Wo bleiben nur die Blutlachen? Die ausgekugelten Gelenke? Die eingeschlagenen Schädel? Nick Hein und Lukasz Sajewski belauern sich im Ring. Mal greifen sie an, mal verteidigen sie. Mal kickboxen sie, mal ringen sie. Mal wird einer umklammert, mal entwischt einer. Ein Hin und Her, viel Taktik, wie es halt so ist im Sport. Bis eine Sirene ertönt, der Kampf vorbei ist und Hein nach Punkten gewinnt. Die übelste Verletzung: eine kleine Platzwunde unter dem Auge.

Das ist Mixed Martial Arts, kurz MMA. Der Sport, der in Deutschland einen denkbar schlechten Ruf hat. Mit "Gladiatorenkämpfen im alten Rom zu Zeiten der Christenverfolgung" verglich der ehemalige Vorsitzende des Sportausschusses des Bundestags Peter Danckert die Sportart. Der Innenminister Thomas de Maizière bezeichnete MMA einmal als "abscheulich". Die Bayerische Landeszentrale für neue Medien verbot 2010 sogar TV-Übertragungen.

Trotzdem sind am Samstagabend mehr als 8.000 Zuschauer in die Berliner Arena am Ostbahnhof gekommen. Die billigste Karte kostet 50 Euro. Die Leute wollen die UFC sehen, die Ultimate Fight Championship, ihres Zeichens die größte Mixed-Martial-Arts-Organisation der Welt. Hier messen sich die besten Kampfsportler aus allen Stilen in zehn Gewichtsklassen. In sogenannten Fight Nights touren die Kämpfer um die Welt. Zum zweiten Mal machen sie in Berlin Station, obwohl es nur wenige Kämpfer aus Deutschland gibt.

Erst Bundespolizist, dann Ultimate Fighter

Einer von ihnen ist Nick Hein. Nach seinem Sieg umarmt er seinen Konkurrenten, bedankt sich bei seinen Fans auf Deutsch, Englisch und Japanisch und verschwindet im Kabinengang. Er ist ein Quereinsteiger. Früher war er Judoka, wurde als Junior Deutscher Meister, später Bundespolizist und dann Profikämpfer. Er erfüllt so gar nicht das Klischee vom dummen Haudrauf. "Ich habe noch viele Fans unter meinen ehemaligen Kollegen, auch meine früheren Vorgesetzten drücken mir die Daumen", sagt er.  

Schuld an dem schlimmen Bild des Sports ist vor allem die Präsentation der UFC in ihrer Anfangsphase in den frühen Neunzigern. "There are no rules!" Mit diesem Slogan warb die UFC für sich. Der Sport war auch unter den nicht gerade vertrauenserweckenden Namen Free Fight und Käfigkampf bekannt. Besonders im Osten Deutschlands hatte die Sportart einen schlechten Ruf, weil bei Kampfabenden auch immer mal wieder Nazisymbole zu sehen waren.

Drei Todesfälle seit 1990, beim Boxen knapp 200

Heute hat die UFC ein umfassendes Regelwerk mit Sicherheitsbestimmungen, die denen des Boxens ähneln. Der Käfig wirkt martialisch, soll aber nur verhindern, dass Kämpfer herausfallen. Das Verletzungsrisiko bei  MMA ist laut Studien nicht höher als bei vergleichbaren Kampfsportarten. Die Risiken für Kopfverletzungen sind geringer als beim Boxen, weil ein großer Teil des Kampfes auf dem Boden stattfindet wo es weniger Kopftreffer gibt. Beim MMA gab es seit 1990 drei Todesfälle, beim Boxen waren es knapp 200. "Ich wünsche mir für den Sport die Anerkennung von Kritikern und Medien, die er verdient", sagte Hein.

Es ist nicht die Brutalität, die den Sport attraktiv macht, sondern Technik und Taktik. Die Grundfrage, welcher Kampfsportler der beste wäre, wenn so wenig Regeln wie nötig existierten, hat schon die alten Griechen interessiert. Sie ließen im Pankration Ringer und Boxer gegeneinander antreten. Beim MMA sind Einflüsse aus dem Boxen, Ringen, Judo und Muay Thai zu erkennen. Und jeder Sportler muss um seine eigenen Stärken und Schwächen wissen. Ein Judoka muss bei einem Boxer die Distanz durchbrechen, die dieser braucht, um seine Schläge zu landen. Einen Ringer muss der Judoka wiederum auf Distanz halten, um einem Hebel zu entgehen und selbst zum Wurf ansetzen zu können.