Mit der vornehmen britischen Zurückhaltung war es längst vorbei, auf den Rängen des Centre Courts von Wimbledon hielt es niemanden mehr auf den Sitzen. Die Tennisfans haben immer wieder mit angesehen, wie die großen Favoriten auf dem heiligen Rasen stürzten. Doch selten war es dabei so verrückt zugegangen wie an diesem Tag. So einen wie Dustin Brown, diesen Fastzweimeterschlaks mit den langen Dreadlocks, gibt es nicht noch einmal.

Der Außenseiter hatte den zweimaligen Champion Rafael Nadal mit seinem wilden Spiel und seinen kuriosen Schlägen schier zur Verzweiflung getrieben. Zwei Matchbälle konnte Nadal noch abwehren, aber nun hatte Brown den ersten bei eigenem Aufschlag. Die Fans johlten und applaudierten ihm schon jetzt stehend und mochten sich kaum mehr beruhigen. Brown schlug ein Ass und ließ seinen Schläger fallen, er hatte die Sensation geschafft. Mit einer spektakulären Show hatte der Niedersachse aus Celle den 14-maligen Grand-Slam-Champion mit 7:5, 3:6, 6:4 und 6:4 in der zweiten Runde vom Platz gefegt.

Dustin Brown war zu diesem Zeitpunkt die Nummer 102 der Weltrangliste, der einzig verbliebene männliche Tennisprofi aus Deutschland, der sich zudem durch die Qualifikation quälen musste. Und jetzt besiegte er Rafael Nadal, den Rafael Nadal! "Es war nicht leicht", sagte Brown, der es noch kaum fassen konnte, "aber mein Vorteil war, dass ich absolut nichts zu verlieren hatte."  

Für ein paar Dollar Preisgeld

Das hatte der 30-Jährige in der Tat überhaupt nicht. Schließlich hatte er den Großteil seiner Profikarriere in den Niederungen der Rangliste jenseits von Platz 500 zugebracht. Statt bei den großen, lukrativen Turnieren trat er in den zugigen Tennishallen der europäischen Provinz für ein paar Dollar Preisgeld an. Brown lebte noch vor ein paar Jahren quasi in einem Campingbus.

Mit elf Jahren zog er mit seiner Familie von Celle nach Jamaika, der Heimat seines Vaters, dessen Tattoo er auf dem Bauch trägt. Dustin liebte Tennis. Als die Browns vor zehn Jahren zurück nach Deutschland kamen, konnten sie ihren Sohn bei seiner Karriere finanziell nicht so unterstützen, wie es im Tennissport immer noch nötig ist. Doch sie kauften ihm den VW-Bus, der Brown Flüge und Hotels ersparte. Und zumindest für die nächste Tankfüllung reichte das magere Preisgeld, das er sich Woche für Woche erspielte.

Kein Geld für einen Trainer

Jahrelang führte Brown ein Nomadenleben jenseits von Luxus. Er verdiente mickrige Preisgelder, Sponsoren interessierten sich nicht für ihn. Nachdem er schon vor zwei Jahren in Wimbledon in die dritte Runde einzog, erstmals in einem Grand Slam, und schon damals die Briten begeisterte, gab es zwar viel Geld, aber Brown sagte damals: "Es klingt nach viel, aber man muss ja schauen, wie viel Miese man vorher gemacht hat."

Brown ist Autodidakt. Kim Wittenberg, ein Amerikaner, der in seiner Heimat eine Tennisakademie betreibt, hatte Brown zwar als Kind die Grundlagen beigebracht. Doch danach fehlte Brown das Geld für einen Coach. Er schaute sich hier und da etwas ab, doch seine Technik ist, milde gesagt, ausbaufähig. Brown sagt selbst, sein Spiel schwanke zwischen "gut" und "dumm". "Es hat eine Weile gedauert, bis ich verstanden habe, dass ich so ein Match wie heute an einem bestimmten Tag gewinnen kann, aber auch mal ein grottenschlechtes Match spielen kann", sagte er nach dem Match gegen Nadal. "Ich muss akzeptieren, dass mein Spiel eine große Spanne hat."