Blatter ist noch da – Seite 1

Sepp Blatter ist zurückgetreten. Doch schaut man sich seine Rede der Rücktrittsankündigung genauer an, hat er sich einige Hintertürchen offengelassen. Zumindest für erste könnte er seine Macht sogar noch ausweiten. Wir haben dieses Meisterstück an sportpolitischer Rhetorik analysiert.

"Ich habe viel über meine Präsidentschaft nachgedacht – und über die vierzig Jahre, seit denen mein Leben untrennbar mit der Fifa und dem großartigen Fußballsport verbunden ist. Ich schätze die Fifa mehr als alles andere, und ich möchte für die Fifa und den Fußball nur das Beste. Ich sah mich gezwungen, mich wieder zur Wahl zu stellen, weil ich glaubte, dies sei für die Organisation das Beste. Die Wahl ist vorbei, aber die Herausforderungen für die Fifa nicht. Die Fifa muss gründlich überholt werden."

Sepp Blatter ist einsichtig und zieht sich reumütig zurück. So soll das wohl klingen. In Wahrheit ist das, was er sagt, doppelbödig und fadenscheinig. Viel Zeit zum Nachdenken kann er sich jedenfalls nicht genommen haben, seine Wahl lag erst vier Tage zurück. Hinter seinem Rückzug steckt keine Fußballopposition, sondern vielmehr das FBI. Er will wohl nicht als Präsident in Handschellen abgeführt werden. Kurz nach seiner Rücktrittsankündigung wurde bekannt, dass auch gegen ihn ermittelt wird. Die New York Times schreibt, seine Anwälte hätten ihn zu diesem Schritt geraten.

"Während ich ein Mandat von den Mitgliedern der Fifa habe, zweifle ich, ob auch die gesamte Fußballwelt – Fans, Spieler, Clubs und all die Menschen, die den Fußball leben, atmen und lieben wie wir alle bei der Fifa – hinter mir stehen."

Blatter wird vielerorts verachtet. Dass er in Stadien oft ausgebuht wurde, traf ihn zwar. Zum WM-Finale 2006 in Berlin trat er gar nicht erst öffentlich auf. Aber abgehalten hat ihn der Hass des Volks auf ihn nie. Den großen Widerstand der Vereine und Spieler gab es gar nicht, vielleicht hat er davon geträumt.

"Aus diesem Grund habe ich mich entschieden, mein Amt bei einem außerordentlichen Wahlkongress niederzulegen. Ich werde meine Aufgaben als Fifa-Präsident bis zu dieser Wahl ausüben."

Diese Passage hat Jubelstürme auf dem Globus ausgelöst. Doch streng genommen ist es kein Rücktritt, sondern nur dessen Ankündigung. Es ist nicht mal ein Amtsverzicht. Manche Kommentatoren vermuten gar Zeitspiel. Blatter ist ein Meister des Kalküls. Er redet zwar viel Kindsköpfiges über interplanetarische Turniere, Fußball und Frieden, sich und Jesus, Gott-Blatter-Vergleiche. Doch ist er seinen Gegnern oft einen Schritt voraus.

Blatter könnte zum Beispiel in den kommenden Monaten seine Nachfolge nach seinem Geschmack regeln, er hat ja zum Beispiel einen Neffen im Sportbusiness. Vielleicht wirft er auch den Aktenschredder an. Der Sportpolitologe Roger Pielke verbreitet sogar die Theorie, Blatter trete nur zum Schein zurück, um den Hype um ihn abkühlen zu lassen. Am Ende stünde sein Wiedereintritt. Öffnet sich der Sargdeckel irgendwann doch noch mal?

"Der nächste ordentliche Fifa-Kongress findet am 13. Mai 2016 in Mexiko-Stadt statt. Um eine unnötige Verzögerung zu verhindern, werde ich das Exekutivkomitee auffordern, für die Wahl meines Nachfolgers zum nächstmöglichen Termin einen außerordentlichen Kongress einzuberufen. Wir müssen uns dabei an die Fifa-Statuten halten und genügend Zeit einplanen, damit sich die besten Kandidaten vorbereiten und präsentieren können."

Blatter weiß: Nach den Statuten kann sich die Fifa mindestens vier Monate Zeit nehmen. Die Fifa sagte später, der Kongress werde frühestens Ende Dezember stattfinden, vielleicht sogar erst im kommenden Jahr. Blatter genießt es, die anderen auf dem falschen Fuß zu erwischen. Mögliche Präsidentschaftskandidaten müssen tatsächlich erst gefunden werden. In der Vorwoche haben es alle versäumt, auch Prinz Ali, auf Maximaldistanz zu Blatter zu gehen und sich zu positionieren. Blatter hat keinen Konkurrenten auf Hüft-, geschweige denn auf Augenhöhe.

Blatter will die Uefa entmachten

"Da ich mich nicht mehr zur Wahl stellen und daher frei von allen Zwängen sein werde, die eine Wahl unvermeidlich mit sich bringt, kann ich die weitreichenden, grundlegenden Reformen vorantreiben, die unsere bisherigen Bemühungen spiegeln. Seit Jahren arbeiten wir hart daran, administrative Reformen umzusetzen. Es ist mir klar, dass diese nicht genügen und weitergehen müssen."

Über Reformen kann Blatter jetzt locker reden, er tut es erstaunlich häufig in seiner Rede. Durchaus möglich, dass er es ernst meint. Er will wohl seine Image retten. Reformen gab es in der Fifa unter Blatter in den vergangenen Jahren tatsächlich. Nach der skandalösen WM-Vergaben Ende 2010 wurde der Druck groß. Blatter gründete eine Reformkommission, holte externe Experten. So hat die Fifa-Ethikkommission nun zwei Kammern: eine ermittelnde, eine urteilende. Und über künftige WMs soll nicht mehr nur das Exekutivkomitee entscheiden, sondern der Kongress. Maßnahmen, die ihn selbst betreffen, hat der Scheinreformer Blatter aber stets gebremst. Sein offenbar obszönes Gehalt hat er nie offen gelegt.

