Weiter unten kann eine Fußballkarriere kaum beginnen. Als Steffi Jones das erste Mal mit ihrem großen Bruder Christian und dessen Freunden kicken geht, bleibt der Vierjährigen nur die Rolle als Torpfosten. Das Mädchen nervt die Jungs, ihr drei Jahre älterer Bruder ärgert sich, dass er die kleine Schwester überall hin mitschleppen und auf sie aufpassen muss. Also ist sie zuerst nur der Pfosten, später darf sie ins Tor, irgendwann lassen die Jungs sie richtig mitspielen. Steffi Jones erzählt das alles mit einem Grinsen, sie hat noch mehr solche Geschichten auf Lager. Vom Nichtaufgeben, Durchbeißen, Weitermachen. Eigentlich ist ihr ganzes Leben so eine Geschichte.

Ende April, Steffi Jones besucht die Sporthalle der Spartacus-Grundschule in Friedrichshain. Sie kommt als Botschafterin des Champions-League-Endspiels der Frauen. Steffi Jones – schwarze Hose, braune Bluse, flache Schuhe, Perlohrringe – betritt die kleine Bühne. "Entscheidend ist, dass ihr etwas findet, das euch Spaß macht", gibt sie den etwa 100 Kindern im Publikum mit auf den Weg. Mit vielen kleinen Erfolgen könne man Großes erreichen. Als Beispiel führt Jones an, dass viele junge Fußballer und Fußballerinnen beim Kopfball erst einmal die Augen schließen. Entscheidend sei aber, die Augen aufzumachen und den Ball anzuschauen. Und wenn man ihn dann mit der Stirn treffe und eine neue Richtung gebe, "dann ist das etwas, das einem Selbstvertrauen gibt".

Steffi Jones hat die Augen schon früh in ihrem Leben aufgemacht. Die 42-Jährige hat es immer wieder geschafft, ihre Angst zu überwinden, ein Ziel anzuvisieren und zu treffen. Sonst würde sie jetzt nicht vor den Friedrichshainer Kindern sprechen. Sonst wäre sie nicht in 111 Länderspielen für Deutschland aufgelaufen, wäre nicht Weltmeisterin und dreimalige Europameisterin geworden, hätte nicht zwei Mal Olympia-Bronze gewonnen. Sonst wäre sie 2013 beim "Ball des Sports" nicht mit ihrer damaligen Lebensgefährtin und heutigen Ehefrau über den Roten Teppich gelaufen und hätte sich nicht stilvoll und selbstbewusst als homosexuell geoutet. Vor allen Dingen hätte sie nicht die WM im Frauenfußball 2011 als Präsidentin des Organisationskomitees geprägt.

Trotzdem war es eine Überraschung, als der Deutsche Fußball-Bund (DFB) Ende März verkündete, dass Steffi Jones im kommenden Jahr das wichtigste Amt im deutschen Frauenfußball übernimmt und Bundestrainerin wird. Die aktuelle Bundestrainerin Silvia Neid wollte nach zehn Jahren im Amt frühzeitig ihre Nachfolge klären. Sie wird die Nationalmannschaft noch bei der WM in Kanada betreuen, in die das deutsche Team gegen die Elfenbeinküste startet (Sonntag, 22 Uhr, live im ZDF). Olympia 2016 in Rio de Janeiro wird Neids letztes Turnier als Bundestrainerin, dann übernimmt Jones. Trotz all ihrer Erfolge, Ausstrahlung und Popularität hält das nicht jeder für eine gute Idee.

"Ich wollte immer Trainerin sein."

Steffi Jones hat zwar die höchste deutsche Trainerlizenz – als Trainerin gearbeitet hat sie aber noch nie. Seit 2011 arbeitet sie beim DFB im Hintergrund, als Direktorin für Mädchen- und Frauenfußball. Es heißt, der DFB habe eigentlich die U-20-Nationaltrainerin Maren Meinert als neue Bundestrainerin favorisiert, die eher introvertierte Meinert schreckte aber vor der großen Öffentlichkeit zurück. Dieses Problem hat Steffi Jones nicht. Dass sie nun ohne jede Erfahrung die wichtigste Frauen-Mannschaft des Landes übernehmen soll, dass der Verband sich ohne Not auf dieses Experiment einlässt, hat bei vielen Beobachtern Kopfschütteln verursacht. Selbst DFB-Präsident Wolfgang Niersbach räumt ein, es gebe da "ein kleines Risiko". Dem Verband wird sogar vorgehalten, in einer Art Quotenregelung aus Prinzip ohne Rücksicht auf ihre Qualifikation eine Frau zur Bundestrainerin zu machen – und einen geeigneten männlichen Kandidaten von vornherein auszuschließen.

Steffi Jones reagiert auf die Kritik gelassen. "Es ist Fakt, dass mir die praktische Erfahrung fehlt. Da machen wir auch gar keinen Hehl draus", sagt sie. "Ich wollte immer Trainerin sein. Und jetzt isses so. Und ich freue mich drauf." Es gehe nicht um Männer und Frauen, "da bin ich die Letzte, die so denkt".

Ob man das Gleiche von ihren männlichen DFB-Chefs behaupten kann, ist allerdings fraglich. Bisweilen scheinen die Funktionäre Männerfußball und Frauenfußball wie zwei unterschiedliche Sportarten behandeln zu wollen, in dem bitteschön auch Männer und Frauen das Sagen haben sollen, aber fein säuberlich getrennt. Und beim Thema Frauenfußball will der Verband immer ein bisschen mehr als nur sportlichen Erfolg, sondern offenbart auch ein erstaunliches und bisweilen verkrampftes gesellschaftliches Sendungsbewusstsein. Die Lebensgeschichte von Steffi Jones scheint da gut zu passen.