Auf dem Feld ist Filip Jicha der Typ Handballer, der gegnerische Verteidigungsreihen alleine sprengt. Mit seiner Wucht hat es der über zwei Meter große Rückraumspieler des THW Kiel zum Welthandballer (2010) gebracht, zu sieben Deutschen Meisterschaften und zwei Siegen in der Champions League. Von vielen Kieler Fans wird Jicha nahezu vergöttert, seitdem er vor gut einem Jahr beschloss, seine schwere Sprunggelenksverletzung einfach zu ignorieren – und so entscheidend half, dem THW im spannendsten Finale aller Zeiten die neunzehnte Meisterschaft zu sichern.

Das ist die glänzende Seite des dreiunddreißig Jahre alten tschechischen Kapitäns: der selbstbewusste, sportliche Held, der physische Grenzen mühelos überwindet. Von einer anderen Seite hat Jicha am Montag aus freien Stücken in den Kieler Nachrichten erzählt, um zu erklären, warum er den THW Kiel, nicht ganz freiwillig, verlassen will.

Mit seltener Schonungslosigkeit spricht Jicha über seine dramatischen Geldsorgen. Er sagt, dass er sich in seiner Zeit beim ostwestfälischen Bundesligisten TBV Lemgo (2005-2007) mit Immobilien schwer verspekuliert habe. Er sei damals in seiner Naivität in eine "tiefe Falle getappt". Rund vierzig Prozent seines heutigen Gehaltes müsse er für Zins und Tilgung dieser Objekte aufbringen. 

Er habe derzeit "nur schlaflose Nächte", weil er förmlich dazu gezwungen sei, das lukrative Angebot des FC Barcelona (Vierjahresvertrag bis 2019) anzunehmen. "Ich bitte den THW Kiel, mich zu verkaufen", sagt Jicha. Sein Vertrag läuft bis 2016, mit einer beidseitigen Option auf ein weiteres Jahr. Der Verein hat die Option bislang nicht gezogen.

In der Handballhochburg Kiel verursacht Jichas Bekenntnis ein Beben. Für Szenekenner hingegen ist allenfalls überraschend, mit welcher Drastik Jicha seine Lage ausbreitet. Denn seit über fünf Jahren ist ihnen klar, dass in den Immobiliengeschäften vieler Handballprofis eine Zeitbombe tickt. Speziell, wenn sie eine Lemgoer Vergangenheit haben.

Der Spiegel berichtete 2010, wie der Handball seit etwa 2005 clevere Vermögensberater anzog. Die Gehälter der Stars waren stark gestiegen. Es ging ihnen plötzlich nicht mehr nur im Tore und Punkte, sondern auch um Steuersparmodelle, etwa durch den Kauf von Immobilien. Detailliert beschrieben wurde der Ruin des Isländers Logi Geirsson, einer der Mitspieler Jichas beim TBV Lemgo.

Der Isländer hatte zwischen 2006 und 2009 insgesamt zwanzig Wohnungen mit einem Volumen von 2,4 Millionen Euro gekauft. Vermittelt wurden diese Geschäfte alle von ein- und demselben Immobilienberater. Er ging als Verkäufer so geschickt zu Werke, dass einige Profis die Immobilienobjekte manchmal in einer Mischung aus Gier und Sorglosigkeit kauften, ohne sie überhaupt gesehen zu haben.

Mindestens vierundzwanzig Profis hatten sich auf diese Immobiliendeals eingelassen, so der Stand 2010. Auch der dänische Rechtsaußen des HSV, Hans Lindberg, war bereits in finanzielle Turbulenzen geraten. Daraufhin warnten Klubverantwortliche wie der HSV-Mäzen Andreas Rudolph ihre Profis vor dem Anlageberater, der über Vip-Bereiche und Spielerberater an die Kontakte der Profis gekommen war.

Der Anlageberater wehrte sich mit Anwälten erfolgreich gegen Vorwürfe, er habe den Handballern Schrottimmobilien verkauft. Er präsentierte dabei auch Ehrenerklärungen von verschiedenen bekannten Profis aus Lemgo. Darin bescheinigten sie ihm, "immer bestens beraten" worden zu sein. Auch Geirsson hatte dieses Papier unterschrieben.

Anfang 2013 wurde der Fall eines weiteren prominenten Handballers öffentlich. Vor dem Oberlandesgericht Hamm verlor er ein Berufungsverfahren gegen die Sparkasse Paderborn. Ihr hatte er vorgeworfen, ihn beim Kauf von zwei Objekten im Verbund mit dem Immobilienberater bewusst benachteiligt zu haben. Aus dem Urteil geht hervor, dass er seit 2006 gesamt dreißig Objekte zu Steuersparzwecken gekauft hatte, das Finanzierungsvolumen betrug etwa 2,8 Millionen Euro. Keines der Objekte hatte der Handballer vor dem Kauf besichtigt. Er hatte dem Immobilienberater eine umfassende Vollmacht zum Kauf von Immobilien bis 12 Millionen Euro unterschrieben. Äußern wollte er sich damals nicht.

Es gibt Profis, die diese Immobilienaffäre inzwischen mithilfe ihrer Klubs mit geringem bis mittleren Schaden überstanden haben. Andere wie Jicha kämpfen immer noch mit den Konsequenzen. Die meisten Handballer jedoch schweigen bis heute über ihre finanziellen Probleme. Vermutlich weil ihnen peinlich ist, sich in einer Zeit, die dem Handball eine blühende Zukunft verhieß, auf derart abenteuerliche Geschäfte eingelassen zu haben.