"Dem Exekutivkomitee gehören Vertreter der Konföderationen an, über die wir keine Kontrolle haben, für deren Handeln die Fifa aber verantwortlich gemacht wird. Wir benötigen einen tiefgreifenden strukturellen Wandel."

Der Witz des Jahres. Blatter stellt sich nicht als Schaffer des Systems Fifa dar, sondern als Opfer dessen Zwänge. Eine dreiste Verdrehung der wahren Begebenheiten. Blatter war Jahrzehnte lang der Profiteur.

"Die Größe des Exekutivkomitees muss verringert und seine Mitglieder sollten vom Fifa-Kongress gewählt werden. Die Leumundsprüfungen für alle Exekutivkomiteemitglieder müssen zentral von der Fifa vorgenommen werden und nicht von den Konföderationen. Wir brauchen Amtszeitbeschränkungen nicht nur für den Präsidenten, sondern auch für alle Mitglieder des Exekutivkomitees."

An dieser Stelle wird Blatter ein wenig konkret. Hier sollte die Uefa genau hinhören. Dass er das Exko verkleinern und die sechs Konföderationen, etwa die Uefa, entmachten will, ist mal eine Ansage. Er will die Fifa zentralistischer aufstellen. Integritätschecks und Amtszeitbeschränkungen sind gute Ideen. Das ausgeschiedene Fifa-Mitglied Theo Zwanziger hat gerne darauf hingewiesen. Es ist natürlich absurd, dass ausgerechnet der Präsident, der sich gerade zum fünften Mal hat wählen lassen, von Amtszeitbeschränkungen redet. Eine typische Anmaßung von Blatter, seinen Nachfolger selbst kastrieren zu wollen.

"Ich habe schon früher für diese Änderungen gekämpft, aber meine Bemühungen wurden – wie jedermann weiß – blockiert. Dieses Mal werde ich Erfolg haben."

Völlig übertrieben. Reformen lagen ihm nie am Herzen, er hat nicht mal das Nötigste getan. Gescheitert sind Reformen aber insbesondere an der Uefa, wie der Chef der Reformkommission Mark Pieth betonte, und an südamerikanischen Großgaunern. Darauf spielt Blatter an, ihnen droht er. Vor allem will er klarmachen, dass er die Geschicke der Fifa nach wie vor lenken wird. Und es gibt ja auch noch genug Leute, die ihm um den Hals fallen.

"Ich kann das aber nicht alleine schaffen. Ich habe deshalb Domenico Scala gebeten, die Einführung und Umsetzung dieser und anderer Maßnahmen zu beaufsichtigen. Domenico Scala ist der unabhängige Vorsitzende unserer Audit- und Compliance-Kommission und vom Fifa-Kongress gewählt. Er ist ebenfalls Vorsitzender der Ad-hoc-Wahlkommission und wird als solcher die Wahl meines Nachfolgers beaufsichtigen. Domenico Scala genießt das Vertrauen breiter Kreise in und außerhalb der Fifa und verfügt über die erforderlichen Kenntnisse und Erfahrungen, um dabei zu helfen, diese wichtigen Reformen anzugehen."

Der italienische Top-Manager Scala gilt als integer (zumindest redet er so), aber auch als Blatter gegenüber loyal. Macht hat er wenig. Scala ist für Compliance zuständig, mit den Wirtschaftsprüfern von KPMG kontrolliert er die Bilanzen der Fifa und der Konföderationen. Die Fifa gilt viel Geld dafür aus, leistet sich die Besten. Man könnte auch sagen, die Fifa leistet sich die Besten, um ihre Sauereien zu verstecken. Ob Scala das Vertrauen der Blatterbrüder aus Afrika und Südamerika besitzt oder ob er bloß mehr über sie weiß? In der Fifa kann das das Gleiche bedeuten.

"Aus meiner tiefen Sorge um die Fifa und ihres Wohls, das mir sehr am Herzen liegt, habe ich diese Entscheidung getroffen. Ich möchte ferner all denjenigen danken, die mich als Fifa-Präsident stets wohlwollend und loyal unterstützt und so viel für unseren geliebten Fußball getan haben. Wenn all dies vorüber ist, muss der Fußball der Sieger sein. Dies zählt mehr als alles andere für mich."

Amen.

Die Rede zeigt: Der Fußball-Machiavelli Blatter beherrscht auch Defensivstrategien. Er lässt einiges offen, behält die Initiative und setzt andere unter Zugzwang. Die könnten gegebenenfalls als Blockierer dastehen. Blatter ist noch da, heute ging er ins Büro. Möglicherweise will er seinen Ruf retten, möglicherweise Rache üben, möglicherweise spekuliert er auf ein späteres Amt als Ehrenpräsident. Er will wohl nicht zu Hause sitzen. Eine Kapitulation jedenfalls klingt anders.  

Klar ist aber auch, dass sein Spielraum eingeengt ist. Zur Frauen-WM in Kanada etwa, die am Wochenende beginnt, will er nicht erscheinen. Das ist eigentlich ein Pflichttermin für den Präsidenten, selbst wenn er den Frauenfußball geringschätzt. Vielleicht fühlt er sich dort den Sheriffs vom FBI zu nahe. Von denen und von seinem Intimfeind Andrew Jennings hängt Blatters Schicksal ab, da helfen alle sportpolitischen Winkelzüge nichts.