Es ist der 9. November 1989, als der junge Andreas Vogler wie Millionen Andere ungläubig vor seinem Fernseher sitzt und Freudentränen vergießt. Auf der Berliner Mauer tanzen die Geister, die Günter Schabowski und seine Mitstreiter gerufen hatten. Dass hier gerade Geschichte geschrieben wird, begreift er natürlich auch, nur noch nicht, dass es auch seine eigene ist.  

Vogler, ein junger ehrgeiziger Fußball-Legionär, der sich einst von den staubigen Bolzplätzen Berlin-Neuköllns über Tennis Borussia zu Hertha BSC hochgestochert hatte, spielt zu diesem Zeitpunkt bei EPA Larnaca auf Zypern, weil ihn die hochnäsige alte westberliner Dame nach einer erfolgreichen Saison plötzlich nicht mehr haben wollte. Auch auf der Insel stehen die Zeichen nach nur einer Spielzeit auf Abschied, und für Vogler gibt es sowieso nur noch einen Weg, und der heißt zurück, zurück auf diese andere Insel, die Berlin zu diesem Zeitpunkt eigentlich gar nicht mehr ist.

"Ich wollte da spielen, wo es Fußball und Geld gibt"

Irgendwann im Frühjahr 1990, in seiner großen leeren Wohnung in der einstmals geteilten Stadt, erreicht Vogler ein Anruf von seinem Spielerberater Wolfgang Fahrian, der auch Veteranen wie Jürgen Kohler und Mauricio Gaudino vertritt. Stahl Brandenburg habe angefragt, ob er sich das Ganze nicht mal anschauen wolle, es ginge um nicht mehr und nicht weniger als die Teilnahme an der letzten DDR-Oberligasaison. Der Pragmatiker Vogler unternimmt mit seinem Kollegen Jörg "Blüte" Blüthmann tatsächlich bald darauf die lange Odyssee in das unbekannte Land. "Das war mir scheißegal", so Vogler, "Ich wollte da spielen, wo es Fußball und Geld gibt."  

Von letzterem haben sie bei Brandenburg mehr als genug, dem örtlichen Stahlwerk als Sponsor sei Dank, blühende Fußball-Landschaften, und Vogler plötzlich wieder mittendrin, die Vertragsunterschrift eine reine Formsache. "Als Sportler warst du da ein gemachter Mann", erinnert er sich, "außerdem gepflegter Rasen, eine gute Medizinabteilung, die haben da echt was für den Sport getan." 

Neben dem Geld winkt Vogler auch noch ein Eintrag in die Annalen der neugegründeten Bundesrepublik Deutschland. Der Stürmer wird mit seinem Wechsel zu Stahl Brandenburg der erste Profi-Fußballer überhaupt, der vom Westen in den Osten geht – der Mauerfall hat zu dem Zeitpunkt zwar bereits in den Geschichtsbüchern stattgefunden, noch nicht aber in den Köpfen. "Wie kann man nur hier herkommen, haben die sich anfangs alle gefragt, ich war ja der versnobte Wessi aus dem Schlaraffenland." 

Doch Vogler passt sich schnell an, gibt den trinkfesten Kollegen nach einer gewonnenen Partie gerne mal einen aus, ist sich auch nicht zu schade, im Trabi des späteren Europameisters Steffen Freund mitzujuckeln. Im Training fragen sie ihn ungläubig, ob das denn wirklich so sei da drüben im Westen, ob man denn da tatsächlich alles kaufen könne, und Vogler wiederum schüttelt verständnislos den Kopf, wenn die Kollegen vor einem wichtigem Spiel bis zwei Uhr früh die Puppen tanzen lassen. 

Die letzte, historische Oberligasaison

Trotzdem wächst da langsam zusammen, was scheinbar zusammengehört: Vogler zittert bei Heimspielen unter den "Stahl! Feuer!"-Schlachtrufen der Fans vor Gänsehaut, und fährt von Montag bis Freitag die 78 Kilometer von seiner Wohnung zum Training. Auf der Autofahrt hört er gerne Smokie, während am Horizont sinnbildlich Tag für Tag immer wieder die sechs rauchenden Türme des Stahlwerks auftauchen.  

Sportlich ist es eine aufregende Zeit, es herrscht Aufbruchsstimmung und Melancholie, und sogar lebende Legenden wie Günter Netzer schauen mal bei Stahl vorbei, um Spieler abzuwerben. Vogler bleibt und muss sich vorerst mit einem Platz auf der Ersatzbank begnügen, das Team ist auch Heimat einiger Spieler mit Europapokalerfahrung. "Da wurde ich als Neuankömmling erst mal misstrauisch beäugt." Acht Tore in vier Spielen aber lassen schnell alle Kritiker verstummen, und mit Vogler träumt die ganze Mannschaft davon am Ende der letzten, der historischen Oberligasaison zumindest Platz sechs zu erreichen, mit dem Stahl im Jahr drauf direkt in der 2. Bundesliga spielen würde.