Kein Platz für Künstler – Seite 1

"Es tut mir leid für den Rest der Welt, aber wir werden in den nächsten Jahren nicht zu besiegen sein", orakelte einst Franz Beckenbauer nach dem WM-Titel 1990. Euphorisiert vom Sieg und in freudiger Erwartung der ostdeutschen Spieler, die zu seinem Team hinzustoßen würden, sah der Kaiser sein Land als künftig dominante Fußballmacht. Der Rest der Geschichte ist bekannt. Die Misere des deutschen Fußballs gipfelte im Erich-Ribbeck-Desaster bei der EM 2000, als das Team in der Vorrunde ausschied.

Heute, rund ein Jahr nach dem erneuten Sieg bei einer Weltmeisterschaft, hat man den Eindruck, Sprüche wie dieser seien wieder nicht mehr allzu fern. Das Durchschnittsalter der Nationalmannschaft liegt bei rund 26 Jahren. In der Bundesliga warten starke Spieler auf ihre Nominierungen. Aus den Jugendabteilungen rücken Scharen an hochtalentierten Kickern nach. Das war nicht immer so. Noch 2004 schied die U21 bei der EM direkt nach der Gruppenphase aus. Für die vorangegangenen Turniere konnte sie sich nicht einmal qualifizieren.  

In den vergangenen Jahren aber gab es viele Talente. Die U21-Europameister von 2009 bildeten das Gerüst für die Elf, die in Brasilien den Titel holte: Manuel Neuer, Jérôme Boateng, Benedikt Höwedes, Mats Hummels, Sami Khedira und Mesut Özil. Die U19 wurde 2014 Europameister. Die U17 wurde 2009 ebenfalls Europameister und kürzlich Vize-Europameister. Die U21 hat gute Chancen, mit einem Unentschieden gegen Tschechien am Dienstagabend ins Halbfinale der U21-EM einzuziehen. 

Es fehlen die Strategen

Doch trotz dieser Erfolge gibt es eine Entwicklung im deutschen Nachwuchsfußball, die nachdenklich stimmt: Es fehlen die kreativen Köpfe. In den Auswahlmannschaften werden auf hohem Niveau taktisch perfekt geschulte Spieler herangezogen. Etwas kreieren, ein Spiel lenken, können aber nur die wenigsten.

Ein gutes Beispiel sind Deutschlands Außenbahnen. Dort spielen fast durchweg starke Athleten und Gegenpressing-Maschinen, von denen aber keiner ein Spiel gestalten oder zumindest flexibel auf ihren Gegner reagieren kann. Selbst ein André Schürrle ist außerhalb seines Wirkungskreises überfordert. Spieler wie Eden Hazard, Angel Di Maria oder Arjen Robben gibt es in Deutschland nicht, und in den Juniorenmannschaften ist auch keiner in Sicht.

Selbst im zentralen Mittelfeld fehlen in den Jugendteams momentan die Strategen, den Neu-Münchner Joshua Kimmich einmal ausgenommen. Am deutlichsten wurde das in diesem Sommer bei der U17-Europameisterschaft. Der deutsche Trainer Christian Wück ließ Spielgestalter wie Dzenis Burnic oder auch Salih Özcan häufig auf der Bank. Im zentralen Mittelfeld regierten die Abräumer, davor die laufstarken Athleten. Angetrieben von Kapitän Felix Passlack überrannten die Junioren der U17 ihre Gegner reihenweise und kamen bis ins Finale. Dort wartete Frankreich, eine Mannschaft gespickt mit frühreifen 16- und 17-Jährigen, die ihrerseits Deutschland überrannte. Die Erkenntnis: Es gibt immer eine physisch noch stärkere Mannschaft. Dann würde ein spielerischer Plan B helfen. Den gab es aber nicht.

Ist Gegenpressing wirklich der beste Spielmacher?

