Das Fußballgeschäft ist schnelllebig, das war bekannt. Aber so schnelllebig? Erst vor ein paar Tagen hat Bastian Schweinsteiger seine teuren Kopfhörer in sein noch teureres Ledertäschchen gepackt und ist nach Manchester geflogen, was viele Bayernfans fürchten ließ, ihr Verein verkaufe als Nächstes auch die restlichen Clubikonen, also die Säbener Straße, das Vereinswappen und Uli Hoeneß, in dieser Reihenfolge. Nur kurz nachdem einige noch auf die ersten Bilder ihres Basti im Trikot von Manchester United schluchzten und sich mit der Möglichkeit trösteten, dass die auch gephotoshoppt hätten sein können, steht plötzlich ein Transfer vor der Tür, der Schweinsteiger bald vergessen machen wird. Aufmerksamkeitstechnisch und sportlich.

Der Mann heißt Arturo Vidal, ist 28 Jahre alt, stammt aus Chile und sieht aus wie ein Apache, der ein Tattoostudio leitet. Aber: Nur dem, der in den vergangenen Jahren hinterm Pluto wohnte, könnte entgangen sein, welch großartiger Fußballer Vidal ist. In vier Jahren wurde er mit Juventus Turin viermal Meister. Im vergangenen Jahr hievte er sein Team gar bis ins Finale der Champions League; und wenn einige der gewöhnlich gut informierten italienischen Zeitungen nicht irren, ist er sich schon mit dem FC Bayern einig. Es gehe nur noch um die Ablöse. 30 Millionen? Oder doch 40?

Immer auf der Suche nach dem nächsten Zweikampf

So oder so, der FC Bayern hat's ja und das Geld ist auch gut investiert. Vidal ist nämlich das, was den Münchnern fehlt: ein fußballerisches Arschloch. Er tut weh. Schon sein Anblick: Auf dem Kopf trägt er einen Iro, der Rest der Haare ist kurzgeschoren, aber immer noch lang genug, um stets neue Muster auf den Schädel zu schnitzen, mal das Modell Winterreifen, mal der Irrgarten. Dazu seine Tattoos, der Spiderman, der Rosenkranz, das Pferd mit Jockey, die Namen seines Sohnes und seines Neffen und das Porträt seiner Mutter. Beim Duschen sieht Vidal neben Philipp Lahm bestimmt lustig aus.

Auf dem Platz geht er zur Sache. Die Engländer nennen Spieler wie ihn einen box-to-box-player, einen Spieler, der zwischen den Strafräumen pendelt und sich überall ins Getümmel wirft. Vidal läuft kreuz und quer über den Platz, immer auf der Suche nach dem nächsten Zweikampf. So erobert er viele Bälle, wandelt aber auch immer an der Grenze zur Unfairness. Im Internet kursieren Videos mit seinen schönsten Fouls. Im diesjährigen Champions-League-Finale fing er sich schon nach zehn Minuten eine Gelbe Karte ein und musste sich fortan zurückhalten, was bei ihm aber immer noch so aussieht wie andere Mittelfeldspieler im Zornmodus. Vidal wirkt stets so aufgedreht, die italienischen Medien haben für ihn das Wort Vidalität erfunden.

Sieg-oder-Tod-Pathos

Genau das ist es auch, was den Chilenen für die Bayern so interessant macht. Der Fußball von Pep Guardiola schwebt technisch und taktisch auf höchstem Niveau, kommt aber hier und da etwas blutleer daher. Manchmal sediert die Mannschaft sich mit ihrem ausgeklügelten Positionsspiel selbst. Oft fehlt einer, der mal aus der Reihe tanzt, etwas Verrücktes macht oder einfach nur dazwischen haut. Ein Scheusal inmitten der braven Systemfußballer eines Trainers, der in seiner Freizeit in Literaturhäusern Gedichte vorträgt.

Vidal wird "der Krieger" genannt. Eigentlich nennt er sich selbst so und erzählt dann immer von seinem Vater, der ihn und seine Mutter und die fünf Geschwister verließ, als Vidal noch klein war, und der ihm nun gestohlen bleiben kann. Hängen geblieben ist ein fast beängstigender Sieg-oder-Tod-Pathos, der bei den Bayern zunächst einen kleinen Kulturschock provozieren könnte, aber dann werden sich alle an Effenberg und Kahn und Matthäus erinnern. Mit seiner ganz besonderen Arbeitseinstellung kickten Vidal und seine Chilenen im vergangenen Sommer bei der WM erst den Titelverteidiger Spanien aus dem Turnier und scheiterten dann erst im Elfmeterschießen an Brasilien.