Fast genau ein Jahr ist es her, da kletterte Bastian Schweinsteiger die Ehrentribüne des Maracanã hinauf. In seinem Bergsteigergesicht eine Platzwunde von einem der Argentinier, die ihn so bearbeitet hatten in diesem WM-Finale. Die Menschen klopften ihm auf die Schulter, er ging voran, die Mannschaft hinterher. Ein paar Augenblicke später küsste er den WM-Pokal. Das Finale war das Spiel seines Lebens.

Ein Jahr später muss Bastian Schweinsteiger erkennen, dass Dinge vergänglich sind. Seine Dienste werden nicht mehr überall gewürdigt. Vor allem nicht zu Hause in München. Es gibt ein Angebot von Manchester United für ihn, doch klare Bekenntnisse, Schweinsteiger in jedem Fall behalten zu wollen, ertönen weder vom Bayern-Trainer Pep Guardiola noch vom Sportdirektor Matthias Sammer, auch nicht vom Clubchef Karl-Heinz Rummenigge. Der plauderte stattdessen sogar aus, dass sich Schweinsteiger von dem Angebot aus England geschmeichelt fühle. So klingt niemand, der um einen Weltmeister kämpft.

Ein wenig ist das Verhalten des FC Bayern verständlich. Schweinsteiger hat in der Nach-WM-Saison 14 von 34 Bundesligaspielen verpasst. Er war viel verletzt, kämpft schon länger mit seinem Körper. Und er weiß selbst, dass sein kraftvolles Spiel nur wirkt, wenn er richtig fit ist.

Nicht noch einmal mit Alonso und Schweinsteiger

Doch würden die Münchner sich für einen gesunden Schweinsteiger ins Zeug legen? Wahrscheinlich nicht. Er ist kein Guardiola-Spieler. Der Trainer steht eher auf schnelle, wendige Mittelfeldspieler wie Thiago oder Philipp Lahm. Schweinsteigers Übersetzung ist für das flinke Spiel des Trainers etwas zu groß. Zudem hat Guardiola in der vergangenen Saison Xabi Alonso verpflichtet, der Schweinsteigers Vorteile – Zweikampfstärke und strategische Qualitäten – ebenso verkörpert, taktisch sogar noch ein wenig disziplinierter auftritt.

Guardiola wird wohl kaum noch einmal mit Alonso und Schweinsteiger spielen. Das musste er im Halbfinale der Champions League gegen den FC Barcelona tun, die Bayern verloren aggregiert 3:5. Alonso und Schweinsteiger mögen zusammen in der Bundesliga gegen mittelgute Mannschaften funktionieren, auf höchster europäischer Ebene, in der Raum und Zeit knapp werden, reicht ihr Spiel nicht aus. Zumal auch Talente wie Sebastian Rode, Joshua Kimmich oder Pierre-Emil Højbjerg nachdrängen.

Fünf Plätze vor Karl-Heinz Rummenigge

Sportlich wäre der Weggang Schweinsteigers für den FC Bayern also verkraftbar. Auf einer anderen Ebene womöglich weniger: kulturell.

Schweinsteiger ist der FC Bayern. Er ist der Liebling der Fans, hat bayerische Wurzeln, bei seinem ersten Auftritt in München nach der WM gab es Standing Ovationen. Er wurde im Bayerntrikot zu einer Fußballlegende. 502 Spiele machte er mit seinen 30 Jahren bereits für die Münchner, steht damit auf Platz acht der ewigen Bayerntabelle, vier Plätze übrigens vor Philipp Lahm und fünf vor Karl-Heinz Rummenigge.

Er ist einer der wenigen, bei dem es nicht seltsam aussieht, wenn er in Lederhosen auf dem Oktoberfest erscheint. Für die bayerische Seele ist Schweinsteiger wohl der wichtigste Teil des Bajuwaren-Triumvirats um Philipp Lahm und Thomas Müller. Kein Wunder, dass viele Bayernfans nun über den fehlenden Rückhalt ihres Vereins ihrem Helden gegenüber schimpfen. Auch, dass er als Tauschobjekt für Uniteds Ángel Di María gehandelt wird, erzürnt die Anhänger. Ein Schweinsteiger als Tauschobjekt! Das ist ja so, als würde man das Hofbräuhaus gegen einen Eimer Sangria hergeben.