Wie wichtig Athletik und körperliche Konstitution schon bei der Auswahl der Spieler sind, zeigt ein Blick auf die Geburtsdaten. Nur rund ein Viertel der Spieler von der U15- bis zur U21-Nationalmannschaft sind in der zweiten Jahreshälfte geboren. In dieser Phase der Entwicklung spielen bereits wenige Monate eine große Rolle. Das Januar-Kind ist dem im Dezember geborenen meist körperlich ein Stückchen voraus.

Für sein taktisches Niveau wird der deutsche Fußball überall auf der Welt beneidet. Wenn internationale Medien darüber berichten, schwingt stets der Eindruck mit, Deutschland wäre dem Rest zwei Schritte voraus. Bei genauerem Hinsehen beschränken sich die Faktoren, die Deutschland auszeichnen, auf einige wenige, die aber großen Einfluss haben: herausragende Talente, die taktische Systeme perfekt ausführen können. Und die große Stärke in Pressing und Gegenpressing. Der zweite Begriff floss sogar in der deutschen Form in den internationalen Sprachgebrauch ein.

Die Deutschen erfanden nicht das Gegenpressing. Aber sie können es bis zur Perfektion ausüben. Im Endeffekt bedeutet Gegenpressing nichts anderes, als dass direkt nach einem Ballverlust die gegnerische Mannschaft, wenn sie noch ungeordnet ist, attackiert wird. Jürgen Klopp prägte den Satz: "Gegenpressing ist der beste Spielmacher." Doch wenn der Vorgang der Balleroberung der beste Spielmacher ist, wer gestaltet das Spiel, wenn es keinen Ball zu erobern gibt?

Handwerker, aber keine Architekten

Als Hans-Dieter Flick im vergangenen Jahr den Posten des DFB-Sportdirektors antrat, sprach er davon, dass Jugendspieler "mehrere Systeme beherrschen" und "über einen großen Fundus an technisch-taktischen Ausbildungsinhalten verfügen" müssten. De facto spielen die meisten Bundesliga-Juniorenteams sowie die DFB-Auswahlmannschaften die immer gleichen Systeme. In den Nationalteams wird mit passendem Mittelstürmer ein 4-2-3-1 präferiert, ohne richtigen Neuner greift man auf das 4-2-4-0 zurück, das auch bei Joachim Löw häufiger zu sehen ist.

So züchten die Ausbilder eine Generation an Talenten heran, die insbesondere diese Systeme in Perfektion beherrschen. Sie werden allesamt zu Handwerkern, aber niemand zum Architekten. Sie können die taktischen Werkzeuge sehr gut bedienen, aber nur die wenigsten können Ideen kreieren.

Pure Kraft

Die U21 von Horst Hrubesch schlug am vergangenen Samstag Dänemark mit 3:0. Der taktische Plan sah vor, das Tempo der Außenstürmer Leonardo Bittencourt und Amin Younes sowie das des Angreifers Kevin Volland zu nutzen. Die Bälle wurden steil und scharf nach vorn gepasst. Der Zehner Max Meyer, der Spielmacher, blieb weitestgehend außen vor. In dieser weiträumigen Spielanlage konnte der Gestalter im offensiven Mittelfeld seine Stärken nicht einbringen. Die Deutschen gewannen, weil die Dänen über 90 Minuten hinweg gegen die brachiale Kraft der DFB-Elf nicht ankamen. 

Die U20, die bei der WM im Juni im Viertelfinale gegen Mali ausschied, spielte ebenfalls wenig inspiriert. Es dominierten Sicherheitspässe, in die gefährlichen Zonen vor die gegnerische Abwehr wurde nur recht träge gespielt. Bei Ungeduld gab es auch mal den langen Ball. Die Offensivtalente Marc Stendera und Julian Brandt konnten ihre durchaus vorhandenen Fähigkeiten zu selten einbringen.

Und Deutschland wird in den kommenden Jahren weiterhin um Pokale mitspielen. Die U21 hat gute Chancen auf den EM-Titel. Das Fundament des deutschen Fußballs ist stark. Doch für die letzten fünf Prozent braucht es die Feingeister und Strategen, die nicht nur rennen, sondern ein Spiel lenken können. Diese gibt es auch in der Generation nach Özil und Co., nur sind sie kaum zu sehen.