Ob ich glaube, dass es "noch einmal etwas werden könnte mit dem Frauenfußball", fragte mich unlängst eine hochgeschätzte Kollegin, die für eine große deutsche Tageszeitung von der Frauen-WM in Kanada berichtet. "Aber der Frauenfußball ist doch schon was! Und er wird in Zukunft gewiss weiter wachsen und enorm an Popularität und spielerischer Schönheit gewinnen!", schrieb ich unverzüglich. Das klang gut. Das klang korrekt. Das klang zitierfähig. Vor allem aber war es schlicht gelogen. Ich bin mir nämlich alles andere als sicher.

Ebenfalls radikal unklar ist mir indes, wie der Frage, ob dem Frauenfußball möglicherweise ein geschlechtsbedingtes Problem zu eigen ist, das seine ästhetische und qualitative Anziehungskraft auf Sicht nachhaltig begrenzt, im heutigen Diskursklima überhaupt shitstormfrei nachzugehen wäre. Denn um sich diesem (wie mir scheint, gerade bei Frauen weit gehegten) Zweifel sachhaltig zu widmen, hätte man ja zunächst einmal einzugestehen, dass es so etwas wie ein distinkt weibliches Fußballspielen gibt, das sich in Anlage, Struktur und Ausführung vom Männerfußball unterscheidet. Zwar drängt sich genau dieser Eindruck jedem kundigen Menschen nach gut fünf Minuten Spielbeobachtung unabweisbar auf, dennoch erweisen sich die diskursiven Hürden für eine derartige Erörterung als unüberwindbar. Ich weiß, wovon ich spreche. Vor gut zwei Jahren erlaubte ich mir in einem Artikel, die Fußballwelt mit der These zu provozieren, der von Pep Guardiola in Barcelona enorm erfolgreich kultivierte Spielstil lasse sich aus der Perspektive klassischer und gesellschaftlich tief verankerter Geschlechterattribute am plausibelsten als eine "Feminisierung der Fußballs" fassen.

Die Resonanz war gewaltig und durch die Bank vernichtend. Sie reichte bis zur Infragestellung meiner geistigen Gesundheit durch die lieben Kollegen der Bild-Zeitung. Womöglich war meine These tatsächlich einfach Blödsinn. In jedem Fall aber legten die Reaktionen eine diskursive Konstellation frei, in der folgende vier Behauptungen in Sachen Fußball unter Tabuverdacht stehen:

Männer spielen wie Männer.

Männer spielen wie Frauen.

Frauen spielen wie Männer.

Frauen spielen wie Frauen.

Wie tragisch. Denn zumindest für Männer gab es in den vergangenen fünfzig Jahren in unserem Kulturkreis keine soziale Praxis, die für die Ausbildung einer geschlechtlichen Identität eine gewichtigere Rolle spielte als der Fußball. Männer wurden und werden noch immer, im gendertheoretischen Sinn, maßgeblich durch den Fußball zu Männern. Zudem war das Spiel seit Beginn eindeutig codiert, und zwar war männlich: mit einem großen M. Man kann sich also kaum eine reaktionärere und emanzipationsfeindlichere Haltung vorstellen, als die sprachliche Tabuisierung der Tatsache, dass es eine enge und sozial höchst wirksame Verbindung zwischen klassischen Genderzuschreibungen und dem Fußball gibt.

Die eigentlich entscheidende Frage für die künftige, insbesondere mediale Entwicklung des Frauenfußballs besteht nun darin, ob und inwieweit sich im Fußball ein ehrlich empfundener, nicht-defizitärer Gebrauch des Satzes "Frauen spielen wie Frauen" etablieren wird. Wird man ihn je als Lob äußern können?