fußballmächtige auszubuhen. Etwa Michel Platini, das Weichei. Vorige Woche war er zu feige, gegen Sepp Blatter das Wort zu ergreifen. Wie die anderen Mächtigen der Uefa. Wie sie da in schwarzen Anzügen saßen, boten sie den größtmöglichen Kontrast zu den Helden auf dem Platz.

Auch Ahmad Al-Sabah war unter ihnen, noch fand man ihn in der dritten Reihe. Dem Strippenzieher und Stimmendealer aus Kuwait werden aber Ambitionen und sehr gute Chancen auf das Blatter-Erbe nachgesagt. Sollte es so weit kommen, könnten irgendwann auch die besten und schönsten Spiele nicht mehr den üblen moralischen Zustand des Weltfußballs überdecken.