An einem Samstagabend im April steht Ivan Rakitić im Stadion des FC Sevilla, barfuß, mit freiem Oberkörper, und weint. Trikot, Socken und Schuhe hat er euphorisch ins Publikum geworfen. Später ruft der 27 Jahre alte Mittelfeldspieler seinen Bewunderern entgegen: "Wenn ich nicht so schüchtern wäre, hätte ich euch noch mehr gegeben." Die Fans des FC Sevilla skandieren seinen Namen, immer wieder, obwohl Rakitić für den Gegner aus Barcelona spielte. In der Nordkurve, dort, wo die Ultras stehen, recken sie Banner in den Nachthimmel. Auf einem steht: "Das hier wird immer dein Zuhause sein."     

Rakitić wird geliebt. In Spanien, und in Sevilla sowieso. Schließlich war er es, der den Club im vergangenen Jahr als Kapitän zum dritten Sieg in der Europa League führte. 2014 war sein Jahr gewesen: Europa-League-Sieger und Spieler des Jahres in der Primera Division. Jener Liga, in der Lionel Messi und Cristiano Ronaldo an jedem Wochenende kleine Wunder auf dem Rasen vollbringen. Der Lohn für die Leistungen war eine Anstellung beim FC Barcelona, mit dem Rakitić am Samstag im Finale von Berlin die Champions League gegen Juventus Turin gewinnen kann. Als Stammspieler. Xavi Hernandez, den Mann der tausend Pässe, Barςas Gehirn der letzten Dekade, hat Rakitić auf die Bank verdrängt. 

Ivan Rakitić? Etwa der Ivan Rakitić, fragen sich nun viele Fans in Deutschland, der von 2007 bis 2011 für Schalke 04 in der Bundesliga spielte? Der während seiner Zeit im Ruhrgebiet zwischen Welt- und Kreisklasse schwankte, der einmal anmutige Tore schoss und anderntags die Flanken hinters Tor schlug? Der, der oft nur phlegmatisch über den Platz trabte und am Ende von Felix Magath für rund zwei Millionen Euro verscherbelt wurde? Genau der!

Ein Wunder? Nein.

Nur: Der Rakitić von einst hat mit dem von heute nicht mehr viel gemein. Abgesehen vom Talent. Aber das hatten sie bei Schalke auch schon erkannt, als sie ihn 2007 vom FC Basel holten. Rakitić bekam in Gelsenkirchen sogar die Nummer 10, sehr zum Missfallen von Mesut Özil. Das war mehr als ein Zeichen damals, es war eine Erklärung in Textilform, welchem Spieler der Club mehr zutraute und auf wen er in Zukunft bauen wollte. Nur wollte Rakitić der ganz große Durchbruch nicht gelingen. Aber jetzt, in Barcelona. Ein Wunder?

"Nein, das kann man so nicht sagen. Ich hatte schon früher das Gefühl, dass er es mal zu einem der ganz großen Clubs in Europa schaffen kann", sagt Lewan Kobiaschwili. Der Georgier spielte gemeinsam mit Rakitić zwei Jahre für Schalke. Die Leistungsschwankungen seines ehemaligen Mitspielers begründet Kobiaschwili wie folgt: "Ivan war erst 19, als er aus der Schweiz nach Deutschland kam. Die erste Station im Ausland ist immer schwierig. Und wenn der Verein auch noch unruhige Zeiten durchmacht, ist es noch schwieriger." Während der dreieinhalb Jahre in Gelsenkirchen erlebte Rakitić vier verschiedene Trainer. "Nicht alle hatten immer gleichviel Vertrauen in ihn", sagt Kobiaschwili. Vor allem Felix Magath nicht, der mit dem jungen, selbstbewussten Mittelfeldspieler das eine oder andere Mal aneinander geriet. "Ivan war von sich überzeugt ohne arrogant zu sein und hatte auch keine Probleme damit, als junger Spieler seine Meinung zu sagen. Damit kam nicht jeder zurecht", sagt Kobiaschwili.

Zwischen gut und überragend

Diese Charaktereigenschaften sollten Rakitić später in Sevilla zum Anführer machen. Aber auch in Spanien brauchte er einige Zeit. Erst als Unai Emery Trainer wurde, schöpfte Rakitić sein Potenzial aus. Der neue Trainer nahm ihn vom Flügel, stellte ihn nur noch im Zentrum auf, mal als echten Zehner, mal als Achter. Rakitić genoss alle Freiheiten, seine Leistungen schwankten nur noch zwischen gut und überragend. Die Mitspieler honorierten seine Leistungen, indem sie ihn zum Kapitän wählten. Er heiratete eine Sevillanerin, Spanisch spricht er weiterhin mit andalusischem Dialekt.